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Mindestens jedes achte Kind in Deutschland ist chronisch krank - die Probleme verschärfen sich

Die Lebensqualität chronisch kranker Kinder und Jugendlicher in Deutschland muss verbessert werden - das forderten Experten beim Kongress der Kinder- und Jugendärzte in Bad Orb. Massiv betroffen: adipöse Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren.

Raimund SchmidVon Raimund Schmid Veröffentlicht:

Das Kindes- und Jugendalter zählt zweifelsohne zu der gesündesten Altersspanne überhaupt. Das bedeutet: Die allermeisten Menschen sind in dieser Lebensphase gesund. Besorgnis bereitet den Ärzten aber der stetig steigende Anteil chronisch kranker junger Menschen. Mindestens jedes achte Kind in Deutschland ist chronisch krank, bekräftigte Professor Stefan Wirth, ärztlicher Leiter des Zentrums für Jugendmedizin am Helios Klinikum Wuppertal, beim Herbstkongress der Kinder- und Jugendärzte in Bad Orb.

So weisen es auch die bundesweit repräsentativen Daten des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KIGGS-Studie) aus. Eine Woche lang haben sich die Pädiater in Bad Orb mit dem Schwerpunktthema "Das chronisch kranke Kind" befasst. Kongressleiter Stefan Wirth wies auf das - häufig unterschätzte - breite Spektrum chronischer Krankheiten bei älteren Kindern und Jugendlichen hin. Während nur fünf Prozent aller Zweijährigen einen speziellen Versorgungsbedarf benötigen, steigt dieser ab dem Alter von sieben Jahren bis ins Jugendalter hinein deutlich.

Immer mehr neue Störungsformen

Dies liegt daran, dass fast alle chronischen Krankheiten in der Adoleszenz weit häufiger vorkommen als in den ersten Lebensjahren eines Kindes. Hinzu treten bei Jugendlichen neue Störungsformen wie Essstörungen oder ein riskantes Alkoholverhalten, die im Kindesalter noch gar nicht auftreten. Der Druck auf die jungen Menschen nimmt ab der Schulzeit zu, beklagt Wirth. Nach den Daten des LBS Kinderbarometers 2009 sind von den neun- bis 14-jährigen 33 Prozent häufig von Stresskopfschmerzen und 22 Prozent von stressbedingten Bauchschmerzen betroffen. Auch die Zahl der schwerbehinderten Kinder und Jugendlichen wird häufig unterschätzt. Insgesamt geht man heute von 2,8 Prozent Jugendlicher aus, die geistig oder körperlich behindert sind: Das, so Wirth, sind so viele junge Menschen, wie die Stadt Bonn Einwohner hat.

Generell werden junge Chroniker medizinisch gut betreut. Dies trifft aber nicht für alle zu. 20 Prozent der Kinder mit allergischen Erkrankungen im Alter zwischen vier und sechs Jahren und 14 Prozent der 13- bis 16-Jährigen seien schlecht eingestellt, monierte Professor Dietrich Reinhardt vom Dr. von Haunersche Kinderspital aus München. Diabeteskranke Kinder würden viel zu häufig und auch zu lange stationär aufgenommen, was zum Beispiel in England nicht mehr der Fall sei, sagte Reinhard Holl von der Universität Ulm.

Der größte Nachholbedarf bestehe darin, die Lebensqualität chronisch kranker Kinder und Jugendlicher in Deutschland zu verbessern, meint Heilke Hölling vom Robert-Koch-Institut in Berlin, die maßgeblich an der Aufarbeitung der KIGGS-Daten beteiligt ist.

Starke psychische Belastung bei ADHS und Adipositas

Auch dort gebe es eklatante Unterschiede. Während zum Beispiel Kinder mit Asthma kaum eine höhere Rate an psychischen Auffälligkeiten zeigen und nur bei Jungen gewisse Einschränkungen bei der Lebensqualität auftreten, sind junge Menschen mit ADHS oder Adipositas schwerer betroffen. Psychisch sind diese beiden Gruppen signifikant höher belastet als nicht betroffene Gleichaltrige.

Vernetzungsmodelle sind kaum vorhanden

Ganz besonders trifft dies auf Jungen mit manifesten ADHS und auf 14 bis 17-Jährige adipöse Adoleszente (vor allem Mädchen) zu. Die Lebensqualität beider Gruppen ist ausgesprochen schlecht, zumal die sozialen Ressourcen nicht greifen oder gar wegbrechen.

Viele chronisch kranke Kinder können aber bislang nicht aufgefangen werden, beklagt Heike Hölling. Dies liege daran, dass Vernetzungsmodelle, in denen zum Beispiel Pädiater mit Erzieherinnen oder (Sozial)-Pädagogen "zusammenrücken und sich eng abstimmen", kaum vorhanden sind.

Auch Wirth forderte solche Modelle ein und wünschte sich darüber hinaus eine bessere Qualifizierung und Weiterbildung aller mit der Pädiatrie assoziierten Berufsgruppen wie etwa Kita-Erzieherinnen. Handlungsbedarf bestehe auch beim Übergang in das junge Erwachsenenalter, wo jüngst der Sachverständigenrat klarere Übernahme-Regelungen verlangt hat.

Massive Defizite bestehen auch bei der therapeutischen Versorgung. Gerade chronisch kranke Jugendliche, die psychisch auffällig sind und einer dringender Therapie bedürfen, könnten heute in der Regel kaum auf einen zeitnahen Termin bei einem Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten oder einem Kinder- und Jugendpsychiater hoffen.

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