Chinesische Studie

Neues G4-Influenzavirus – übertragbar vom Schwein auf Menschen

Ein neues Influenzavirus kann offenbar vom Schwein auf den Menschen übertragen werden und diese infizieren. Ob sich daraus allerdings eine weitere Pandemie entwickeln kann, bleibt abzuwarten.

Von Dr. Thomas Meißner Veröffentlicht: 30.06.2020, 16:17 Uhr
Neues G4-Influenzavirus – übertragbar vom Schwein auf Menschen

Ein neues Influenzavirus vom G4-Genotyp enthält genetisches Material des Schweinegrippevirus H1N1 aus 2009, von Vogelgrippeviren sowie von einem nordamerikanischen H1N1-Stamm.

© MP / stock.adobe.com

Peking. Chinesische Wissenschaftler berichten über ein neues Influenzavirus, das sich in Schweinepopulationen durchgesetzt und bereits Menschen infiziert hat. Damit bestehe erhöhte Gefahr für ein neues Pandemievirus, so Honglei Sun von der China Agricultural University in Peking und Kollegen in der Online-Ausgabe von PNAS (Proceedings of the National Academy of Sciences) vom 29. Juni.

Weil Hausschweine intermediäre Wirte für Influenzaviren sind und aufgrund ihrer Kontakte zu Menschen, Vögeln und anderen Tieren als „Mischbehälter“ gelten, in denen für den Menschen potenziell gefährliche Virusmutationen stattfinden können, unterliegen sie in China einer Surveillance. Sun und Mitarbeiter haben dabei einen aus drei Viruslinien reassortierten Genotyp gefunden. Er enthält genetisches Material des Schweinegrippevirus H1N1 aus 2009, von Vogelgrippeviren sowie von einem nordamerikanischen H1N1-Stamm. Bezeichnet wird das Influenza-A-Virus als „Genotyp G4 reassortant Eurasian avian-like (EA) H1N1“. Dieser G4-Genotyp habe sich in chinesischen Schweinepopulationen seit 2016 durchgesetzt, schreiben die Veterinärmediziner. China verfügt über die größte Hausschwein-Population der Welt. In zehn chinesischen Provinzen ist das Virus inzwischen dominant.

Erhöhte G4-Seroprävalenz bei Schweinefabrik-Arbeitern

„Bedenklich ist, dass Schweinefabrik-Arbeiter eine erhöhte G4-Seroprävalenz aufweisen“, heißt es in dem Bericht. 35 von 338 getesteten Arbeitern (10,4 Prozent) seien positiv für G4 EA H1N1, unter jungen Arbeitern (18 bis 35 Jahre alt) sogar 20,5 Prozent. Das weist auf eine bereits erhöhte Infektanfälligkeit von Menschen hin. Und dies wiederum erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Virus weiter an den Menschen anpasst, so dass es theoretisch von Mensch zu Mensch übertragen werden kann.

Ob dies tatsächlich passieren wird, sei keineswegs ausgemacht, so Virologe und Influenza-Forscher Professor Robert Webster aus Memphis, Tennessee, gegenüber dem Wissenschaftsmagazin „Science“. „Wir können nicht wissen, ob eine Pandemie daraus entstehen kann, bis sie da ist.“ Und den Biologen Professor Edward C. Holmes von der University of Sydney, Australien, zitiert die Zeitschrift mit den Worten: „Diese Situation muss auf jeden Fall genau überwacht werden.“

Genetischer Selektionsvorteil in Schweinen?

EA H1N1-Viren zirkulieren seit Jahrzehnten in asiatischen und europäischen Schweinepopulationen. So sei von 2011 bis 2013 ein G1-Genotyp prädominant gewesen, erläutern Sun und Mitarbeiter in ihrer Publikation. Seit 2014 würden G4- und G5-Genotypen nach und nach die EA H1N1-Genotypen ersetzen und bei Schweinen mit respiratorischen Symptomen stieg die Rate isolierter G4-Genotypen Jahr für Jahr stark an. Das weise darauf hin, dass diese Influenzaviren einen genetischen Selektionsvorteil in Schweinen aufweisen. Damit werden sie zu einem zunehmenden Problem in Mastbetrieben, womit unausweichlich auch Menschen mit dem Virus konfrontiert sind.

In China sind bislang fünf EA-ähnliche Schweinegrippefälle beschrieben worden, darunter waren drei Kleinkinder und zwei Patienten mit einem G4-ähnlichen EA H1N1-Virus, die engen Kontakt zu Schweinen hatten. Nach Auffassung der chinesischen Wissenschaftler weise das G4-Virus alle Kennzeichen für eine Adaptation an den Menschen auf. Damit erhöhe sich das Risiko für eine Influenza-Pandemie.

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Kommentare
Dr. Peter Schimmelpfennig

Der Virennachwuchs geht nicht aus. Schweinegrippe??? Hatten wir schon mal, oder?
Eine Beschäftigung mit den großen relevanten Volkskrankheiten wäre so langsam mal wieder angebracht. Da könnten wir x-mal mehr Menschen helfen. Wenn schon Beschäfitung mit Infektionskrankheiten, dann sollten die Forschungsbemühungen im HIV- und Tuberkulosebereich intensiviert werden.


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