Radioonkologe:

„One fits all-Konzept hat in der Strahlentherapie ausgedient!“

Schon seit Sommer 2019 „gestattet“ die S3-Leitlinie zum Mammakarzinom bei vielen Patientinnen eine Teilbrustbestrahlung als Alternative zur postoperativen Bestrahlung der ganzen Brust. Neue Studien zeigen jetzt, dass dies nicht zwingend intraoperativ erfolgen muss.

Von Philipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht:
Mamma-Karzinom? Auch bei betroffenen Frauen, die eine Radiatio bekommen, wird individualisierte Therapie groß geschrieben.

Mamma-Karzinom? Auch bei betroffenen Frauen, die eine Radiatio bekommen, wird individualisierte Therapie groß geschrieben.

© Friso Gentsch / dpa

Berlin. Die Strahlentherapie nach einer brusterhaltenden Operation ist Standard. Nur bei kleinem Tumor ohne Lymphknotenbefall kann gemäß deutscher S3-Leitlinie darauf verzichtet werden, wenn die betreffende Frau eine voraussichtliche Lebenserwartung von unter zehn Jahren hat. Bis vor Kurzem war „Strahlentherapie“ gleichbedeutend mit einer intra- oder postoperativen Bestrahlung der gesamten Brust. Seit August lässt die Leitlinie aber auch eine Teilbrustbestrahlung zu, und zwar bei niedrigem Rückfallrisiko. Das betrifft Patientinnen nach den Wechseljahren sowie Patientinnen mit hormonrezeptorpositiven und solche mit kleinen, niedriggradigen Tumoren.

Die Teilbrustbestrahlung erfolgte bisher generell intraoperativ, allerdings stehen die entsprechenden Techniken für eine Intrabeam-Bestrahlung, IORT oder Brachytherapie nicht überall zur Verfügung. Außerdem führe eine intraoperative Bestrahlung zu einer Verlängerung der Op-Zeit um – je nach Methode – bis zu 40 Minuten, sagte Professor Wilfried Budach vom Universitätsklinikum Düsseldorf bei einer Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO) aus Anlass des Deutschen Krebskongresses in Berlin.

Drei neue Studie vorgelegt

Ende 2019 wurden jetzt gleich drei neue Studien vorgelegt, die in der Gesamtschau zeigen, dass die Teilbrustbestrahlung auch perkutan – und damit mit überall verfügbaren Linearbeschleunigern – möglich ist.

An der ersten dieser randomisierten Studien nahmen 4000 Patientinnen aus den USA, Kanada, Irland und Israel teil. Verglichen wurde bei Patientinnen mit niedrigem und mittlerem Risiko die Ganzbrustbestrahlung mit 50 Gy über 5 bis 6 Wochen mit einer lokalen Bestrahlung von 2x täglich 3,85 Gy über 5 bis 8 Tage (Lancet 2019; 394:2165-72). Nach zehn Jahren habe es bei der Rückfallrate nur einen Unterschied von unter einem halben Prozent gegeben, so Budach beim Deutschen Krebskongress in Berlin. Das habe zwar nicht ganz für den Äquivalenznachweis gereicht. Allerdings sei dieser Unterschied über einen so langen Zeitraum nicht klinisch relevant.

Das gelte umso mehr, als eine zweite Studie die Nichtunterlegenheit auch statistisch belegen konnte (Lancet 2019; 394:2155-64). An dieser Studie hatten 2000 Patientinnen teilgenommen, die im Studienarm ebenfalls mit 2x täglich 3,85 Gy bis insgesamt 38,5 Gy bestrahlt wurden. Hier waren bei gleicher Effektivität allerdings die kosmetischen Ergebnisse etwas schlechter.

Unterschied nicht statistisch signifikant

„Hier hilft uns dann die dritte Studie weiter“, so Budach in Berlin. In dieser noch unpublizierten Studie, deren Ergebnisse – ebenfalls ein 10-Jahres-Follow-up – im Dezember beim San Antonio Breast Cancer Meeting vorgestellt wurden, erfolgte die Bestrahlung im Studienarm in einer Gesamtdosis von 30 Gy über fünf Tage, jeweils nur einmal am Tag. Im Kontrollarm erfolgte erneut eine Ganzbrustbestrahlung mit 50 Gy über 25 Tage. Nach 10 Jahren hatten 3,3 Prozent der Patientinnen in der Gruppe mit Teilbrustbestrahlung und 2,6 Prozent in der Gruppe mit Ganzbrustbestrahlung ein Rezidiv. Dieser Unterschied war nicht statistisch signifikant.

„Damit steht für eine relativ große Gruppe an Patientinnen eine durch die Leitlinie abgedeckte, schonende Bestrahlungsoption zur Verfügung, bei der wir nicht mehr auf Spezialgeräte angewiesen sind“, so Budach. Prinzipiell könne diese Art der Bestrahlung überall durchgeführt werden. Von heute auf morgen wird das aber nicht möglich sein: „Es wird jetzt darum gehen, in der Community durch Fortbildung die entsprechenden Fähigkeiten zu vermitteln.“ Denn klar sei: Wer nur einen Teil der Brust bestrahle, der müsse auch die richtige Stelle treffen.

Vorteil bei erhöhtem Op-Risiko

„Fazit der neuen Studien ist, dass für Patientinnen mit niedrigem Rückfallrisiko eine partielle Brustbestrahlung auch mittels perkutaner Strahlentherapie angeboten werden kann“, so Budach in einer Mitteilung der DEGRO zum Kongress. Diese ist für Patientinnen von Vorteil, die ein erhöhtes Op-Risiko haben, etwa aufgrund von Herzerkrankungen, Lungenerkrankungen, Bluthochdruck oder Diabetes, denn die intraoperative Bestrahlung verlängert die Op- und Narkosezeit. „Diesen Patientinnen können wir nun die perkutane Teilbestrahlung der Brust im Nachgang zur Op anbieten und müssen nicht auf eine Vollbestrahlung bestehen“, so Budach.

„Die verschiedenen Therapiealternativen geben uns die Möglichkeit, jeder Patientin eine individuell ausgerichtete Behandlung zu empfehlen, so dass sie so viel Therapie wie nötig und so wenig wie möglich bekommt. Das ,One fits all’-Konzept hat in der Strahlentherapie ausgedient!“

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