Nocebo-Effekt

Patientenschreck Beipackzettel: Mehr Schaden als Nutzen?

Ein Blick auf den Beipackzettel soll informieren, wirkt auf einige Patienten aber auch abschreckend. Wichtig ist dann ein vertrauensvolles Arzt-Patienten-Gespräch.

Von Dr. Elke Oberhofer Veröffentlicht: 06.12.2017, 07:00 Uhr
Negatives bleibt beim Beipackzettel-Lesen eher im Gedächtnis.

Negatives bleibt beim Beipackzettel-Lesen eher im Gedächtnis.

© Kzenon / Fotolia

HAMBURG. Warnhinweise in Beipackzetteln können abschreckend wirken. Immer wieder verzichten wohl Patienten nach Studium des Beipackzettels lieber ganz auf das Präparat, bevor sie sich möglichen unerwünschten Effekte aussetzen.

Zumindest für die Verschreibung, Kauf und Einnahme von Analgetika trifft dies zu, wie es jetzt Forscher um Julia Schmitz vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf festgestellt haben (Pain Rep 2017; online 29. September). Von 18 aktuell beschwerdefreien, aber rückenschmerzerfahrenen Probanden, die sich den Beipackzettel zu dem Nicht-Opioid-Analgetikum Diclofenac aufmerksam durchgelesen hatten, gaben 61 Prozent danach an, das Medikament im Falle von Schmerzen gar nicht erst aus der Apotheke besorgen zu wollen. Ebenso wenig hätten sie sich vom Apotheker ein vergleichbares Präparat empfehlen lassen. Einer Vergleichsgruppe, bestehend aus 18 nach Alter und Geschlecht abgestimmten Teilnehmern (ebenfalls mit Rückenschmerzerfahrung), hatte man statt der Packungsbeilage die kleingefaltete Bedienungsanleitung eines Staubsaugers zu lesen gegeben.

Aus dieser Gruppe hätten nur knapp sechs Prozent trotz Schmerzen vom Kauf des NSAR Abstand genommen. Bei der Frage nach dem Einnahmeverhalten war die Diskrepanz zwischen den Gruppen ebenso signifikant: Gut drei Viertel der Teilnehmer, die sich die echte Packungsbeilage zu Gemüte geführt hatten, lehnten die Einnahme des Medikaments strikt ab. In der Gruppe mit der neutralen Information traf dies dagegen nur für ein Drittel zu.

Um herauszufinden, inwieweit der Inhalt des echten Beipackzettels die Entscheidung beeinflusst hatte, wurden die entsprechenden Teilnehmer aufgefordert, sich möglichst viele der angegebenen Wirkungen und Nebenwirkungen zu merken. Ergebnis: Von acht erwähnten positiven Effekten des Medikaments erinnerten sich die Teilnehmer im Mittel an knapp 20 Prozent, von den 23 negativen dagegen an gut 34 Prozent.

Die Forscher weisen ausdrücklich darauf hin, dass für die Wirksamkeit von NSAR bei Rückenschmerzen relativ geringe Evidenz besteht. Umso wichtiger sei es, "die Effekte des Medikaments in einem positiven Setting zu kommunizieren". Der Arzt sei gefordert, die Wirkmechanismen zu erklären, ohne die Nebenwirkungen zu sehr in den Vordergrund zu stellen. Negative und positive Eigenschaften müssten in einem vertrauensvollen Gespräch abgewogen werden.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Cave Beipackzettel!

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