Review

Schwangerschaft und Koffein: verträgt sich das?

Eine Analyse vorhandener Daten legt nahe, dass sich Koffeinzufuhr während der Schwangerschaft ausgesprochen negativ für das Kind auswirken kann. Signifikante Zusammenhänge zwischen Dosis und Wirkung deuten auf Kausalität hin, und eine untere Schwelle für das zu erwartende Risiko ist bislang nicht feststellbar.

Von Dr. Christine Starostzik Veröffentlicht: 07.09.2020, 13:36 Uhr
Der heiß geliebte Kaffee: Sollte er für werdende Mütter besser tabu sein?

Der heiß geliebte Kaffee: Sollte er für werdende Mütter besser tabu sein?

© Eva - stock.adobe.com

Reykjavik. Die meisten Frauen genießen auch während der Schwangerschaft ihren täglichen Kaffee. Bislang geht man trotz einzelner Bedenken davon aus, dass eine moderate Koffeinzufuhr auch in dieser Zeit kein Problem ist. Bis zu 200 mg Koffein oder bis zu zwei Tassen Kaffee pro Tag werden von mehreren Fachgesellschaften für Schwangere nach wie vor als unbedenklich eingestuft.

Doch die Ergebnisse eines Reviews von Jack James von der Universität Reykjavik (BMJ Evidence-Based Medicine 2020; online 25. August) könnten jetzt zu einem Umdenken führen. Denn in 32 der 37 Beobachtungsstudien, die James für seine Analyse herangezogen hat, wurde, mit Ausnahme der Frühgeburt, ein ungünstiger Effekt des Koffeins auf die untersuchten Schwangerschaftsrisiken festgestellt.

Fünf Risiko-Aspekte in der Schwangerschaft untersucht

Fehlgeburten: In acht von neun Beobachtungsstudien ergab sich ein signifikanter Einfluss des Koffeingenusses der Mutter auf das Risiko einer Fehlgeburt. Dies bestätigen auch die vier Metaanalysen, in denen eine Risikosteigerung von 32 Prozent bis 36 Prozent ermittelt wurde. Darüber hinaus ergab sich ein Zusammenhang zwischen der Dosis und dem Risiko einer Fehlgeburt (Risikoerhöhung 7 bis 14 Prozent/100 mg Koffein/Tag und 19 Prozent/150 mg).

Totgeburten: Auch die vorliegenden Daten zu Totgeburten im Zusammenhang mit dem Koffeinkonsum sind weitgehend konsistent: In vier von fünf Beobachtungsstudien stieg das Risiko bei Frauen mit hohem Koffeinkonsum in der adjustierten Analyse um das Zwei- bis Fünffache. In den beiden Metaanalysen war das Risiko für eine Totgeburt um 9 Prozent beziehungsweise 19 Prozent/100 mg Koffein/Tag erhöht.

Niedriges Geburtsgewicht / geringe Größe: Ein Zusammenhang zwischen Geburtsgewicht sowie -größe und Koffeinkonsum wurde in 13 Beobachtungsstudien geprüft. Sieben der zehn Studien, die sich mit dem Gewicht befasst, und sieben von neun, die den Einfluss auf die Körpergröße untersucht haben, konnten den negativen Effekt bestätigen. Zu diesem Ergebnis kamen auch alle fünf Metaanalysen: Hier zeigten sich Dosis-WirkungsEffekte mit einer Risikoerhöhung von 10 bis 24 Prozent/100 mg Koffein beziehungsweise zwischen 16 Prozent und 18 Prozent bei moderatem und von 57 Prozent bei hohem Konsum.

Akute Leukämie beim Kind: In drei von sechs Studien ließen sich signifikante Zusammenhänge zwischen Koffeinkonsum und der Diagnose einer akuten Leukämie erkennen. In zwei weiteren Studien ergab sich ein Effekt bei Nichtraucherinnen mit relativ hohem Koffeinkonsum, die sechste Studie kam zu keinem klaren Ergebnis. Allerdings weisen die drei Metaanalysen übereinstimmend auf einen Zusammenhang hin. Hier wurden für die ALL beispielsweise Risikoerhöhungen von 65 Prozent beziehungsweise 43 Prozent und für die AML von 58 Prozent beziehungsweise um das 2,5-Fache errechnet.

Übergewicht und Adipositas: In vier von fünf Beobachtungsstudien zu Übergewicht und Adipositas bei Kindern ergab sich ein Zusammenhang mit dem mütterlichen Koffeinkonsum. Eine Untersuchung ließ im Vergleich mit Schwangeren, die auf Koffein verzichteten, ein 2,4-faches Adipositasrisiko der Kinder im Alter von fünf Jahren erkennen, wenn die Schwangeren 150 mg Koffein oder mehr pro Tag konsumiert hatten.

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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Prof.Dr. Martin Smollich

Direkt nach der Publikation gab es eine sehr gute und differenzierte Diskussion der Studienmethodik von dem Epidemiologen Gideo Meyerowitz-Katz (https://twitter.com/GidMK/status/1298445444188520448). Fazit: Die Evidenz für die Unbedenklichkeit eines geringfügigen Kaffeekonsums hat sich mit dieser neuen Auswertung keineswegs geändert. Schwangere haben häufig schon genug Sorgen, als dass man Ihnen noch weismachen müsste, eine gelegentliche Tasse Kaffee könnte zu Fehlbildungen oder Frühgeburten führen.
Prof. Dr. M. Smollich, Institut für Ernährungsmedizin, Uni Lübeck


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