Kindergesundheit

„Schwer adipöse Kinder sind die Verlierer“

Um die Gesundheit von vielen adipösen Kindern ist es nicht gut bestellt. Einige haben Erkrankungen, wie sie bei Patienten jenseits der 50 vorkommen, berichtet ein Experte. Hilfe für Betroffene gibt es kaum.

Von Wolfgang Geissel Veröffentlicht: 09.11.2018, 17:15 Uhr
„Schwer adipöse Kinder sind die Verlierer“

Mehr als jeder Vierte der Fünf- bis Siebzehnjährigen in Deutschland ist nach Angaben des RKI übergewichtig.

© Aunging / stock.adobe.com

WIESBADEN. Gerade Kinder und Jugendliche haben keine Schuld an einem hohen Körpergewicht, betonte Professor Martin Wabitsch von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin am Uniklinikum Ulm beim gemeinsamen Kongress der Fachgesellschaften für Adipositas (DAG) und Diabetes (DDG).

Der Hang zu hohem Körpergewicht sei vielmehr genetisch angelegt und werde durch die heutigen Lebensbedingungen mit hochkalorischen Lebensmitteln und Bewegungsmangel stark begünstigt.

Übergewicht sei keine Charakterschwäche, sondern werde durch kaum kontrollierbare physiologische Prozesse im Gehirn gefördert.

Versorgungsmangel beklagt

Eine aktuelle Studie hat ergeben, dass schon im Alter von vier Jahren ein erhöhtes Risiko für Übergewicht deutlich wird.

Die Kinder geraten dabei in einen Teufelskreis aus Stigmatisierung, Depressionen und Antriebslosigkeit, bei betroffenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind die Berufsaussichten schlecht und sie haben ein hohes Risiko für Typ-2-Diabetes. Hilfe für Betroffene gibt es kaum.

„Für die 25.000 Kinder und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes gibt es in Deutschland rund 250 Behandlungszentren, für die eine Million adipösen Heranwachsenden aber gerade einmal 52 zertifizierte Einrichtungen“, kritisierte Wabitsch und setzte sich vehement für eine bessere Versorgung ein.

Programme könnten bei Betroffenen viel bewirken, wenn sie denn früh beginnen. Sei erst einmal eine extreme Adipositas ausgeprägt, bleibe hingegen meist nur die bariatrische Chirurgie.

Adipositas als Erkrankung anerkennen!

Die Voraussetzung für ein breites Angebot an strukturierten Therapien ist aber die Anerkennung der Fettsucht als Krankheit im Sozialgesetzbuch.

Für eine wirksame Versorgung von schwer übergewichtigen Kindern und Jugendlichen muss die ganze Familie eingebunden werden, erläuterte Wabitsch und stellte ein Programm zur Verhaltensänderung mit etwa 150 Terminen in einem Jahr vor.

Dazu gehört einmal die Woche 90 Minuten Sport in einer Adipositas-Gruppe, psychologische Beratung, Ernährungskurse und Elternarbeit.

„Der Erfolg hängt häufig davon ab, ob der Vater mitmacht“, ist die Erfahrung des Pädiaters. Das Sportprogramm könnte prinzipiell auch in einer speziellen Gruppe für übergewichtige Jugendliche im Sportverein geleistet werden. Ziel ist oft nicht das Normalgewicht, sondern ein gesundes Leben.

Jugendliche mit extremer Adipositas (BMI über 30) seien hingegen für eine Therapie nur schwer zu erreichen, so Wabitsch. Der Behandlung stehen oft niedriger Sozialstatus, eingeschränkte körperliche Mobilität und psychische Begleiterkrankungen entgegen.

„Konventionelle verhaltenstherapeutische Reduktionsprogramme bleiben meist erfolglos. Bariatrische Chirurgie ist aufgrund der notwendigen strengen Indikationsstellung oft nicht möglich.“

Symptome wie über 50-Jährige

Manche adipösen Kinder und Jugendliche haben bereits eine Herzmuskelverdickung oder andere Symptome, wie sie sonst erst im Alter ab 50 Jahren vorkommen. „Sowohl Kniegelenk als auch Hüftgelenk bilden früh Verschleißerscheinungen“, sagte Wabitsch der dpa.

 Auch Fettleber, Herzmuskelverdickung oder eine Verfettung der Bauchspeicheldrüse „wie bei erwachsenen Patienten im Alter von 50 oder 60 Jahren“ seien bei den jungen Patienten anzutreffen.

In der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten JA-Studie wird adipösen 14- bis 21-Jährigen in fünf Kliniken in Deutschland ein besonderes Programm angeboten.

Außer der medizinischen Versorgung werden die jungen Menschen auch bei der Suche nach einem Ausbildungs- und Arbeitsplatz unterstützt.

Wir haben den Artikel aktualisiert am 09.11.2018 um 17:11 Uhr und den ursprünglichen Agenturtext durch einen eigenen Beitrag ersetzt.

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