HINTERGRUND

Sechs Fragen helfen Ärzten, das Risiko für Alkoholabusus abzuschätzen

Von Philipp Grätzel von GrätzPhilipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht:

"Ein Bierchen nach dem Sport gehört dazu." "Ein Glas Wein am Abend ist gut für die Blutgefäße." Sätze wie diese hört man oft. Suchtexperten sehen aber die Gefahr, dass dadurch etwas bagatellisiert wird, das nach wie vor ein großes medizinisches Problem ist - der übermäßige Alkoholkonsum.

"Die positiven Effekte von Alkohol werden extrem überzogen dargestellt und wahrgenommen. Den günstigen Wirkungen an den Blutgefäßen stehen hundert andere Organe gegenüber, bei denen das Risiko einer Schädigung mit jedem Tropfen steigt", betont der Suchtforscher Professor Karl Mann von der Uni Heidelberg. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) geht von über zehn Millionen Menschen in Deutschland mit einem riskanten Alkoholkonsum aus. "Riskant", weil ein erhöhtes Risiko für einen Abusus besteht, sind mehr als jene ein bis zwei angeblich gesunden Drinks am Tag.

Morgen beginnt eine bundesweite Aktion

Um auf die Gefahren eines riskanten Alkoholkonsums aufmerksam zu machen, hat die BZgA mit der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) vom 14. bis 18. Juni 2007 zu einer bundesweiten Aktionswoche aufgerufen. Das Motto: "Alkohol - Verantwortung setzt die Grenze". Eine der Kernbotschaften: Jeder, der gerne Alkohol trinkt, sollte Grenzen setzen und für sich selbst Trinkregeln aufstellen, an die er sich dann auch hält. "‚Ich trinke tagsüber keinen Alkohol‘, oder ‚Ich bleibe an zwei Tagen in der Woche alkoholfrei‘ sind Beispiele für solche Regeln", sagt DHS-Geschäftsführer Rolf Hüllinghorst. Auch Ehrlichkeit gegenüber sich selbst ist gefragt: "Es sollte jedem zu denken geben, wenn er täglich an Alkohol denken muss oder Schuldgefühle hat, weil er zuviel trinkt."

Auch niedergelassene Ärzte gehören zu den Zielgruppen, die in der Aktionswoche angesprochen werden sollen. In vielen Regionen Deutschlands wollen Fachleute aus Beratungsstellen und Fachkliniken in die Praxen gehen, um Ärzten ihre Hilfe anzubieten. "Viele Ärzte fühlen sich beim Thema Alkohol noch unsicher", hat Dr. Hans-Jürgen Rumpf beobachtet. Rumpf ist leitender Psychologe an der Klinik für Psychiatrie am Uniklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck und war an mehreren Studien beteiligt, die sich mit dem Thema Alkohol bei Patienten in Hausarztpraxen beschäftigt haben.

"Abzuschätzen, wer gefährdet ist und wer nicht, fällt vielen Ärzten schwer. Beliebt ist die Bestimmung von Laborwerten wie gamma-GT oder MCV-Wert (mittleres Zellvolumen der Erythrozyten). Diese Werte sind aber insgesamt nicht sehr zuverlässig, und sie geben vor allem keinen Hinweis auf einen nur riskanten Alkoholkonsum", betonte Rumpf im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Mit niedergelassenen Ärzten hat er deswegen einen einfachen Fragebogen entwickelt, der an über 3000 Patienten in Hausarztpraxen und Klinikambulanzen validiert wurde, den BASIC-Fragebogen (Brief Alcohol Screening Instrument in Medical Care). Mit ihm lassen sich Patienten mit riskantem Alkoholkonsum anhand eines einfachen Punktescores identifizieren. Etwa 15 Prozent aller Patienten in einer Hausarztpraxis gehören in die Kategorie, schätzt Rumpf. Ideal sei es, wenn ein solcher Fragebogen bei jedem neuen Patienten ausgefüllt und das gegebenenfalls alle paar Jahre wiederholt wird.

Mit der Identifizierung von Risikokandidaten ist es nicht getan. Wenn der Alkoholkonsum zunimmt, sollten Hausärzte mit einer Kurzintervention den Konsum reduzieren helfen. Wer sich dabei unsicher fühlt, kann Gesprächstechniken in Schulungen erwerben, die zum Teil über Ärztekammern angeboten werden. Dabei geht es etwa darum, Patienten zu motivieren, über angenehme und unangenehme Seiten des Alkoholkonsums nachzudenken, um eigene Schlüsse zu ziehen. "Ärzte müssen Verständnis zeigen und das Verhalten der Patienten nicht werten", warnt Rumpf. Die Gespräche dauerten weniger als eine halbe Stunde. Ideal sind Nachgespräche, die deutlich kürzer sein können. Damit könne die Quote derer, die die Trinkmenge reduzieren, im Vergleich zu einer Abwartestrategie etwa verdoppelt werden.

Weitere Infos im Internet unter http://www.suchtwoche.de



STICHWORT

BASIC-Fragebogen

Der BASIC-Fragebogen hat sechs Fragen. Zwei oder mehr Punkte (P) bedeutet riskanter Alkoholkonsum.

  1. Wie oft trinken Sie Alkohol? (häufiger als einmal pro Woche = 1P)
  2. Wie viele Getränke trinken Sie, wenn Sie Alkohol trinken? (mehr als 2 Getränke = 1P)
  3. Wie oft trinken Sie sechs oder mehr Drinks? (einmal im Monat oder öfter = 1P)
  4. Haben Sie schon einmal das Gefühl gehabt, dass Sie Ihren Alkoholkonsum verringern sollten? ("Ja" = 1P)
  5. Haben Sie schon einmal wegen Ihres Alkoholtrinkens ein schlechtes Gewissen gehabt? ("Ja" = 1P)
  6. Haben sich Partner, Verwandte oder Freunde schon einmal wegen Ihres Alkoholkonsums Sorgen gemacht? ("Ja" = 1P)

(gvg)

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