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HINTERGRUND

Stammzellforscher fordern sachlichere Berichterstattung

Philipp Grätzel von GrätzVon Philipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht:

Stammzellforscher sind unzufrieden, wie in deutschen Medien über ihren Forschungszweig berichtet wird. In Berlin zogen sie jetzt kritisch Bilanz. Anlass: eine Kontroverse um Forschungsarbeiten des Stammzellforschers Professor Hans Schöler vom Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster.

Schöler hatte in der vergangenen Woche bei einer Stammzellkonferenz in Dresden über neue Ergebnisse seiner Gruppe berichtet. Danach lassen sich Keimbahnstammzellen aus Hodengewebe von Mäusen, so genannte "germline derived pluripotent stem cells" (gPS), ohne Einsatz viraler Genfähren zu pluripotenten Zellen umprogrammieren.

Weil dabei auf virale Gentransfers verzichtet werden konnte, hatte die "FAZ" in einem Beitrag Schölers Bericht als "bahnbrechende Entdeckung" gefeiert, dabei allerdings explizit darauf hingewiesen, dass es sich um Mausexperimente handelte. Leser konnten trotzdem den Eindruck gewinnen, jetzt sei das Ende der Embryonenforschung endgültig eingeleitet. Schöler fühlt sich mehrfach missverstanden, und er nutzte den 20. "International Congress of Genetics" in Berlin für Klarstellungen.

Forscher wissen nicht, wie weit sie bei Reprogrammierung sind Es sei nicht so, dass Techniken der Reprogrammierung von somatischen Zellen die Forschung an embryonalen Stammzellen überflüssig machen würden: "Wir können derzeit nicht seriös sagen, wie weit wir bei der Reprogrammierung von Zellen eigentlich sind", so Schöler. Es habe in den vergangenen zwei Jahren geradezu atemberaubende Fortschritte gegeben. Ob das so weitergehe, sei unklar.

Unterstützung erhielt Schöler von seinem Kollegen Professor Rudolf Jaenisch vom MIT in Cambridge. "Derzeit wissen wir gar nicht so genau, was Pluripotenz eigentlich ist. Die Zellen, die wir haben, sind alle unterschiedlich", so Jaenisch. Es sei unbedingt nötig, dass neue humane embryonale Stammzelllinien untersucht würden, um diese mit anderen Zelllinien zu vergleichen.

Embryonale Stammzellen sind für die Forschung unverzichtbar.

Die Frage der Pluripotenz ist so wichtig, weil immer wieder in Fachzeitschriften und bei Kongressen von neuen und angeblich pluripotenten Zellen berichtet werde. Der "FAZ"-Autor hatte Schöler in den Mund gelegt, dass er die Pluripotenz anderer Hodenzellen in Zweifel ziehe, über die eine Göttinger Gruppe vor zwei Jahren berichtet hatte. Dies sei total falsch, so Schöler mit Nachdruck. Er habe keine Zweifel an der Pluripotenz dieser Zellen, das habe er den Göttinger Forschern anhand der Dias seiner Präsentation auch dargelegt.

Jaenisch betonte, dass seiner Auffassung nach die Stammzellforschung in den deutschen Medien verzerrter dargestellt werde als anderswo. Ethisch unproblematische Arbeiten zur Reprogrammierung somatischer Zellen würden generell überbewertet. Jaenisch forderte in Berlin vor allem mehr Verständnis für das Prozesshafte der biomedizinischen Forschung: "Viele Ergebnisse, die publiziert werden, halten dann doch nicht, was sie versprochen haben."

Und häufig wird bei Konferenzen auch polarisiert, um wissenschaftlichen Widerspruch zu erzeugen, der dann neue Ideen für die eigene Forschung bringe. In den Medien klinge das mitunter so, als habe der Vortragende behauptet, das Rad neu zu erfunden zu haben, was gar nicht beabsichtigt war.

So ähnlich dürfte es wohl auch bei Schölers Vortrag in Dresden gewesen sein. Der Forscher fordert jetzt, dass Journalisten bei hoch spezialisierten Workshops zu kontroversen Themen eine Erklärung unterzeichnen, in der sie sich verpflichten, die Informationen nicht unabgesprochen zu verwenden. Aus den Reihen der in Berlin anwesenden Medienvertreter kam in diesem Punkt deutlicher Widerspruch. Grundsätzlich neu sind die Erfahrungen, die die Stammzellforscher gerade sammeln, jedenfalls nicht. Zu Zeiten des Humangenomprojekts gab es ähnliche Debatten. Auch damals fanden sich Forscher, die allzu begeistert über ihre Arbeiten berichtet hatten, ungewollt, aber eben auch nicht ganz unverschuldet, auf den Titelseiten wieder.

STICHWORT

iPS, gPS und hES

Die Stammzellforschung liebt Abkürzungen. Humane embryonale Stammzellen (hES) sind ethisch umstritten, weil für die Erzeugung Zelllinien menschlicher Embryonen nötig sind. Als Alternative werden induzierte pluripotente Stammzellen (iPS) angesehen. Dabei werden Hautzellen von Mäusen oder Menschen "umprogrammiert". Der Vorteil: Es sind keine menschlichen Embryonen mehr nötig, allerdings weiterhin Gentransfers mit Hilfe von Viren, um die Reprogrammierung einzuleiten. Diese Gentransfers gelten als Quelle von Verunreinigungen, die einem therapeutischen Einsatz der iPS-Zellen im Wege stehen könnten. Induzierte pluripotente Stammzellen der Keimbahn (gPS) schließlich können offenbar ohne Gentransfer aus Hodenzellen gewonnen werden. Das wurde zumindest im Mausmodell gezeigt, was die Hoffnung nährt, dass dergleichen auch bei Hautzellen von Menschen einmal möglich werden könnte. (gvg)

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