Welt-Tabak-Bericht

Weltweit fehlt Hilfe bei Tabak-Ausstieg – auch in Deutschland

Tabakkonsum ist schädlich, aufhören ist gut für die Gesundheit. Wer raucht, weiß das meist, aber auszusteigen fällt trotzdem schwer. Die Weltgesundheitsorganisation hat konkrete Ideen, was helfen kann.

Veröffentlicht: 26.07.2019, 19:45 Uhr
Weltweit fehlt Hilfe bei Tabak-Ausstieg – auch in Deutschland

Ob selbstgedreht oder aus der Zigarettenschachtel: Weltweit fehlt Hilfe beim Ausstieg aus der Nikotinsucht – auch in Deutschland, moniert die WHO in ihrem jüngsten Welt-Tabak-Bericht.

© Robert Schlesinger/zb/dpa

Der Nichtraucherschutz wächst zwar weltweit und Rauchen wird in den meisten Ländern immer teurer und schwerer gemacht – aber bei Hilfen zur Entwöhnung hapert es noch. Zu diesem Schluss kommt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihrem neuen Welt-Tabak-Bericht. Sie stellte ihn am Freitag in Rio de Janeiro vor, weil Brasilien nach der Türkei erst das zweite Land der Welt ist, das alle von der WHO empfohlenen Maßnahmen zum Eindämmen des Tabakkonsums voll umgesetzt hat. Tabak kann nicht nur geraucht, sondern auch geschnupft oder gekaut werden.

Bei Deutschland bemängelt die WHO, dass es immer noch zu wenig strikte Vorgaben für rauchfreie öffentliche Räume gebe. Bei der Unterstützung von Rauchern, die die Nikotinsucht loswerden wollen, sieht sie auch Nachholbedarf. Ebenso müsse es in den Medien effektivere Kampagnen gegen das Rauchen geben. Werbeverbote sollten verschärft und die Steuern erhöht werden.

„Mit dem Rauchen aufzuhören ist eines der besten Dinge, die man für seine eigene Gesundheit tun kann“, sagte WHO-Chef Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus.

Acht Millionen Tabak-Tote

Weitere Zahlen und Fakten aus dem WHO-Bericht:

  • Zwar sinkt weltweit der Anteil der Raucher an der Gesamtbevölkerung. Durch das Bevölkerungswachstum bleibt ihre Zahl aber bei rund 1,1 Milliarden konstant.
  • 80 Prozent der Raucher leben in Ländern mit niedrigem bis mittleren Einkommen.
  • Jedes Jahr sterben acht Millionen Menschen durch Tabakkonsum.
  • Der Wirtschaft gehen durch Gesundheitskosten und Arbeitsausfälle 1,4 Billionen US-Dollar (1,3 Billionen Euro) im Jahr verloren.
  • Aus den Statistiken der Europaregion geht hervor, dass in Georgien fast 57 Prozent der Männer rauchen (2016), in Deutschland 29 Prozent (2013) und in Island 15 Prozent (2015).
  • Sechs von zehn Erdenbewohnern leben heute in Ländern, die wenigstens eine Maßnahme gegen den Tabakkonsum ergriffen haben. Das sind viermal so viele wie 2007. Knapp die Hälfte der Menschen lebt in Ländern, die „Ekelbilder“ auf Packungen haben.
  • Nur 2,4 Milliarden Menschen leben aber in Ländern, die Menschen unterstützen, die mit dem Tabakkonsum aufhören wollen.

Für diese Unterstützung empfiehlt die WHO zum Beispiel Hotlines für telefonische Sofortberatung oder entsprechende Online- oder Handy-Dienste. Außerdem: Hausärzte sollen Raucher ansprechen und auf Hilfen beim Aufhören hinweisen. Dafür empfehlen Experten ja die „Fünf A der Minimalintervention“ (siehe Kasten unten).

Auch sollten Nikotinersatztherapien finanziell gefördert werden, schreibt die WHO. Handicap in Deutschland: Bisher ist medikamentöse Unterstützung durch den sogenannten „Lifestyle-Paragrafen“ 34 im SGB V von der Erstattung ausgenommen. Dabei ist die Behandlung der Tabakabhängigkeit eine der kosteneffektivsten Maßnahmen und dadurch ließen sich höhere Folgekosten durch Behandlungen von rauchbedingten Krankheiten verhindern.

WHO warnt vor Zigarettenersatz

Übrigens warnt die WHO in ihrem Bericht auch vor Zigarettenersatz wie E-Zigaretten und Produkten, bei denen Tabak erhitzt statt verbrannt wird. Alle seien gesundheitsschädlich.

Erst in der vergangenen Woche hatte sich auch die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung kritisch zu E-Zigaretten und Tabakerhitzern geäußert. Die Gesellschaft monierte, dass Aussagen zur Gesundheitsschädlichkeit nur bedingt belastbar seien, da keine fundierten Ergebnisse über die Langzeitfolgen von E-Zigaretten vorlägen. Es gebe allerdings erste beunruhigende Hinweise auf ernste Spätschäden durch E-Zigaretten, erläuterte Professor Harm Wienbergen in einer Mitteilung der Gesellschaft.

Außerdem kritisierte die Gesellschaft Studien, die E-Zigaretten und Tabakerhitzer als Hilfsmittel für die Entwöhnung darstellen. Im Februar hatte eine Studie britischer Forscher um Professor Peter Hajek von der Queen Mary University of London für Aufmerksamkeit gesorgt, die den elektronischen Inhalationsprodukten eine doppelt so hohe Effektivität als Hilfsmittel beim Rauchausstieg bescheinigte als den von den Leitlinien empfohlenen Nikotinersatzprodukten (N Engl J Med 2019, online 30. Januar). Doch eigentlich legten die Studienergebnisse das genaue Gegenteil nahe.

Nicht für die Entwöhnung

Die Wissenschaftler hatten untersucht, ob eine Rauchentwöhnung mehr Rauchern gelingt, wenn diese dafür als Hilfsmittel Nikotinersatzprodukte (NRT) oder stattdessen eine E-Zigarette benutzen. Ergebnis: Mit E-Zigaretten gelang 18 Prozent der Raucher der Ausstieg, mit NRT schafften das zehn Prozent. Hajek und Kollegen schlussfolgerten daraus, „dass E-Zigaretten für die Rauchentwöhnung effektiver sind als Nikotinersatzprodukte.“

Dass diese Aussage schlichtweg falsch ist, wird deutlich, schaut man sich die Ergebnisse zur Nikotinabstinenz an: 80 Prozent der Probanden, die ihre Rauchentwöhnung mit der E-Zigarette bestritten hatten, nutzten diese noch nach einem Jahr. Aus der Gruppe der Teilnehmer, die NRT verwendet hatten, nutzten noch neun Prozent das Hilfsmittel.

Die Schlussfolgerung der Studie müsste also vielmehr lauten: Vier Prozent der E-Zigaretten-Nutzer überwanden ihre Nikotinsucht im Vergleich zu neun Prozent der Raucher mit NRT. Geht es um den Erfolg in der Suchtbewältigung, sind NRT also das bessere Hilfsmittel. (mmr/dpa)

Die „Fünf A“ für die Patientenansprache:

  • „Ask“: Den Patienten zu seinem Rauchstatus befragen.
  • „Advice“: Ein klarer, unmissverständlicher Ratschlag „Sie sollten aus medizinischer Sicht aufhören zu rauchen!“
  • „Assess Willingness“: Mit einer offenen Frage die Aufhörbereitschaft erfragen und auf Einwände des Patienten eingehen.
  • „Assist“: Unterstützung anbieten, den Patienten an einen Experten weitermelden und einen Kontakt herstellen.
  • „Arrange Follow-Up“: Einen Folgetermin vereinbaren – damit das Thema nicht in Vergessenheit gerät.

Lesen Sie dazu auch: WHO-Tabakbericht: Grüne fordern bessere Prävention von Tabakkonsum

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