Rückkopplung

Wie das Immunsystem überschießende Reaktionen mit Zellschäden verhindert

Heidelberger Forscher haben einen Mechanismus entdeckt, der die Abwehrkaskade bei einer Virusinfektion wieder bremst und damit Zellschäden vorbeugt.

Veröffentlicht: 06.02.2017, 15:36 Uhr

HEIDELBERG. Wissenschaftler vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und vom Uniklinikum Heidelberg entdeckten einen bislang unbekannten Rückkopplungsmechanismus des menschlichen Immunsystems. Er zeigt, wie das angeborene Immunsystem bei einer Virusinfektion schnell aktiviert, aber nach einigen Stunden wieder langsam gebremst wird (Molecular Cell 2017; online 26. Januar). So wird eine überschießende Immunreaktion mit Zellschäden verhindert, teilt das DKFZ mit.

Ein Sensor für Infektionen mit RNA-Viren ist der Rezeptor RIG-I (retinoic acid inducible gene I), der das Erbgut der Viren an seiner speziellen Struktur erkennt, bindet und dann Abwehrreaktionen auslöst. Circa acht Stunden nach der Infektion aktiviert RIG-I auch seinen eigenen Gegenspieler: DAPK1 (death associated protein kinase 1), ein schon länger bekanntes Enzym, das – wie der Name schon sagt – destruktiv wirkt. Das Enzym inaktiviert RIG-I, so dass es RNA-Viren nicht mehr erkennen kann, heißt es in der Mitteilung. Die Abwehr wird gebremst. Dieser Regulationsmechanismus verfügt über eine Art Zeitschaltuhr, die dafür sorgt, dass RIG-I zunächst ungebremst die Verteidigung gegen die Viren vorantreiben kann.

Die aktuelle Studie zeigte am Beispiel von Influenzaviren, die menschliche Zellen infizierten, dass DAPK1 erst circa acht Stunden nach der Infektion aktiviert wird. "Sobald DAPK1 voll aktiv ist, sehen wir, wie im Gegenzug das antivirale Abwehrprogramm langsam wieder heruntergefahren wird. Im weiteren Verlauf unserer Forschung konnten wir zeigen, dass dies nicht nur eine zufällige zeitliche Korrelation war, sondern ursächlich zusammenhängt", wird Dr. Marco Binder – vormals Stipendiat der Medizinischen Fakultät Heidelberg am Zentrum für Infektiologie, jetzt Arbeitsgruppenleiter am DKFZ – in der Mitteilung zitiert. Ohne eine solche Gegenregulation des Körpers würde es zu einer überschießenden Ausschüttung von Botenstoffen der angeborenen Immunabwehr kommen, was zellschädigende Entzündungen und langfristig Autoimmunerkrankungen auslösen kann.

Die neuen Erkenntnisse könnten einen Hinweis darauf geben, warum eine chronische Infektion mit Hepatitis C-Viren bei einigen Patienten zu Leberkrebs führt. Hepatitis C-Viren gelingt es, die körpereigene Abwehr zu überlisten und sich dauerhaft in Leberzellen einzunisten. Der Sensor RIG-I bleibt dabei fortwährend aktiv und könnte auf diese Weise auch DAPK1 permanent aktivieren. "Aktuelle Studien zeigen, dass bei bestimmten sehr aggressiven Tumoren eine Aktivierung von DAPK1 das Tumorwachstum massiv fördert", so Binder. "Wenn bei einer chronischen Hepatitis C-Infektion die ständige, latente Aktivierung von DAPK1 mit bestimmten genetischen Defekten zusammentrifft, ist das, als ob man Öl ins Feuer gießt." In Zukunft wollen die Forscher klären, ob etwa ein Zusammenhang mit einem Defekt im p53-Gen besteht, das als "Wächter des Genoms" wichtig für die DNA-Reparatur ist.

Die Heidelberger Wissenschaftler kamen dem neuen Regelkreis auf die Spur, indem sie in menschlichen Zellkulturen nacheinander alle bekannten 719 menschlichen Kinase-Gene gentechnisch ausschalteten. Dabei stellten sie fest, dass die Kinase DAPK1 das antivirale Programm der Zelle messbar bremst, indem es eine Phosphatgruppe auf RIG-I überträgt. Die Phosphorylierung inaktiviert das RIG-I und die Viren konnten sich ungebremst vermehren. (eb)

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