Binnen sieben Jahren

40 Prozent mehr Demenzkranke

Demenzerkrankungen nehmen in Deutschland zu, zeigt eine aktuelle Studie. Dasselbe gilt für leicht kognitive Störungen.

Von Thomas Hommel Veröffentlicht: 22.11.2019, 12:39 Uhr
40 Prozent mehr Demenzkranke

Lückenhaft: Demenz ist in Deutschland auf dem Vormarsch. Doch gerade leichtere Gedächtnisstörungen (MCI) werden noch zu selten diagnostiziert.

© vege / fotolia.com

Berlin. Deutschland bekommt graue Haare. Eine Folge: Die Zahl der an Demenz erkrankten Menschen steigt, wie aus einer aktuellen Studie des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) und des Instituts für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig hervorgeht.

Danach hat die Zahl der Demenzpatienten in den Jahren 2009 bis 2016 um 40 Prozent zugenommen: von gut einer Million auf mehr als 1,4 Millionen. Aufgrund der Demografie gehe man davon aus, dass die Zahl der Patienten mit diagnostizierter Demenz weiter steige – bis zum Jahr 2030 auf über drei Millionen, teilten die Institute am Freitag in Berlin mit.

Die Erkrankungshäufigkeit von leichten kognitiven Störungen (MCI) stieg den Angaben zufolge von 2009 bis 2016 von 0,13 Prozent auf 0,42 Prozent. Das entspreche einem Anstieg von 229 Prozent – von 51.000 Patienten im Jahr 2009 auf 167.000 im Jahr 2016.

Die Auswertungen basieren auf den ambulanten vertragsärztlichen Abrechnungsdaten gemäß § 295 SGB V der Jahre 2009 bis 2016 von GKV-Patienten mit mindestens einem Arztkontakt in diesem Zeitraum.

Demenzdiagnose erfolgt zu selten

Trotz der Zunahme in der Behandlungsprävalenz würden MCI nach wie vor zu selten diagnostiziert und dokumentiert. Die geschätzte bevölkerungsbezogene Prävalenz liegt den Angaben zufolge bei 1,5 bis 3,7 Millionen Patienten.

„Angesichts des demografischen Wandels mit einer immer älter werdenden Bevölkerung steht die medizinische Versorgung von Patienten mit dementiellen Erkrankungen vor großen Herausforderungen“, sagte Zi-Vorstandsvorsitzender Dr. Dominik von Stillfried. Aufgrund nur mäßig erfolgreicher medikamentöser Strategien auf diesem Gebiet rückten sekundärpräventive Therapien in frühen Phasen der Demenzerkrankung immer stärker in den Fokus der Versorgung.

„Leichte kognitive Störungen bei Patienten schnell zu diagnostizieren und insbesondere durch Hausärzte und neuropsychiatrische Fachärzte zielgerichtet zu behandeln, ist daher besonders wichtig“, so von Stillfried. Dr. Dr. Jens Bohlken, Erstautor und zuständig für das Demenz-Referat im Berufsverband Deutscher Nervenärzte sagte, die mehrjährige haus- und fachärztliche Begleitung der Patienten gewinne künftig an Bedeutung.

Dabei sollte der Versorgungs- und Beratungsbedarf auch Erwartungen der Patienten berücksichtigen, so Bohlken weiter. „Es können präventive, neuropsychologische, ergo- und auch psychotherapeutische Interventionen oder eine Überweisung in eine spezialisierte Gedächtnissprechstunde veranlasst werden.“ Besonders wichtig sei es, eine beginnende Demenz rechtzeitig zu erkennen. (hom)

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Kommentare
Dr. Schätzler

Die Publikation in Psychiatrische Praxis DOI: 10.1055/a-1012-9502:
"Prävalenz von leichten kognitiven Störungen und Demenzen in der ambulanten Routineversorgung in Deutschland 2009–2016 | Prevalence Rates of Mild Cognitive Impairment and of Dementia in the German Outpatient Health Care Sector 2009–2016" von Jens Bohlken, Dominik von Stillfried, Mandy Schulz ist vermutlich ohne das international übliche Peer-Review-Verfahren veröffentlicht worden.
Sonst wäre sofort aufgefallen, dass die in der "Zusammenfassung" vorgebrachte Aussage: "Ziel - In Deutschland wird ein Anwachsen der Patienten mit Demenz von 1,7 Mio. (2017) auf über 3 Mio. (2030) erwartet" durch keine einzige wissenschaftlich belastbare Veröffentlichung belegt werden kann.
Im Gegenteil:
1. "Trends in Dementia Incidence in a Birth Cohort Analysis of the Einstein Aging Study" von
Carol A. Derby et al. JAMA Neurol. 2017;74(11):1345-1351. doi:10.1001/jamaneurol.2017.1964
2. Christensen K et al. Physical and cognitive functioning of people older than 90 years: a comparison of two Danish cohorts born 10 years. The Lancet 2013, online 11. Juli
3. Schrijvers EMC et al. Is dementia incidence declining? Trends in dementia incidence since 1990 in the Rotterdam Study. Neurology May 8, 2012 vol. 78 no. 19 1456-1463
4.Matthews FE et al. A two-decade comparison of prevalence of dementia in individuals aged 65 years and older from three geographical areas of England: results of the Cognitive Function and Ageing Study I and II. The Lancet 2013, ePub 16.7.2013. DOI: 10.1016/S0140-6736(13)61570-6
5. Sube Banerjee. Good news on dementia prevalence—we can make a difference. The Lancet 2013, ePub 16.7.2013. doi:10.1016/S0140-6736(13)61579-2
Die ZI-Publikation spricht dagegen von "prävalente[n] Patienten mit leichten kognitiven Störungen (PmMCI) und Demenz (PmD)" und verwechselt damit Prävalenz mit Inzidenz. Bei der Kodierung nach ICD-10 GM wurde nicht zwischen Kennzeichen G für gesichert, A für Ausschluss, V für Verdacht auf und Z für Zustand nach differenziert.

Dr. Schulz antwortete am

Nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft [vgl. Bickel H. Die Häufigkeit von Demenzerkrankungen. Im Internet: https://www.deutsche-alzheimer.de/unser-service/informationsblaetter-downloads.html#c749, Stand: 3.07.2019] wird bis zum Jahr 2050 mit rund drei Millionen Demenzpatienten gerechnet. Wir danken Herrn Dr. Schätzler für den Hinweis, dass uns im Abstract bezüglich der Jahreszahl ein Tippfehler unterlaufen ist. Wir haben den Verlag bereits um ein Erratum gebeten.
Bei den von uns berichteten Erkrankungshäufigkeiten handelt es sich um Patienten mit gesicherten Diagnosen in mindestens zwei Quartalen eines Jahres aus den vertragsärztlichen Abrechnungsdaten (so genannte 1-Jahres-Behandlungsprävalenz mit m2Q-Kriterium). Dabei ist es unerheblich, ob die Erkrankung in einem definierten Zeitraum neu aufgetreten ist (Inzidenz) oder schon länger bestand.

Dr. Mandy Schulz, Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (korrespondierende Autorin)

Dr. Schätzler

Demenz-Diagnostik nimmt zu - Demenz-Prävalenz ist sogar rückläufig

Leider ein typischer Rechenfehler: Wenn die Zahl der Demenzpatienten in den Jahren 2009 bis 2016 um 40 Prozent zugenommen hat, zählt das Ausgangsjahr nicht als die "1" sondern als die "0". Diesen Rechenfehler haben selbst Knaus/Ogino immer wieder gemacht, als sie bei der Berechnung der fruchtbaren/unfruchtbaren Tage der Frau den ersten Tage der Regelblutung als Tag "1" und nicht als Tag "0" berechnet haben.
Wenn die Zahl der Demenzpatienten in den Jahren 2009 bis 2016 um 40 Prozent zugenommen hat, geschah das in einem Zeitraum von acht Jahren und nicht in sieben. Ein jährlicher Anstieg von 5,0% statt 5,7% ist aber der verbesserten und intensiveren Diagnostik bzw. dem Demografischen Faktor geschuldet.
ÄZ-Autor Thomas Müller wies in USA- und auch in Europäischen Studien auf einen Demenz-Rückgang unter
https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Raetselhafter-Demenz-Rueckgang-303534.html hin.
"Eine US-Studie deutet erneut auf eine fallende Demenz-Inzidenz, und zwar besonders in Geburtsjahrgängen ab 1925. Bessere Bildung und weniger kardiovaskuläre Probleme bei jüngeren Jahrgängen erklären die Beobachtung jedoch nicht."
Spannend bleiben die Fragen: "Weshalb die Inzidenz sinkt, ist noch Gegenstand von Spekulationen. Da die wichtigsten Demenzrisikofaktoren mit kardiovaskulären Risikofaktoren übereinstimmen, erscheint es plausibel, dass eine bessere medikamentöse Kontrolle solcher Faktoren durch Antihypertensiva, Lipidsenker und Antidiabetika zum Rückgang der Demenzinzidenz beiträgt. Für die kardiovaskuläre Hypothese sprechen Beobachtungen, wonach die sinkende Demenzinzidenz etwa 20 Jahre nach Rückgang der Herzinfarktrate auftritt: Die Generation, bei der erstmals ein Rückgang kardiovaskulärer Ereignisse zu beobachten war, erkrankt nun auch seltener an einer Demenz."

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund


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