Atypische Verläufe

Bei gastrointestinalen Symptomen auch an SARS-CoV-2 denken!

Ein Teil der COVID-19-Kranken kommt ohne typische Symptome wie Husten und Atemnot, dafür mit gastrointestinalen und neurologischen Problemen in die Notaufnahme. Bei der CT wird dann zufällig eine Pneumonie festgestellt – oft mit ungünstiger Prognose.

Von Thomas Müller Veröffentlicht: 05.06.2020, 16:21 Uhr
Bei gastrointestinalen Symptomen auch an SARS-CoV-2 denken!

CT-Scan der Lunge eines französischen Patienten mit COVID-19.

© Michael Bunel/Le Pictorium Agency/picture alliance

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Wie häufig wird COVID-19 als Zufallsbefund bei CT-Aufnahmen erkannt?

Antwort: In Epidemie-Hotspots ist rund die Hälfte der Patienten in der Notaufnahme mit zufällig entdeckten Lungenauffälligkeiten SARS-CoV-2-positiv.

Bedeutung: Kommen Patienten primär aufgrund gastrointestinaler oder neurologischer Beschwerden in eine Klinik, ist bei hoher SARS-CoV-2-Inzidenz auch an COVID-19 zu denken.

Einschränkung: Retrospektive Analyse aus drei Zentren.

Baltimore. In COVID-19-Hotspots ist auch bei Patienten, die primär mit gastrointestinalen oder neurologischen Symptomen in eine Klinik kommen, von einer möglichen SARS-CoV-2-Infektion auszugehen. Das raten Ärzte um Dr. Rydhwana Hossain von der Universität in Baltimore. Wird die Symptomatik per CT abgeklärt, lohnt sich daher auch der Blick auf die Lunge: Liegt eine Infektion mit dem neuen Coronavirus vor, zeigen sich dort fast immer die typischen Milchglastrübungen (Radiology 2020; online 11. Mai).

COVID-19 gibt Ärzten ja noch immer viele Rätsel auf, dazu zählen auch die sehr unterschiedlichen Krankheitsverläufe. Stehen bei den meisten Patienten respiratorische Symptome im Vordergrund, kann es bei anderen zu schweren Magen-Darm-Problemen oder neurologischen Erscheinungen kommen, die nicht gleich an die Virusinfektion denken lassen.

Die Ärzte um Hossain gehen aufgrund der vorhandenen Literatur davon aus, dass rund 20 Prozent der SARS-CoV-2-Infekte primär den Verdauungstrakt betreffen. Solche Patienten denken vermutlich nicht an COVID-19, gehen lange nicht zu einem Arzt und bleiben damit unentdeckt.

Ähnliches gilt für Patienten mit neurologischen Ausfällen. Müssen solche Patienten schließlich in eine Klinik, werden sie zur Abklärung häufig per CT untersucht. Ist dann die Lunge oder ein Teil davon mit auf dem Bild, sehen die Ärzte mitunter auch die für COVID-19 typischen Milchglastrübungen – sie sind dann oft der erste Anhaltspunkt für die Infektion.

46 Prozent mit auffälligen Lungenbefunden viruspositiv

Die Radiologen um Hossain haben nun geschaut, wie häufig zufällige Lungenbefunde in COVID-19-Hotspots und weniger betroffenen Regionen mit der Erkrankung einhergehen. Die Resultate sind eindeutig: In zwei Kliniken der Auswertung war zum Höhepunkt der Epidemie fast jeder zweite Patient mit zufälligen Lungenbefunden an COVID-19 erkrankt.

Die Ärzte um Hossain konzentrierten sich auf rund 2800 Patienten der Notaufnahme, die eine CT des Abdomens/Beckens oder des Halses und der zervikalen Wirbelsäule erhielten. Ausgeschlossen wurden Patienten mit gezielter Thorax-CT. Die Ärzte berücksichtigten in ihrer Analyse nur 119 Patienten mit zufällig entdeckten Lungenauffälligkeiten, die eine Pneumonie vermuten ließen und die während ihres Klinikaufenthalts positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden. Hierbei unterschieden sie zwischen Patienten mit einem Virustest vor der CT-Auswertung (Gruppe 1, 62 Betroffene) und solchen mit einem Test hinterher (Gruppe 2, 57 Patienten).

In Gruppe 1 befanden sich entsprechend viele Patienten mit weiteren COVID-19-Symptomen wie Husten und Fieber, bei denen die Ärzte von Beginn an einen COVID-19-Verdacht hatten, in Gruppe 2 ergab sich der Verdacht in der Regel erst durch den CT-Befund.

In beiden Gruppen klagte jeweils rund die Hälfte über Magen-Darm-Probleme, fast 30 Prozent hatten neurologische Symptome. In Gruppe 1 hatten 60 Prozent Husten und 47 Prozent Fieber, in Gruppe 2 jeweils nur 16 und 21 Prozent. Gruppe 2 zeigte insgesamt einen etwas schwereren Verlauf – 26 Prozent starben, in der anderen Gruppe 19 Prozent, signifikant waren die Unterschiede aber nur bei der Prävalenz von Husten und Fieber.

CT oft einziger Hinweis auf COVID-19

Von den viruspositiven Patienten mit auffälligen CT-Lungenbefunden in Gruppe 1 wurde schließlich bei 52 Prozent aufgrund des CT eine COVID-19-Pneumonie diagnostiziert, in Gruppe 2 erreichte der Anteil 77 Prozent. Insgesamt lieferte das CT bei mehr als einem Drittel der Patienten den einzigen Hinweis auf COVID-19. Fast alle CT zeigten typische Milchglastrübungen (96 Prozent), 40 Prozent auch Konsolidierungen. Die Hälfte der Patienten offenbarte eine milde Lungenerkrankung in der CT, etwa ein Viertel eine schwere.

Im beabsichtigten Untersuchungsbereich, also Abdomen, Becken, Hals oder Wirbelsäule, fanden die Ärzte in den allermeisten Fällen keine Auffälligkeiten, bei sieben entdeckten sie eine Enteritis oder Kolitis, drei hatten eine Pankreatitis, zwei einen Karotidenverschluss.

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