Analyse der Charité

Kinder beim Coronavirus wohl so infektiös wie Erwachsene

Es gibt offenbar keine größeren Unterschiede bei der Viruslast von Kindern und Erwachsenen mit SARS-CoV-2. Virologen um Professor Christian Drosten warnen daher, Schulen und Kindergärten zu früh zu öffnen.

Von Thomas Müller Veröffentlicht: 04.05.2020, 16:54 Uhr
Kinder beim Coronavirus wohl so infektiös wie Erwachsene

Infektionsrisiko Schule: Die Viruslast mit dem SARS-CoV-2 bei Kindern ist ähnlich hoch wie bei Erwachsenen.

© Oksana Kuzmina / stock.adobe.com

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Wie infektiös sind Kinder mit SARS-CoV-2?

Antwort: Die Viruslast ist ähnlich hoch wie bei Erwachsenen, dies könnte auf eine ähnliche Infektiosität hindeuten.

Bedeutung: Die Wiedereröffnung von Schulen und Kindergärten bietet dem Virus neue Verbreitungschancen.

Einschränkung: Symptomstatus und Krankheitsverlauf der getesteten Kinder sind nicht bekannt.

Berlin. Die Bedeutung von Kindern bei der Verbreitung von SARS-CoV-2 ist weiterhin recht unklar. Anfängliche Befürchtungen, Kinder könnten wie bei saisonal auftretenden Atemwegsinfekten als „Superspreader“ für das neue Coronavirus fungieren, scheinen weitgehend unbegründet zu sein.

Allerdings sind Kinder vermutlich auch nicht weniger infektiös als Erwachsene: Nach aktuell veröffentlichten Daten der Charité Berlin ist die Viruskonzentration in den oberen Atemwegen von Kindern und Jugendlichen ähnlich hoch wie bei Erwachsenen.

Dies stützt die Hypothese, wonach es während einer Pandemie kaum Unterschiede bei der Viruslast gibt: Da alle Menschen gleichermaßen immunnaiv sind, kann sich das Virus unabhängig vom Alter in jedem Menschen zunächst ähnlich gut vermehren. Immerhin bekommen Kinder die Infektion besser in den Griff, da sie nur sehr selten schwere Verläufe entwickeln.

60.000 Routine-PCR-Tests ausgewertet

Für die zunächst auf einer Webseite der Charité veröffentlichte Analyse haben Virologen um Professor Christian Drosten knapp 60.000 Routine-PCR-Tests auf SARS-CoV-2 ausgewertet. Alle Tests erfolgten in den Charité-Labors zwischen Januar und 26. April. Von diesen waren rund 3700 positiv (6,2 Prozent).

Unter den positiv getesteten Personen befanden sich 49 Kinder im Alter bis zehn Jahre sowie 78 im Alter von 11 bis 20 Jahre. Schauten die Forscher nach der Viruslast, so betrug der logarithmische Durchschnittswert über alle Proben 5,2 – im Schnitt wurden also 10 5,2 Viruskopien in den analysierten Proben nachgewiesen, der Medianwert lag mit 4,8 etwas niedriger. Die Viruslast war nicht normalverteilt und variierte zwischen der Nachweisgrenze von rund 3 sowie einem Wert von 12 – dies entspricht einer Streuung um den Faktor 1 Milliarde.

Aufgeteilt nach Altersdekaden konnten die Forscher keine signifikanten Unterschiede erkennen. Mit logarithmischen Werten von 4,6 (Kinder bis zehn Jahre) und 4,8 (11–20 Jahre) lag die Viruslast bei Kindern zwar etwas unter der von Erwachsenen, dies lässt sich teilweise aber auf einen Indikationsbias zurückführen: Kinder wurden vor allem dann getestet, wenn sie deutliche Symptome hatten, dann ist die Viruslast aber häufig schon wieder rückläufig. So deuteten die Angaben bei 15 Kindern unter elf Jahren auf einen stationären Aufenthalt.

Keine größeren Unterschiede zwischen den Altersgruppen ergaben sich bei der Streuung: Wie bei Erwachsenen gruppierten sich die meisten Messungen um einen Wert von 5, bei einigen erreichte die Viruslast Werte bis 10.

Schauten die Wissenschaftler nach der Viruslast in den einzelnen sozialen Gruppen, so war der Mittelwert bei den Kindergartenkindern mit 4,3 am geringsten, doch auch dies könnte auf einen höheren Anteil von symptomatischen Patienten zurückzuführen sein, die in einem späteren Stadium der Infektion untersucht worden waren.

Da keine Informationen zur Symptomatik oder zum Krankheitsverlauf vorliegen, ist ein solcher Bias sogar wahrscheinlich, da Kinder mit wenigen oder keinen Symptomen in der Regel nicht getestet werden.

Insgesamt waren nur rund 6 Prozent der Getesteten 20 Jahre oder jünger, zudem war der Anteil der positiven Tests nur rund halb so hoch wie bei Erwachsenen. Die Forscher um Drosten vermuten daher, dass viele der Kinder aufgrund von Fieber und Husten getestet wurden, in dieser Altersgruppe dann aber doch die saisonalen Erreger von Atemwegsinfekten überwiegen.

Warnung vor Wiedereröffnung

Unterm Strich kommen die Forscher um Drosten zu dem Schluss, dass Kinder bei einer SARS-CoV-2-Infektion eine vergleichbare Viruslast tragen wie Erwachsene und daher in ähnlichem Maße infektiös sein könnten wie diese. Allerdings ist die Viruslast nicht das einzige Kriterium für die Infektiosität: Kinder haben ein kleineres Atemvolumen und sind häufiger mild oder gar nicht symptomatisch, sie atmen und vor allem husten daher weniger Virus aus.

Auf der anderen Seite haben Kinder mehr körperlichen Kontakt, was die Verbreitung wieder leichter macht. Zusammen mit der Beobachtung aus anderen Studien, dass sich Kinder ähnlich leicht infizieren wie Erwachsene, sollte bei der Berechnung des Infektionsrisikos in Schulen und Kindergärten auch von ähnlichen Annahmen wie bei Erwachsenen ausgegangen werden, schreiben die Experten. „Aufgrund unserer Resultate müssen wir in der gegenwärtigen Situation vor einer unbegrenzten Wiedereröffnung von Schulen und Kindergärten warnen.“

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