Coronavirus

Kinder – die großen Unbekannten der Corona-Pandemie

Über die Rolle von Kindern bei der Ausbreitung des SARS-CoV-2 ist bisher wenig bekannt. Auswirkungen der geplanten Öffnung von Schulen und Kindergärten müssen daher penibel erfasst werden, betonen Wissenschaftler.

Von Wolfgang GeisselWolfgang Geissel Veröffentlicht: 08.05.2020, 18:28 Uhr
Vielen Kindern merkt man eine Infektion nicht an.

Vielen Kindern merkt man eine Infektion nicht an.

© davit85 / stock.adobe.com

Neu-Isenburg. Wenn Schulen, Kitas und Kindergärten jetzt während der Corona-Pandemie wieder geöffnet werden, besteht ein hohes Risiko, dass die Infektions- und Erkrankungsraten wieder ansteigen. Was man bisher über die Krankheit weiß reicht aber nicht aus, um die möglichen Folgen im Vorfeld abschätzen zu können. Experten plädieren daher für eine sehr vorsichtige und stufenweise Öffnung der Gemeinschaftseinrichtungen für Kinder, damit sich negative Folgen jedes einzelnen Schrittes ermitteln lassen und bei Bedarf dagegen vorgegangen werden kann.

Wieviele Kinder sich bisher bei der Corona-Pandemie infiziert haben, ist unbekannt. Kinder sind in Studien unterrepräsentiert, weil sie selten schwer an COVID-19 erkranken. Infizierte unter ihnen fallen wegen leichter oder fehlender Symptome meist nicht auf. SARS-CoV-2 geht nach Studiendaten auf Kinder aber ähnlich effektiv wie auf Erwachsene über. Kinder haben dann auch ähnlich große Virusmengen wie Erwachsene in Rachen und Nase und könnten die Erreger potenziell auch genauso effektiv an Mitmenschen weitergeben.

Stillen scheint vor Infektion zu schützen

Dieses Bild deckt sich bereits mit den ersten Erfahrungen zu Corona-Infektionen in Deutschland, wie Professor Ulrike Protzer vom Institut für Virologie an der TU München bei einem Webinar des Science Media Centers (SMC) berichtet hat. Die Infektiologin hat die Familie eines Webasto-Mitarbeiters in Traunstein mitbetreut, der sich im Januar als einer der ersten in Deutschland mit dem SARS-CoV-2 infiziert hatte.

Außer seiner Frau hatten sich von seinen drei Kindern ein Zwei- und ein Fünfjähriges angesteckt, aber nur leichte Symptome wie erhöhte Temperatur und Magen-Darm-Beschwerden entwickelt. Die ganze Familie hatte aber hohe Virus-Titer in Nasen- und Rachen-Abstrichen. Ein noch gestillter Säugling blieb verschont, was die Virologin auf den Schutz durch die Muttermilch zurückführt.

Warum SARS-CoV-2-Infektionen bei Kindern in der Regel eher milde verlaufen, ist nach Angaben von Protzer bisher ungeklärt. Vermutet wird eine Besonderheit im Immunsystem der ersten Lebensjahre. Dann dominierten nämlich besondere „memory-type“ B-Zellen, die Antikörper vom IgM-Typ gegen ein großes Erregerspektrum induzierten, so die Virologin. Die Abwehr bei Erwachsenen mit ihrem im Verlauf des Lebens erworbenen breiten Immungedächtnis antworte hingegen eher mit einer erreger-spezifischen Immunantwort.

Prävalenzstudie mit 2000 Kindern läuft

Kinder seien so mit einem noch wenig ausgebildeten Immungedächtnis vor vielen Erregern geschützt. Dies zeige sich zum Beispiel bei Infektionen mit dem Eppstein-Barr- oder Hepatitis-B-Virus: Trotz hoher Viruslast hätten Kinder kaum Symptome bei diesen Erkrankungen, während diese bei Erstkontakt im Erwachsenenalter in der Regel viel schwerer verliefen.

In Deutschland haben jetzt Forscher um Professor Philipp Hennecke vom Uniklinkum Freiburg eine große Querschnittsstudie zur Prävalenz der SARS-CoV-2-Infektionen begonnen. Sie wollen bei je 2000 Kindern und 2000 Erwachsenen die Seroprävalenz von Antikörpern erfassen. Nach ersten Analysen habe die große Mehrheit der Bevölkerung bei uns noch keinen Kontakt mit dem Virus gehabt, sagte Hennecke bei dem Webinar dazu. Hochrechnungen mit bis zu 15 Millionen möglichen Infektionen in den vergangenen Monaten in Deutschland kann er nicht bestätigen.

Der Pädiater empfiehlt, die Auswirkungen der stufenweisen Öffnung von Schulen und Kindergärten auf das Infektionsgeschehen genau zu beobachten, um bei vermehrten Infektionen rechtzeitig reagieren zu können. „Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben“, sagt er. Und in jedem Land breitet sich aufgrund von sozialen und kulturellen Besonderheiten das Virus anders aus.

In Deutschland sei die Epidemie in Hotspots bisher besonders auch von jungen Erwachsenen befeuert worden, die sich beim Feiern im Skiurlaub oder im Karneval infiziert haben, sagt Protzer dazu. Die mögliche Rolle von Kindern in der Epidemiologie werde erst langsam sichtbar. Familien können bisher nur wenig tun. Der Pädiater Hennecke empfiehlt, dem Nachwuchs Hygienemaßnahmen zu vermitteln und bei Krankheit nicht die ganze Familie um das Bett des Kindes zu versammeln.

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