Corona-Splitter der KW 29/2021

Kinder und Corona: Gute Abwehrkräfte, wenige Infekte im Schulbus

Blick auf neue Corona-Studien: Auch asymptomatisch infizierte Kinder entwickeln wohl eine robuste Immunantwort. Außerdem: Das Infektrisiko in Schulbussen scheint gering, und Mädchen leiden im Lockdown besonders oft an seelischen Störungen.

Von Anne BäurleAnne Bäurle und Wolfgang GeisselWolfgang Geissel und Marco MrusekMarco Mrusek Veröffentlicht:
Homeoffice mit Kindern: Die Pandemie verlangt Kindern und ihren Familien viel ab.

Homeoffice mit Kindern: Die Pandemie verlangt Kindern und ihren Familien viel ab.

© Anke Thomass / stock.adobe.com

Update vom 23. Juli

Von COVID-19 genesene Kinder entwickeln eine wirksame und anhaltende Immunabwehr gegen SARS-CoV-2. Und das, obwohl sie oft einen sehr milden oder sogar symptomfreien Verlauf gehabt haben. Das berichten Forschende der Universitätskliniken in Freiburg, Heidelberg, Tübingen und Ulm in einer Mitteilung. Darin werden vorläufige Daten der COVID-19-Familienstudie Baden-Württemberg vorgestellt. Für die Studie wurden 328 Familien mit mindestens einem an COVID-19 erkrankten Mitglied mehrfach untersucht. 548 Kinder im Alter zwischen 6 und 14 Jahren und 717 Erwachsene nahmen teil. In Familien mit einer infizierten Person steckten sich Kinder (34 Prozent) deutlich seltener an als Erwachsene (58 Prozent) und waren – im Fall einer Infektion – fünfmal häufiger ohne Krankheitszeichen (Erwachsene: 9 Prozent, Kinder: 45 Prozent). Trotzdem zeigten die Kinder elf bis zwölf Monate nach der Infektion stärkere und länger anhaltende spezifische Antikörperspiegel als Erwachsene. Das galt unabhängig davon, ob Krankheitszeichen bestanden oder nicht. Die Antikörper der Kinder sind zudem gut wirksam gegenüber verschiedenen Virusvarianten. Keines der infizierten Kinder musste im Krankenhaus behandelt werden (medRxiv 2021; online 22. Juli).

Das Risiko einer Corona-Übertragung in Schulbussen ist offenbar gering. Das berichten Forschende von der Eastern Virginia Medical School in Norfolk (USA). Sie haben 462 pendelnde Schülerinnen und Schüler ohne Symptome (Klassen 1-12) zwischen Ende August 2020 und Mitte März 2021 alle zwei Wochen mit PCR getestet. In dieser Zeit hatte es in den USA besonders viele Infektionen gegeben. Als einfache Schutzmaßnahmen waren die Buskapazitäten auf zwei Personen pro Sitzreihe begrenzt, was einen Abstand von 75 cm gewährleistete. Masken tragen war zudem obligatorisch und für einfache Belüftung wurde gesorgt. Insgesamt wurden 39 infizierte Kinder und Jugendliche in den sechs Monaten identifiziert, was zu Quarantänemaßnahmen bei 52 von ihnen führte. Die Kontaktverfolgung bei Infizierten ergab jedoch keine Hinweise auf Übertragungen im Bus (Journal of School Health 2021; online 20. Juli).

Bestimmte Kinder und Jugendliche haben ein hohes Risiko für psychische Erkrankungen durch die Isolation im Lockdown. Das berichtet ein britisches Team von der Abteilung für Psychiatrie an der Universität Oxford. Die Forschenden haben in einer Studie 11.765 12- bis 21-Jährige aus UK nachverfolgt. Nach den Daten hatten Schülerinnen das größte Risiko für die Entwicklung von Depressionen, Angststörungen oder eine Verschlechterung der seelischen Gesundheit im Lockdown. Ebenso waren Kinder und Jugendliche aus prekären Verhältnissen besonders betroffen sowie solche mit psychischen Problemen in der Vorgeschichte. Darüber hinaus waren Kinder, deren beide Eltern arbeiteten, stärker gefährdet und Schülerinnen und Schüler, die Aufnahmeprüfungen vorbereiten mussten. Die Identifikation von besonders Gefährdeten sei wichtig, um Betroffene gezielt fördern und unterstützen zu können, so die Forschenden (JCPP Advances 2021; online 20. Juli).

Update vom 22. Juli

Die Impfstoffe von BioNTech/Pfizer und AstraZeneca schützen gut vor der Alpha- und der Delta-Variante. Das bestätigen jetzt auch Real-World-Daten von der britischen Insel, wie Forschende von Public Health England (PHE) berichten. In einer neuartigen Fallkontrollstudie haben sie Infektionsraten bei Geimpften und Ungeimpften untersucht. Die Daten wurden zwischen April und Mitte Mai erhoben, als die Delta-Variante in England die Alpha-Variante langsam verdrängt hatte. Ausgewählt wurden behandlungsbedürftige Patienten mit negativem Coronatest. Diese wurden anschließend „gematchten“ Patienten mit positivem Coronatest gegenübergestellt (Kontrollen). Von allen war der Impfstatus bekannt. Ergebnis: Bei beiden Impfstoffen wurde nach einer Dosis ein Schutz von 30,7 Prozent (Delta-Variante) und 48,7 Prozent (Alpha-Variante) ermittelt. Nach zwei Dosen schnitt der Impfstoff von BioNTech/Pfizer etwas besser ab mit Schutzraten von 88,0 Prozent (Delta) und 93,7 Prozent (Alpha). Nach zwei Dosen AstraZeneca-Vakzine betrug der Schutz 67,0 (Delta) und 74,5 Prozent (Alpha) (NEJM 2021; online 21. Juli).

Konsequenter Schutz durch Maske tragen und Abstand halten ist angemessen, um Infektionen mit SARS-CoV-2 zu vermeiden. Das berichten Forschende der Colorado School of Public Health in den USA. Sie haben in einer Querschnitts-Studie bei 508 Mitarbeitern der Colorado State University (CSU) das Verhalten in den ersten sechs Pandemiemonaten untersucht. Die Teilnehmer wurden ausführlich zur Compliance bei der Arbeit und in der Freizeit befragt und zudem getestet (PCR- und Antikörper-Test). Ergebnis: Kein Teilnehmer war PCR-positiv, nur bei Zweien wurden Antikörper als Zeichen einer stattgefundenen Infektion gefunden. Weit über 90 Prozent gaben regelmäßiges Maskentragen an. Das Einhalten von Abstandsregeln war stärker außerhalb als innerhalb der Arbeit ausgeprägt (91,5 versus 79,5 Prozent). Die Motivation, mit den Maßnahmen andere zu schützen, wurde zudem häufiger genannt als Eigenschutz (83,0 versus 63,2 Prozent) (JAMA Network Open. 2021; online 21. Juli).

Update vom 21. Juli

1,5 Millionen Kinder weltweit haben ein Elternteil oder eine andere fürsorgeberechtigte Bezugsperson durch COVID-19 verloren, schätzen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der US-Behörde CDC. Die Hochrechnung basiert auf den Zahlen der COVID-Gestorbenen aus 21 stark von der Pandemie betroffenen Ländern zwischen März 2020 und April 2021 sowie den jeweiligen nationalen Geburtsraten. Die Forschenden betonen allerdings, dass die Zahl wahrscheinlich deutlich unterschätzt ist, da viele Länder keine oder nur unzureichende Meldesysteme hätten. Besonders betroffen ist den Berechnungen zufolge etwa Peru. Hier habe ein Prozent aller Kinder ein Elternteil oder eine enge Bezugsperson verloren (Lancet 2021; online 20. Juli).

Die beiden verfügbaren mRNA-Impfstoffe scheinen auch Patientinnen und Patienten mit einer Leberzirrhose vor schwerer COVID-19 zu schützen. Das hat eine Studie mit 20.000 US-Veteranen mit Leberzirrhose ergeben, die mindestens eine Dosis Comirnaty® (BioNTech/Pfizer) oder Spikevax® (Moderna) erhalten hatten. Die Schutzwirkung nach der ersten Dosis einer mRNA-Impfung zeigte sich dabei erst ab Tag 28 und lag dann bei fast 65 Prozent. Auch bei den Klinikeinweisungen und Sterbefällen wurde der Unterschied erst ab Tag 28 signifikant. Rechnerisch ergab sich ab dann eine 100-prozentige Schutzrate vor schweren Verläufen. Der Effekt der vollständigen Impfung wurde in der Studie als sekundärer Endpunkt untersucht, und zwar ab Tag 7 nach zweimaliger Immunisierung. Vor einer COVID-19-Erkrankung waren die vollständig Geimpften demnach zu 78,6 Prozent geschützt, die Schutzrate vor Klinikeinweisung beziehungsweise Tod blieb bei jeweils 100 Prozent (JAMA Intern Med 2021; online 13. Juli). (eo)

Update vom 20. Juli

Eine einmalige Impfung mit der Vakzine von Johnson & Johnson kann auch noch nach acht Monaten effektiv gegen COVID-19 schützen. Das hat eine vorläufige Analyse von Antikörper- und T-Zellantworten bei zehn Impflingen ergeben. Zehn weitere Impflinge erhielten in der Studie eine zweimalige Dosis der Vakzine, ihre Immunantwort wurde sechs Monate nach der zweiten Impfung erfasst. Die Antikörpertiter seien bei allen Geimpften relativ stabil geblieben, die Konzentration neutralisierender Antikörper habe an Tag 71 einen Peak erreicht und bis zum Ende der Studie (Tag 239) lediglich um den Faktor 1,8 abgenommen, berichtet das Team Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston, das vom Hersteller mit der Studie beauftragt wurde. Auch die T-Zell-Antwort der Impflinge sei über einen Zeitraum von acht Monaten stabil geblieben (NEJM 2021; online 14. Juli).

Azithromycin hat keinen Nutzen bei leichter COVID-19, berichten Forschende von der University of California in San Francisco. An ihrer kontrollierten Studie nahmen 263 erwachsene Patientinnen und Patienten teil, die in den vergangenen sieben Tagen SARS-CoV-2-positiv getestet worden waren. Zwei Drittel der Infizierten erhielten eine Einzeldosis Azithromycin (1,2 mg) und ein Drittel Placebo. Der primäre Endpunkt war Abwesenheit von COVID-Symptomen nach 14 Tagen. Diesen Endpunkt erreichten genau 50 Prozent in der Verum- und 50 Prozent in der Placebogruppe. Auch bei den sekundären Endpunkten wie Fieber, Husten, Bauchweh, Myalgie gab es keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. Drei Wochen nach Studienbeginn mussten fünf Patienten in der Verumgruppe, aber kein Patient in der Placebogruppe stationär behandelt werden (JAMA 2021; online 16. Juli).

Update vom 19. Juli

Bei Kindern und Jugendlichen sind Symptome von Long-COVID selten, berichten Epidemiologinnen und Epidemiologen der Universität Zürich. Sie haben im Rahmen der Langzeitstudie „Ciao Corona“ die langfristige Entwicklung von 1355 Schülerinnen und Schülern (Alter im Median 11 Jahre) nach Antikörpertestung im Oktober und November 2020 nachverfolgt. In einer Online-Befragung der Eltern wurden sechs Monate nach dem Test bei den Kindern typische Long-COVID-Symptome abgeklärt. Ergebnisse von 109 seropositiven sowie 1246 seronegativen Schülerinnen und Schülern wurden ausgewertet. Ergebnis: Mindestens ein Symptom über mehr als zwölf Wochen gaben vier Prozent der Seropositiven und zwei Prozent der Seronegativen an. Die häufigsten Symptome bei den Seropositiven waren Müdigkeit (drei Prozent), Konzentrationsschwäche (zwei Prozent) und Schlafstörungen (zwei Prozent). Kein seropositives Kind musste nach dem Oktober stationär behandelt werden. Der Anteil der Kinder mit exzellenter Gesundheit nach Elternurteil war in beiden Gruppen ähnlich (JAMA 2021; online 15. Juli).

Eine frühe Heparin-Therapie scheint die Mortalität bei mittelschwerer COVID zu reduzieren. Das ist das vorläufige Ergebnis des internationalen „RAPID COVID COAG – RAPID Trial“, berichten Forschende vom St. Michales Hospital in Toronto (Kanada) und vom University of Vermont Larner College of Medicine (USA). In der bisher noch nicht begutachteten Studie wurden bei stationär behandelten COVID-Kranken mit erhöhten D-Dimer-Werten zwei Strategien zur Antikoagulation verglichen. 228 Erkrankte erhielten eine therapeutische Heparin-Volldosis und 237 eine niedrige prophylaktische Dosis. Der primäre Endpunkt setzte sich zusammen aus: Aufnahme auf die Intensivstation, mechanische Beatmung oder Tod über einen Zeitraum von bis zu 28 Tagen. Diesen Endpunkt erreichten 16,2 Prozent der Patientinnen und Patienten mit therapeutisch dosiertem Heparin und 21,8 Prozent der Patientinnen und Patienten unter prophylaktisch dosiertem Heparin. Insgesamt 1,8 Prozent starben unter Heparin-Volldosis und damit deutlich weniger als unter Prophylaxe-Dosis (7,6 Prozent) (medRxiv 2021; online 12. Juli).

Liebe Leser, wir fassen die Corona-Studienlage wöchentlich zusammen. Eine Übersicht mit allen bereits veröffentlichten COVID-19-Splittern der vergangenen Wochen und Monate finden Sie hier:

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