COVID-19-Splitter der KW 40

Ist Delir bei Älteren ein früher COVID-19-Hinweis?

Blick auf neue Corona-Studien am Anfang Oktober: Gebrechliche alte Patienten mit COVID-19 haben häufig ein Delir. HIV-Infizierte mit schlechter antiviraler Therapie sind besonders vulnerabel. Und asymptomatische Coronainfizierte haben eine ähnliche Viruslast wie symptomatische.

Von Wolfgang GeisselWolfgang Geissel und Anne BäurleAnne Bäurle und Marco MrusekMarco Mrusek und Denis NößlerDenis Nößler Veröffentlicht:
Gesichtsmasken können dazu beitragen, dass die Träger die Abstandsregeln missachten,

Isolation in Pandemiezeiten: Viele Heime waren am Anfang der Pandemie zum Schutz der Bewohner quasi abgeriegelt. (Symbolbild mit Fotomodell)

© M.Dörr & M.Frommherz / stock.adobe.com

Update vom 2. Oktober

Eine Flut publizierter Forschungsarbeiten mit schlechtem Standard zur Corona-Pandemie kritisiert Professor Katrina A. Bramstedt von der „Luxembourg Agency for Research Integrity“. Der auf Forscher ausgeübte Druck, Forschungsdaten schnell zu veröffentlichen, steigere das Risiko für Irrtümer, aber auch für vorsätzliches Fehlverhalten, so die Medizinethikerin. Nach ihren Angaben waren bis 7. Mai bereits 1221 Studien zu dem Thema im internationalen Register „ClinicalTrials.gov“ gelistet, ebenso habe es bis dahin fast 4000 Paper ohne Review-Prozess auf Preprint-Servern gegeben. Bis Ende Juli waren 33 Beiträge zurückgezogen worden (19 Artikel, 14 Preprints). Die Gründe dafür reichten von Datenfälschung, methodischen Fehlern, bedenklichen Daten-Interpretationen bis hin zu Belangen der Privatsphäre von Autoren oder Teilnehmern. Zwei Preprints sowie zwei Forschungsbeiträge in „Lancet“ und „New England Journal of Medicine“ wurden zurückgezogen, weil sich die darin vorgestellten Daten nicht überprüfen ließen. Grobe Fehler und Falschinformationen können Patienten schädigen, betont Bramstedt. Sie empfiehlt, den Einreichungsprozess wissenschaftlicher Arbeiten zu straffen und Autoren verpflichtend in ethischen Belangen der Forschung zu schulen (Journal of Medical Ethics 2020; online 1. Oktober).

Das Risiko für Thromboembolien ist bei Corona deutlich höher als bei anderen Erkrankungen, bestätigen Forscher der Medical University Wien. Sie haben in einer Metaanalyse 66 Studien mit Daten von 28.173 Patienten ausgewertet. Stationär behandelte COVID-19-Patienten hatten demnach ein Risiko von 14 Prozent für eine tiefe Venenthrombose (TVT), das Risiko reichte von 8 Prozent auf normalen Stationen bis 23 Prozent auf Intensivstationen, und zwar trotz rigoroser Prophylaxe in den meisten Studien. Wurden stationäre COVID-19-Patienten systematisch mit Ultraschall gescreent, war sogar jeder zweite von einer TVT betroffen. Patienten auf Intensivstationen hatten zudem ein 10- bis 18-prozentiges Risiko für eine Lungenembolie. Patienten, die im Verlauf von COVID-19 eine TVT oder eine Lungenembolie entwickelten, hatten bei der Klinikaufnahme deutlich erhöhte D-Dimer-Werte gehabt (Research and Practice in Thrombosis an Haemostasis 2020; online 25. September).

Update vom 1. Oktober

Bei gebrechlichen alten Menschen könnte ein Delir ein wichtiger früher Hinweis auf COVID-19 sein, berichten Forscher des King’s College in London. Sie haben Daten von zwei Kohorten mit Corona-positiven Patienten im Alter ab 65 Jahren ausgewertet.  322 Betroffene waren zwischen März und Anfang Mai in der Klinik behandelt worden (stationäre Kohorte). Weitere 535 Patienten wurden über die „Covid Symptom Study App“ ausgewählt (ambulante Kohorte). Ergebnis: Gebrechlichkeit („frailty“) war bei Patienten verbunden mit einer deutlich erhöhten Rate an Delir (verwirrt, orientierungslos, schläfrig). Bei jedem fünften gebrechlichem Klinikpatienten mit COVID-19 war das Delir das einzige Symptom. Und bei jedem dritten gebrechlichen ambulanten Corona-Patienten mit Delir fehlten die typischen Symptome Husten und Fieber. Ärzte sollten wachsam sein, wenn sich der Geisteszustand eines gebrechlichen alten Menschen akut verändert, so die Forscher. Es könnte ein Zeichen von COVID-19 sein (Age and Aging 2020; online 28. September).

HIV-Infizierte haben ein hohes Risiko für schwere COVID-19-Verläufe, berichten Ärzte der University of Missouri-Columbia in den USA. In einer multizentrischen Studie mit 286 HIV-Patienten war binnen 30 Tagen nach COVID-19-Diagnose bei 57 Prozent eine stationäre Therapie und bei 16 Prozent eine intensivmedizinische Therapie erforderlich. 9 Prozent der Betroffenen überlebten die Krankheit nicht. Patienten mit antiviraler Therapie und guter Viruskontrolle hatten im Vergleich zur Normalbevölkerung kein erhöhtes COVID-19-Risiko, dieses war aber bei Patienten mit schlechter Viruskontrolle und Immunschwäche besonders stark erhöht. „Weil manche HIV-Arzneien auch gegen SARS-CoV-2 getestet werden, wähnen sich einige HIV-Patienten auch gegen Corona geschützt“, so die Forscher in einer Mitteilung zu der Studie. Dies sei keineswegs der Fall. Als besonders vulnerable Risikogruppe sollten sie vielmehr prioritär für mögliche Impfprogramme ausgewählt werden (Clin Infect Dis. 2020; online 9. September).

Asymptomatische Corona-Infizierte haben eine ähnlich hohe Viruslast wie leicht symptomatische, bestätigen koreanische Forscher. Sie haben Daten von 183 Infizierten von einem lokalen Ausbruch analysiert. Von diesen waren 39 asymptomatisch geblieben, 144 hatten leichte Symptome bekommen. Ein weiterer Test 12-13 Tage nach Erstdiagnose war bei 21 asymptomatischen und 92 symptomatischen Patienten erneut positiv. Anschließend wurde die Viruslast mit dem Ct-Wert bestimmt. Der Wert entspricht der Zahl der notwendigen PCR-Zyklen („threshold cycle“) bis zur positiven Virusdetektion. Ein niedriger Ct-Wert bedeutet eine hohe Viruskonzentration im Abstrich. Ct-Werte <27 gelten dabei als hohe, von 27-32 als moderate und >32 als niedrige Viruslast. Ergebnis: Bei den erneut Corona-positiven Patienten ergaben sich im Schnitt Ct-Werte zwischen 31 und 33; Unterschiede zwischen symptomatischen und asymptomatischen Infizierten gab es nicht (Thorax 2020; online 22. September). (bs)

Liebe Leser, ab Ende September fassen wir die Corona-Studienlage wöchentlich zusammen: Damit können Sie die Seite schneller laden und Ihre Kommentare sind den Studien leichter zuzuordnen. In den vergangenen Wochen hatten wir die Studienlage monatlich zusammengefasst.

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