Interview Sanofi

„Diabetes spielt weiterhin große Rolle“

Von einem Ausstieg aus der Diabetes-Versorgung könne keine Rede sein. Man werde die Forschung in diesem Bereich neu ausrichten und den Fokus auf weitere Indikationen legen, „in denen wir Durchbrüche erwarten“. Über die strategische Neuausrichtung von Sanofi sprachen Deutschland-Chef Dr. Fabrizio Guidi und Medical Director Professor Dieter Paar mit der „Ärzte Zeitung“.

Von Wolfgang van den Bergh Veröffentlicht: 24.01.2020, 10:28 Uhr
„Diabetes spielt weiterhin große Rolle“

Dr. Fabrizio Guidi (li.) und Prof. Dieter Paar erläutern im Gespräch mit der „Ärzte Zeitung“ die neue Strategie.

© Stephanie Pilick

Ärzte Zeitung: Dr. Guidi, die Ankündigung von Sanofi im Dezember, aus der Diabetes- und Herz-Kreislaufforschung „auszusteigen“, ist unterschiedlich interpretiert worden. Was passiert jetzt konkret?

Dr. Fabrizio Guidi: Leider hat die Berichterstattung in den Medien bei Ärzten, bei Patienten und auch bei uns im Unternehmen für Unruhe gesorgt. Mir ist sehr wichtig, klarzumachen, dass wir unsere Forschung im Diabetes neu ausrichten und nicht aus der Diabetes-Versorgung aussteigen.

Was heißt das konkret?

Guidi: Lassen Sie mich vorwegschicken, dass wir uns zusammen mit unserem neuen CEO Paul Hudson dazu entschieden haben, unsere neue Strategie an vier Prioritäten auszurichten. Wir wollen uns auf die Produkte konzentrieren, bei denen wir uns ein Wachstum versprechen. Wir wollen unseren Vorsprung bei Innovationen ausbauen. Und wir wollen dort forschen, wo wir uns einen Durchbruch versprechen. Darüber hinaus setzen wir auf die Verbesserung der Effizienz sowie einer Neudefinition der Organisationsstrukturen.

Und das alles bedeutet für den Diabetes-Bereich?

Guidi: . . . dass wir unsere bisherige Diabetesforschung in Zukunft stärker mit unserer immunologischen Forschung verzahnen und zugleich bei Forschung und Entwicklung auf neue strategische Schwerpunkte konzentrieren. Bei Diabetes-Entwicklungen werden wir sehr eng mit Partnern an Lösungen arbeiten, die etwa das Blutzucker-Management verbessern sollen. Dabei setzen wir auf digitale Integrated-Care-Lösungen, die auf unser Insulin-Portfolio zugeschnitten sind. So arbeiten wir an einer intelligenten Sensorklappe für alle Solo-Star®-Pen verfügbaren Insuline. Das Gerät wird dann die automatische Aufzeichnung und Übertragung von Dosis-Informationen über eine mobile App ermöglichen. Auch die angekündigte Kooperation mit Abbott wird fortgeführt.

Prof. Dr. med. Dieter W. Paar: Ich will das unterstreichen: Sanofi wird bei der Entwicklung neuer Arzneimittel in Zukunft noch stärker den Fokus darauf setzen, was wirklich neuartig ist. Wir werden uns auf die Moleküle konzentrieren, die eine Chance haben „first in Class“ zu sein. Bis vor kurzem hatten wir einige neue Diabetes-Wirkstoffe unterschiedlicher Klassen in der Entwicklung, die nicht „first in Class“ waren. Wie gesagt, unsere zukünftige Forschung zum Typ I Diabetes wird sich stärker immunologisch ausrichten.

Ansonsten haben wir sieben priorisierte Entwicklungskandidaten in anderen Indikation, mit dem Potenzial, wichtige Behandlungsoptionen für die Hämophilie, der Multiplen Sklerose oder von Brustkrebs zu werden. Weitere wichtige Forschungsbereiche sind die Prophylaxe von Viruserkrankungen, immunologische Erkrankungen und lysosomale Speichererkrankungen.

Inwiefern hat auch das politische Umfeld insbesondere im Kontext der frühen Nutzenbewertung in Deutschland zu dem Strategiewechsel beim Diabetes beigetragen?

Paar: Überhaupt nicht. Wie gesagt, es geht um „First-in-Class“-Medikamente und die Fragen: Was ist in der Pipeline, und was verspricht einen Durchbruch.

Hat das Auswirkungen auf die Herstellung?

Guidi: Die Herstellung für unsere Insuline Lantus®, Toujeo®, Apidra® und Insulin lispro® wird selbstverständlich fortgesetzt. Sie haben die Behandlungsparadigmen verändert und bleiben nach wie vor wesentliche Behandlungsoptionen für Millionen von Patienten nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Denken Sie an unsere Devices, darunter die Insulin-Pens. Davon fertigen wir pro Tag über eine Million Stück. Wir sehen es als unsere Verpflichtung an, unsere Insuline, Devices und Services weiterhin anzubieten. So haben wir am 1. Januar dieses Jahres Suliqua® – die in Deutschland bisher einzige Fixkombination aus einem Basalinsulin (Insulin glargin) und einem GLP-1-Rezeptoragonisten (Lixisenatid), eingeführt.

Lassen Sie uns das Thema Services aufgreifen: Sanofi hat immer wieder vielfältige Aktivitäten rund um den Diabetes mit Ärzten und Patienten initiiert – Stichwort Schulungen. Was wird aus den Initiativen?

Guidi: Wir werden unsere Schulungen fortsetzen. Fortgeführt werden unter anderem das Schulungsprogramm für Patienten „bot leben“ (bot = basal unterstützte orale Therapie, d. Red.) sowie die Fortbildungsplattform eAcademy für Healthcare Professionals. Darüber hinaus richten wir unsere Aufmerksamkeit auf Schulungen im Zusammenhang mit neuen digitalen Devices und Applikationen.

Paar: Wir werden mit unseren Fortbildungsangeboten weiterhin Ärztinnen und Ärzten dabei unterstützen, ihre Patienten mit Diabetes individuell optimal zu betreuen.

Gilt das auch für die Aktion „Wissen, was bei Diabetes zählt: Gesünder unter 7“, bei der die Ärzte Zeitung von Anfang an Partner war?

Guidi: Ja, auch diese Aktion, bei der uns viele Partner seit Jahren unterstützen, wird fortgesetzt. Der nächste Aktionstag in Viernheim steht mit dem 23. April bereits fest. Im globalen Vergleich nimmt Deutschland Platz 8 bei der Diabetes-Prävalenz ein. Das macht deutlich, wie wichtig solche Aufklärungsaktionen sind. Und übrigens: Die langen Schlangen vor den Aktionsständen zeigen Jahr für Jahr, wie wichtig das Engagement ist.

Sanofi

  • Branche: Sanofi ist ein weltweites Gesundheitsunternehmen. Der Hauptsitz des Konzerns ist in Paris. Die deutsche Landesgesellschaft unterhält ihren größten Standort in Frankfurt am Main. Sanofi in Deutschland ist in vier Geschäftsbereiche gegliedert: Consumer Healthcare, Primary Care, Sanofi Genzyme und Sanofi Pasteur.
  • Mitarbeiter: 9000 in Deutschland; 100.000 weltweit.
  • Umsatz 2018: 4828 Millionen Euro in Deutschland; 34,5 Milliarden Euro weltweit.

Parallel will Sanofi nun seine Forschungsaktivitäten in der Onkologie ausbauen. Was müssen wir uns darunter vorstellen?

Paar: Wie gesagt, eines der sieben Moleküle mit hoher Priorität ist zur Behandlung von Patientinnen mit Hormon-Rezeptor-Positivem Mamma-Ca. Darüber hinaus steht eine Substanz zur Behandlung des Multiplen Myeloms kurz vor der Zulassung. Als Arzt muss ich Ihnen sagen, dass wir in der Behandlung des Diabetes heute schon ziemlich weit sind. In der Onkologie trifft das trotz aller Fortschritte nicht zu. . .

. . . und das macht den Unterschied in der Nutzenbewertung im AMNOG-Prozess aus? Immerhin stammten von den 25 im vergangenen Jahr neu zugelassenen Arzneimitteln zehn aus der Onkologie.

Paar: Das ist natürlich nicht ganz überraschend, wenn Sie die Endpunkt-Diskussionen der vergangenen Jahre Revue passieren lassen. Wenn Sie in kurzer Zeit sich separierende Überlebenskurven haben, haben Sie schneller Endpunkte und können früh den Zusatznutzen zeigen. Das können sie beim Diabetes erst nach vielen Jahren. Auch unter diesem Gesichtspunkt ist es durchaus rational, dass wir in den Bereichen forschen, wo es einen großen Medical need gibt.

Apropos Nutzenbewertung: Würden Sie ein klares Plädoyer für eine europäischen Nutzenbewertung abgeben?

Guidi: Wir unterstützen die Harmonisierung der Anforderungen an klinische Evidenzgenerierung auf EU-Ebene im Sinne einer europäischen Nutzenbewertung. Die Vorteile einer solchen Nutzenbewertung liegen unter anderem in verbesserter Qualität der Nutzenbewertung europaweit, besserer Planbarkeit für Arzneimittelhersteller, Vermeidung von duplizierten Nutzenbewertungen und schnellerem Zugang zu Innovationen für Patienten.

Paar: Auch aus meiner Sicht ist eine europäische Nutzenbewertung logisch. Gleichzeitig wissen wir, dass an den nationalen Erstattungsmodellen nicht gerüttelt werden soll. Unsere Sorge ist schon, dass nach der europäischen Nutzenbewertung dann noch einmal ein Dossier für die nationale Preisverhandlung geschrieben werden muss. Das wäre wenig zielführend, würde Zeit und Geld kosten und wäre sicherlich nicht im Sinne der Patienten.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.

„Diabetes spielt weiterhin große Rolle“

Dr. Fabrizio Guidi

© Stephanie Pilick

Dr. Fabrizio Guidi ist seit dem 1. Januar 2019 Vorsitzender der Geschäftsführung von Sanofi Deutschland sowie General Manager Primary Care der Multi-Country-Organisation Deutschland, Schweiz, Österreich (MCO GSA).

Der Biochemiker Fabrizio Guidi, hat an der TH Zürich (ETH) promoviert. Guidi startete seine Karriere bei Sanofi-Synthelabo in der Schweiz, wo er zuletzt – dann schon unter dem Firmennamen Sanofi-Aventis – als Business Unit Director Primary Care die Geschäftsbereiche Kardiologie und Metabolismus verantwortete. 2007 wechselte Guidi in eine Führungsposition nach Paris. 2011 wurde er Country Manager in der Schweiz. 2015 wechselte der Vater zweier Kinder als General Manager General Medicines und Country Chair in die Türkei. Von dort aus leitete er bis 2016 auch die Multi-Country-Organisation Türkei, Iran, Israel.

„Diabetes spielt weiterhin große Rolle“

Prof. Dieter Paar

© Stephanie Pilick

Prof. Dr. med. W. Dieter Paar ist Facharzt für Innere Medizin, Nephrologie und Spezielle Internistische Intensivmedizin. Er habilitierte 1998 und wurde 2008 in Bonn zum apl. Professor für Innere Medizin ernannt. Seine Lehrtätigkeit erstreckt sich auf die Innere Medizin und Gastvorlesungen zur Klinischen Prüfung. Er ist Autor oder Co-Autor von über 75 Publikationen.

Seit 2001 ist er in der forschenden Arzneimittelindustrie im medizinischen-wissenschaftlichen Bereich tätig.

Von 2011-2016 leitete er neben der Medizinischen Abteilung den Bereich Market Access und Evidenz Basierte Medizin bei Sanofi in Berlin. Derzeit leitet er den medizinischen Fachbereich mit Schwerpunkt kardiovaskuläre Medizin & Diabetes in Österreich, der Schweiz und in Deutschland. Er ist Vorstandsmitglied des Vereins Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneiindustrie e. V. und der Paul-Martini-Stiftung.

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