Direkt zum Inhaltsbereich

Beitragssatzstabilisierungsgesetz

Fixkostendegression in der HZV: Koalition schnürt Sparpaket wieder auf

Das GKV-Spargesetz ist in weiten Teilen noch nicht in Kraft getreten. Doch die Koalition will einzelne Einschnitte bei Haus- und Kinderärzten wieder zurücknehmen. Kassen fürchten um den Sparkurs – und dass der Geist aus der Flasche gelassen wird.

Veröffentlicht:
Das Foto zeigt ein Schild mit der Aufschrift "Sparkurs" sowie den Bundestag Im Hintergrund.

Wünschenswerte Umkehr oder eine Gefährdung des Sparkurses? Ärzteschaft und Krankenkassen bewerten jüngste Überlegungen in der Koalition unterschiedlich.

© Torsten Sukrow / SULUPRESS.DE / picture alliance

Berlin. Die erst mit dem GKV-Spargesetz beschlossene Fixkostendegression für die Hausärzte sowie die Kinder- und Jugendärzte steht schon wieder zur Disposition. Politikerinnen und Politiker der Koalition stellen den Sinn dieser Maßnahme in Frage.

„Bei der hausarztzentrierten Versorgung, bei der hausärztlichen Versorgung und bei den Kinder- und Jugendmedizinern werden wir die Fixkostendegression wieder abschaffen“, kündigte der SPD-Abgeordnete Serdar Yüksel am Donnerstagabend im Bundestag bei der Debatte über den Etat des Bundesgesundheitsministeriums an. Anderenfalls könne es insbesondere bei „U-Untersuchungen und bei Vorsorgeleistungen zu Unwuchten kommen“.

Damit reagieren die Gesundheitspolitiker auf den offensichtlichen logischen Bruch zwischen der geplanten Einrichtung eines Primärversorgungssystems und einer mengenabhängigen Abstaffelung der Vergütung.

Während die Nachricht in der Ärzteschaft positiv aufgenommen wurde, äußerte die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbands Dr. Carola Reimann Kritik. De facto rücke die Koalition wieder von ihrem mit dem Beitragssatzstabilisierungsgesetz angestoßenen Sparkurs ab, sagte Reimann am Freitag. Damit würden steigende Zusatzbeiträge zum Jahreswechsel wieder wahrscheinlicher.

Lesen sie auch

Positiv kommen die Entwicklungen hingegen in der Ärzteschaft an. Wenn die Fixkostendegression gestrichen werden würde, wäre dies eine gute Nachricht für Patienten und für die hausärztlichen Kolleginnen und Kollegen, sagte die Bundesvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands Prof. Nicola Buhlinger-Göpfarth bei einer Pressekonferenz in Berlin.

Es gebe ein „Übersetzungsproblem“ in der Politik, nämlich dass Gesetze konkrete Auswirkungen auf die Versorgung vor Ort haben: Junge Praxisinhaberinnen- und -inhaber sorgten sich seit dem GKV-Spargesetz um ihre wirtschaftliche Zukunft, weil sie auf Neuaufnahmen und Wachstum in der HZV gesetzt hätten, warnte Buhlinger-Göpfarth. Die Hausarztpraxen bekommen von der Politik immer mehr Aufgaben, sie sollen mehr versorgen, sagte die Hausärztin. Und dann werde bestraft, wer dies umsetzen wolle.

„Politik ist falsch abgebogen“

Wenn eine Hausarztpraxis neue Patienten aufnehme, mache sie mehr Hausbesuche, brauche mehr Personal, mehr Räume. „Wo sind denn da meine Einsparungen?“, fragte Buhlinger-Göpfarth. Sie hoffe, die Politik erkenne, dass sie an dieser Stelle falsch abgebogen sei. „Man kann nicht die Struktur, die es jetzt richten soll, über eine Fixkostendegression kaputtsparen.“

Wie es der Widerspruch letztendlich ins Gesetz geschafft hat, bleibt unterdessen unklar. Abgeordnete der SPD-Fraktion haben in den vergangenen Tagen geäußert, dass das Bundesgesundheitsministerium der Fraktion eigentlich zugesagt hatte, die Änderung wieder zu streichen.

Lesen sie auch

Ein Grund dafür könnte sein, dass der gesundheitspolitische Sprecher der Fraktion Bündnis90/Die Grünen, Dr. Janosch Dahmen, Anfang Juli versuchte, die kurzfristig anberaumte Abstimmung über das Spargesetz zu kippen, um mehr Beratungszeit zu gewinnen. Nachdem das Bundesverfassungsgericht diesen Antrag und einen weiteren der Linken-Fraktion zurückgewiesen hatte, blieben diese und eine weitere umstrittene Regelung zur Finanzierung der Krankenhäuser im Gesetz drin.

Das Bundesgesundheitsministerium unter seiner neuen Führung und die Bundesregierung stehen nun unter erheblichem Zeitdruck. Am 15. Oktober tagt der Schätzerkreis, um aus den vorliegenden Daten den durchschnittlichen Zusatzbeitrag für das kommende Jahr zu destillieren.

SpiFa: „Fehlentscheidung“ revidieren

Hinzu kommt eine Eigendynamik, die mit der Ankündigung, die Fixkostendegression für Haus- und Kinderärzte abzuschaffen, in Gang gesetzt wurde. Der Spitzenverband Fachärztinnen und Fachärzte Deutschlands (SpiFa) schob am Freitag die Forderung nach, auch die ab 2027 geplante Abschaffung der besonderen Finanzierung von offenen Sprechstunden zu revidieren.

Denn der Gesetzgeber hält an der gesetzlichen Verpflichtung für grundversorgende Fachärzte fest, mindestens fünf Stunden pro Woche offene Sprechstunden anzubieten. SpiFa-Vorstand Dr. Dirk Heinrich forderte, diese „Fehlentscheidung des Spargesetzes“ ebenfalls zu korrigieren. „Wer den Praxen die Finanzierung der offenen Sprechstunde nimmt, kann sie nicht gleichzeitig gesetzlich zu ihrer Vorhaltung verpflichten.“ (af/fst)

Lesen sie auch
Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Welttag der Patientensicherheit

KBV: Diagnostik hat nichts in Apotheken und Drogerien zu suchen

Das könnte Sie auch interessieren
Vier Einwände von Herzpatienten im Evidenzcheck

© imran kadir photography | Getty Images

Impfskepsis in der Praxis

Vier Einwände von Herzpatienten im Evidenzcheck

Anzeige | Viatris Germany GmbH
Gut organisiert in die Grippesaison starten

© Abraham Gonzalez Fernandez | Getty Images

Impfmanagement

Gut organisiert in die Grippesaison starten

Anzeige | Viatris Germany GmbH
„Motivational Interviewing“ in der Impfberatung

© SrdjanPav | Getty Images

Impfkommunikation

„Motivational Interviewing“ in der Impfberatung

Anzeige | Viatris Germany GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Wachstumskurve einer MPS-I-Patientin

© Springer Medizin Verlag GmbH, modifiziert nach [1]

Seltene Stoffwechselkrankheiten

Lebenswichtige Diagnosen frühzeitig an der Wachstumskurve erkennen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Sanofi-Aventis Deutschland GmbH, Frankfurt am Main
Funktion, Diagnose und Therapie primärer Immundefekte

© Design Cells / Getty Images / iStock

Funktion, Diagnose und Therapie primärer Immundefekte

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: CSL Behring GmbH, Hattersheim
Abb. 1: Abschätzung des Risikos, in Abhängigkeit von der nächtlichen Schlafdauer innerhalb von 5 Jahren einen höheren Body-Mass-Index zu entwickeln; repräsentative Stichprobe von 2.281 Kindern im Alter von 3–12 Jahren (modifiziert nach [6])

© Springer Medizin Verlag GmbH

Sekundäre Insomnien bei chronischen Nierenerkrankungen

Kinder mit Schlafmangel haben müde Eltern

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Chiesi GmbH, Hamburg
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Sie fragen – Experten antworten

Alle Diabetes-Patienten gegen Herpes zoster impfen?

Euglykämische diabetische Ketoazidose

Kasuistik: Seltene Nebenwirkung unter SGLT2-Hemmern

Lesetipps
Illustration eines molekularen Modells von Messenger RNA.

© Dr_Microbe / Getty Images / iStock

Personalisierte mRNA-Therapien

Verheißungsvolle RNA-Krebsimpfstoffe: Wo steht die Forschung gerade?

Ein Mann niest und putzt sich die Nase.

© Dragana Gordic / stock.adobe.com

Kasuistik

Plötzliche Niesanfälle bringen Mann in Lebensgefahr

Auch 2024 war die Sterblichkeit durch Herzerkrankungen in Deutschland insgesamt erneut leicht rückläufig

© Rosi / stock.adobe.com / Generated with AI

Herzbericht 2026

Das sind die aktuellen Trends in der Herzmedizin