Niedersachsen

Frühchen-Stationen reißen Personalvorgaben

Niedersachsens Perinatalzentren können den GBA-Personalschlüssel nicht einhalten. Es droht die Schließung von Zentren.

Von Christian Beneker Veröffentlicht: 24.06.2019, 07:07 Uhr
Frühchen-Stationen reißen Personalvorgaben

Sorgen um die Frühchen: Es fehlt in Niedersachsens Perinatalzentren an ausreichend Pflegepersonal, wie von den GBA-Richtlinien vorgeschrieben. Schließungen von Zentren könnten die Folge sein.

© Fotostudio Sessner/ Bundesverband "Das frühgeborene Kind" e. V."

HANNOVER. Fast alle der 19 niedersächsischen Perinatalzentren müssten früher oder später schließen, wenn es bei den neuen vom Gemeinsamen Bundesausschuss festgelegten strikten Pflegepersonalschlüsseln bleibt. Das ist das Ergebnis einer von der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft in Auftrag gegebenen Studie des RWI-Leibniz-Institutes für Wirtschaftsforschung, die am Freitag in Hannover vorgestellt wurde.

Anfang 2014 hat der GBA die „QFR-RL“ erlassen, die Qualitätssicherungsrichtlinie Früh- und Reifgeborene. Danach muss nach Ende der Übergangsphase ab 1. Januar 2020 erstens in Perinatal-Zentren der Level 1 und 2 in mindestens 95 Prozent aller Schichten eines Jahres der Personalschlüssel von einer Pflegekraft pro Frühchen mit einem Geburtsgewicht von 1500 Gramm eingehalten werden, beziehungsweise von einer Pflegekraft für zwei Frühchen in der Intensivüberwachung.

Zweitens darf dieser Schlüssel in jährlich höchstens zwei aufeinanderfolgenden Schichten verletzt werden. „Wir fordern, das erste Kriterium zu flexibilisieren und das zweite fallenzulassen“, sagt Helge Engelke, Direktor der NKG.

Nur eines von acht Perinatalzentren erfüllt bislang beide Kriterien

Nur eines der acht Perinatalzentren der Stichprobe gelang im Prüfzeitraum das Kunststück, beide Kriterien einzuhalten, erläuterte RWI-Direktor Professor Boris Augurzky. Die anderen Einrichtungen müssten nach den vorliegenden Zahlen früher oder später vom Netz abgemeldet werden.

Man müsse nur lang genug warten, dann erfülle praktisch jedes Haus einmal das zweite Kriterium der QFR-RL nicht, so Augurzky. Selbst wenn in den Perinatalzentren in Niedersachsen drei Vollzeitkräfte mehr eingestellt würden, liege die Wahrscheinlichkeit, Kriterium 2 zu verletzen immer noch bei 4,9 Prozent.

„Das erste Kriterium ist schon schwer zu erfüllen“, so der Leiter des RWI, „aber das zweite macht den Deckel drauf.“

Dabei seien die Unwägbarkeiten bei der Versorgung von Frühchen besonders hoch. Denn Frühchen kündigen sich nicht an. Da wirkten sich Fehltage bei den Pflegekräften in der Versorgung umso stärker aus.

Für die Krankenhäuser bedeutet das, das Personal entweder flexibler einzusetzen– also bei Krankheit einer Pflegekraft sofort eine andere aus dem Feierabend oder dem Urlaub herbeizurufen. Oder die Klinikchefs müssen mehr Personal einstellen.

„Aber wenn wir die Schichtstärke um drei Vollzeitstellen erhöhen wollen, brauchen wir im Drei-Schicht-Betrieb unter Berücksichtigung von Urlaubs- oder Krankheitstagen 16,5 Vollkräfte“, sagte Dr. Thomas Beushausen, Ärztlicher Direktor des Hannoveraner Kinderkrankenhauses Auf der Bult. Das Haus liegt derzeit bei einer Schichtquote von 92 Prozent.

„Geforderte Fachkräfte gibt es nicht!“

„Wollten wir die vom GBA geforderten 95 Prozent erreichen, müssten wir 20 Vollzeitkräfte neu einstellen“, erklärte Beushausen. „Das schaffen wir nicht. Denn diese Kräfte gibt es nicht!“

Bleibt die Möglichkeit, die Frühchen zu verlegen, um die Patientenzahl der Versorgung anzupassen. „Aber das bedeutet zusätzliche Risiken“, sagte Professor Florian Guthmann, Chefarzt der Neonatologie am Kinderkrankenhaus Auf der Bult, „und das kann es nicht sein“.

„Wir haben nichts dagegen, dass die Versorgung geplant wird“, so Beushausen. „Dann soll man sagen, was man haben will, und wer die Leistungen erbringen soll. Aber was nicht richtig ist: Allen Neonatologien Stress zu machen und zu hoffen, dass die, die man nicht mehr will, ausscheiden.“

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