Kassenreport

Jeder achte Bundesbürger klagt wöchentlich über Kopfschmerzen

Zwei von drei Deutschen leiden unter Kopfschmerzen – jeder Achte sogar einmal die Woche, wie aus einer Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse hervorgeht. Als problematisch stuft die Kasse Entwicklungen bei neuen Migräne-Präparaten, sogenannten CGRP-Antikörpern, ein.

Von Thomas Hommel Veröffentlicht: 19.08.2020, 15:14 Uhr
Migräneattacke: Bundesweit sind laut Versichertendaten der TK sieben Prozent der Frauen betroffen.

Migräneattacke: Bundesweit sind laut Versichertendaten der TK sieben Prozent der Frauen betroffen, bei den Männern sind es nur 2,2 Prozent.

© highwaystarz / stock.adobe.com

Berlin. Hämmern, pochen, stechen: Mehr als zwei Drittel (68 Prozent) aller Bundesbürger klagt über Kopfschmerzen. Gut 20 Prozent der unter 40-Jährigen sagen, dass sie mindestens einmal die Woche Kopfschmerzen haben – bei den über 60-Jährigen sind es vier Prozent.

Im Schnitt berichtet jeder achte Bundesbürger (13 Prozent), dass er ein- oder mehrmals die Woche Kopfschmerzen hat. Frauen sind häufiger betroffen als Männer: 20 Prozent der Frauen haben mindestens einmal pro Woche Kopfschmerzen. Bei den Männern sind es vier Prozent.

Selbstmedikation beliebt

Das sind Ergebnisse des Kopfschmerzreports der Techniker Krankenkasse (TK). Die Studie wurde am Mittwoch vorgestellt. Das Institut Forsa befragte dafür 1001 Bundesbürger.

Knapp jeder vierte Kopfschmerzpatient (21 Prozent) greift demnach bei Beschwerden sofort zum Medikament. Sieben von zehn Befragte entscheiden sich für ein rezeptfreies Medikament. Jeder Vierte hat dieses schon einmal mehrere Tage hintereinander eingenommen. Der Kasse gehe es nicht darum, Schmerzmittel „zu verteufeln“, sagte TK-Chef Dr. Jens Baas. „Aber ein verantwortungsvoller Umgang ist wichtig, um Abhängigkeiten zu vermeiden.“

„Schmerzmittel wie Lebensmittel“

Ein Schmerzmedikament sei auch kein Allheilmittel, betonte Baas. „Es verringert die Kopfschmerztage um etwa ein Viertel.“ Die gleiche Anzahl lasse sich mit einer Anpassung des Lebensstils erreichen. Wichtig seien Bewegung, Entspannung sowie regelmäßige Schlaf- und Essenszeiten. Die Hersteller rief Baas auf, stärker auf Nebenwirkungen hinzuweisen.

Schmerztabletten seien für viele Menschen „ein Lebensmittel“ geworden, stellte Professor Hartmut Göbel, Facharzt an der Schmerzklinik Kiel, fest. Viele nähmen die Mittel, um schnell wieder leistungsfähig und fit zu sein. Zu selten werde die Einnahme mit dem Arzt abgeklärt.

CGRP-Antikörper bei Migräne

Der Report zeigt auch: Immer mehr Migränepatienten bekommen CGRP-Antikörper verschrieben. Laut TK-Abrechnungsdaten bekamen Versicherte im Januar 2019 rund 200.000 Tagesdosen verordnet. Im Oktober waren es mit über einer halben Million Tagesdosen mehr als doppelt so viele.

Die monatlichen Ausgaben für die Präparate seien in den vergangenen zwei Jahren permanent nach oben geklettert, sagte der Leiter Arzneimittel bei der TK, Tim Steimle. Im Oktober 2019 hätten die Kosten – hochgerechnet auf die gesamte GKV – bei 9,4 Millionen Euro gelegen.

Der Gemeinsame Bundesausschuss erkenne in der frühen Nutzenbewertung dann einen Zusatznutzen bei CGRP-Antikörpern an, wenn keine der sechs verfügbaren Vortherapien wirke, so TK-Chef Baas. „Wir sehen in unseren Daten jedoch, dass die neuen Medikamente nicht immer zielgerichtet eingesetzt werden.“

Gut drei Viertel der TK-Versicherten, die CGRP-Antikörper verschrieben bekämen, hätten keine Vortherapie erhalten. „Das heißt, diese Medikamente werden häufig als Medikamente der ersten Wahl eingesetzt, dafür sind sie aber nicht gedacht.“

Sprechende Medizin aufwerten

Schmerzmediziner Göbel betonte, auch bei Anwendung der Präparate verschwinde eine Migräne nicht völlig. „Die Behandlungen helfen, einen Teil der Attacken zu reduzieren.“ Problematisch sei, dass viele Schmerzpatienten erst spät eine spezifische Diagnose gestellt bekämen. „Bei der Migräne dauert es manchmal Jahre, wenngleich es besser geworden ist.“

Diagnose-Klarheit sei in der Kopfschmerzbehandlung der mit Abstand „wichtigste Punkt“, sagte Göbel. Das vorliegende Wissen über die knapp 370 verschiedenen Kopfschmerzformen sei stärker in der ärztlichen Fort- und Weiterbildung zu verankern. Am weitesten verbreitet seien Spannungskopfschmerzen und Migräne.

Frauen dreimal so häufig betroffen

Laut TK-Auswertung leiden sieben Prozent der Frauen und 2,2 Prozent der Männer unter Migräne. Die Häufigkeit liege unter den Zahlen, die sich bei bevölkerungsrepräsentativen Umfragen ergäben, weil die Versichertendaten lediglich ärztlich dokumentierte Diagnosen aufzeigten, hieß es.

Mit Blick auf das Alter gibt es in der Gruppe der 45- bis 54-Jährigen die meisten Migränediagnosen. Hier sind 6,6 Prozent der Versicherten betroffen – rund zehn Prozent der Frauen und 2,7 Prozent der Männer.

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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Dr. Thomas Georg Schätzler

ARMSELIGER TK-KOPFSCHMERZREPORT

Wenn die Ergebnisse des Kopfschmerzreports der Techniker Krankenkasse (TK) darauf beruhen, dass das FORSA-Institut lediglich 1001 Bundesbürger befragt hatte, wundert mich gar nichts mehr.

Genauso gut hätte man 101 Dalmatiner über "Frauchen" oder "Herrchen" befragen oder Versuchstiere um Auskunft über Pathophysiologie bitten können.

An Top 10 der Kopfschmerzauslöser - gefragt wurde, welche Faktoren/Situationen lösen bei Ihnen häufig Kopfschmerzen aus - erkennt man unschwer die Naivität von Befragten und Studienautoren gleichermaßen bezüglich medizinisch validierter und gesicherter Krankheitsentitäten:

Frauen/Männer
Muskelverspannungen 71%/56%
zu wenig Flüssigkeit 66%/59%
Wetter 64%/43%
Stress 62%/48%
wenig/schlechter Schlaf 55%/48%
schlechte Luft/Gerüche 33%/35%
Lärm 32%/30%
lange Zeit am PC 26%/27%
Bewegungsmangel 19%/19%
Alkohol/Nikotin 15%/34%
haben nicht das Geringste mit Migräne oder pathophysiologisch gesicherten Kopfschmerzursachen zu tun.

Auch eine adäquat behandelte Migräne hilft nur, "einen Teil der Attacken zu reduzieren." Problematisch sei, dass viele Schmerzpatienten erst spät eine spezifische Diagnose gestellt bekämen und bis dahin völlig inadäquat behandelt würden. „Bei der Migräne dauert es manchmal Jahre, wenngleich es besser geworden ist“, weil die Triptane endlich Standard geworden sind.

Diagnose-Klarheit sei in der Kopfschmerzbehandlung der mit Abstand „wichtigste Punkt“, so Prof. Göbel. Das vorliegende Wissen über die knapp 370 verschiedenen Kopfschmerzformen sei stärker in der ärztlichen Fort- und Weiterbildung zu verankern. Am weitesten verbreitet seien Spannungskopfschmerzen und Migräne.

Davon ist allerdings im TK-Kopfschmerzreport Ärzte-unterstützend und differenzialdiagnostisch gar nicht die Rede. Stattdessen geht es um die kostensparende Vermeidung neuer Migräne-Präparaten, sogenannter CGRP-Antikörpern, bevor die primär ärztliche Kopfschmerzdiagnostik überhaupt honoriert wird.

Mf+kG, Ihr Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund


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