KBV-VV

Klare Absage an starre Terminvergaben

In der Diskussion um Wartezeiten hat die KBV klare Kante gezeigt: Von der Politik will sie sich nicht vorschreiben lassen, wie die Terminvergabe geregelt werden muss. Schlimmstenfalls riskiert KBV-Chef Gassen mit dieser Position einen Streit.

Wolfgang van den BerghVon Wolfgang van den Bergh Veröffentlicht:
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DÜSSELDORF. In der Frage der Vermittlung von Facharztbesuchen durch Servicestellen legt es der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. Andreas Gassen, auf einen Streit mit der Bundesregierung an. "Falls der Politik eine flexible Lösung nicht passen sollte und sie letztlich doch vorschreiben will, wie zu verfahren ist, dann werden wir uns nicht verbiegen", sagte Gassen vor den Delegierten der KBV-Vertreterversammlung am Montag in Düsseldorf.

Das Bundesgesundheitsministerium habe der KBV signalisiert, auf enge gesetzgeberische Vorgaben verzichten zu wollen, wenn die Selbstverwaltung eine Lösungsmöglichkeit biete. "Das werden wir tun", versicherte der KBV-Chef.

Er habe den Eindruck, dass mit der Diskussion um die Wartezeiten auf einen Facharzttermin ein Scheinriese aufgebaut worden sei, wie man ihn eher aus den Kindergeschichten von Jim Knopf kenne.

Es müsse erlaubt sein zu hinterfragen, ob es sich bei der Diskussion wirklich um eines der drängendsten Probleme handelt. Nach seiner Wahrnehmung geht es um die Beseitigung eines "allenfalls punktuellen" Problems.

Die Bestätigung für seine Auffassung erwartet Gassen durch eine Versichertenbefragung der KBV durch die Forschungsgruppe Wahlen. Darin werde man Versicherte gezielt und detailliert nach ihren Erfahrungen mit Wartezeiten befragen.

Als "Humbug" bezeichnete der KBV-Vorsitzende die Position des GKV-Spitzenverbandes, der nicht müde werde zu behaupten, dass das Wartezeiten-Problem eine Frage der Verteilung sei.

Bemüht um Interessenausgleich

Der in diesem Zusammenhang oft favorisierte Einsatz der Telemedizin bewertet Gassen eher skeptisch, nicht nur weil die Verhandlungen mit den Kassen zäh verliefen. Darüber hinaus versuchten die Kassen, die Kosten für die Telematik-Infrastruktur mit denen der Telemedizin zu verrechnen.

Einer solchen Verrechnung werde man nicht zustimmen. Schließlich wies der KBV-Chef auf die Mitversorgereffekte hin. Das ZI der KBV habe herausgefunden, dass sich Patienten nicht automatisch für die ihrem Wohnort nächstgelegene Praxis entschieden, sondern dort einen Arzt aufsuchten, der verkehrstechnisch gut zu erreichen sei.

Gassen: "Er ist nicht zwingend nötig, in jedem Ort, der auf dem Papier unterversorgt ist, die Zahl der Ärzte aufzustocken."

Zur Kernfrage der innerärztlichen Zerstrittenheit äußerte sich Gassen zurückhaltend. "Wir machen das gemeinsam und mit einem fairen Interessenausgleich." An die Adresse der Politik gerichtet, machte er klar, sich nicht "von außen gestalten zu lassen".

Eine wortgetreue Umsetzung der Parität im Koalitionsvertrag sei mit dem geltenden Rechtsrahmen nicht machbar. Dazu müsste das SGB V umgeschrieben werden. Gassen befürchtet zudem ein freies Spiel der Kräfte, zum Nachteil aller grundversorgenden Haus- und Fachärzte, mit dem Effekt der gegenseitigen Kannibalisierung.

Das Thema sei in erster Linie eine Funktionärsdebatte und überlagere entscheidendere Dinge, so Gassen. Dafür gebe es Hinweise aus einer gemeinsam mit dem NAV-Virchowbund im Frühjahr initiierten Befragung unter 10.000 Ärzten.

Altersvorsorge in Gefahr?

Nach Auswertung von 6200 Antworten von Ärzten und Psychotherapeuten habe sich etwa gezeigt, dass sich die Suche nach einem Praxisnachfolger offenbar immer schwieriger gestalte. So plane fast jeder Vierte, seine Praxis in den nächsten fünf Jahren abzugeben.

Die Hälfte davon suche bereits aktiv nach einem Nachfolger - dies gelte für Hausärzte stärker als für Fachärzte. Drei Viertel empfinden diese Suche als "sehr schwierig" oder "eher schwierig".

Auch wenn die Werte "Spaß" und "Zufriedenheit" mit der ärztlichen Tätigkeit weiterhin sehr hoch seien, stellten die Befragten eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen fest, so Gassen. Weiterer Kritikpunkte: kaum Möglichkeiten, sich seinen Patienten mehr zuzuwenden, sowie mangelnde Planungssicherheit.

Als erschreckend bezeichnete Gassen, dass fast drei Viertel der Befragten meinten, dass die Praxis ihre Funktion der Altersvorsorge verloren habe. Der KBV-Chef: "Das ist ein Skandal."

Und weiter in Abwandlung an Heines "Nachtgedanken": "Denk ich an meine Praxis in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht."

In diesem Zusammenhang bekräftigte Gassen, weiter auf Image-Kampagnen zu setzen. Schwerpunkte in diesem Jahr sind Qualität und medizinischer Nachwuchs. Erst vor wenigen Tagen hatte die KBV die Kampagne "Lass Dich nieder" gestartet.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Neue Harmonie und Geschlossenheit

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