Mehr Patienten, weniger Ärzte

Was droht, wenn Lehrstühle für Diabetologie leer bleiben

Millionen mehr Diabetespatienten bei tendenziell weniger Arztzeit: Fachgesellschaften und Kammern zeigen sich alarmiert. Der Abbau von Lehrstühlen für Diabetologie an Hochschulen und die Schließung von Fachabteilungen an Krankenhäusern sorgen für Unruhe.

Thomas HommelVon Thomas Hommel Veröffentlicht:
Leere Stühle, kein Nachwuchs: Fachgesellschaften wie die DDG beklagen, dass mittlerweile nur noch an acht Standorten von 37 medizinischen Fakultäten klinische Lehrstühle für Diabetologie zu finden sind.

Leere Stühle, kein Nachwuchs: Fachgesellschaften wie die DDG beklagen, dass mittlerweile nur noch an acht Standorten von 37 medizinischen Fakultäten klinische Lehrstühle für Diabetologie zu finden sind.

© Stefano Neri / stock.adobe.com

Berlin. Hätte Monika Kellerer einen Wunsch an Professor Karl Lauterbach (SPD) frei, dann den, der Bundesgesundheitsminister möge mal eine andere Brille aufsetzen. „Wir nehmen schon wahr“, sagt die habilitierte Ärztin und Past Präsidentin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), „dass die Gesundheitspolitik noch immer stark durch die Corona-Brille betrachtet wird.“

Natürlich müsse sich Deutschland auf eine neue Welle im Herbst vorbereiten und insbesondere ältere und chronisch kranke Menschen vor Infektionen und schweren Krankheitsverläufen schützen, sagt Kellerer. Dennoch dürften andere Themen wie die Diabetesversorgung und die Betreuung mehrfach erkrankter älterer Menschen nicht länger brachliegen, mahnt die Ärztliche Direktorin am Zentrum für Innere Medizin 1 am Marienhospital Stuttgart.

„Da rollt etwas auf uns zu“

Schon vor Ausbruch der Pandemie sei auf beiden Feldern wenig passiert – außer der Verabschiedung einer Diabetesstrategie im Sommer 2020, so Keller. Der nationale Diabetesplan döse aber seither vor sich hin, vieles sei über den Status der reinen Absichtserklärung nicht hinausgekommen.

Das könne sich Deutschland aber nicht leisten. „Wir steuern auf zwölf Millionen Diabetespatienten zu, auch die Zahlen beim Prädiabetes steigen. Da rollt etwas auf uns zu“, fürchtet Kellerer. Die Ärztin steht mit solchen Sorgenfalten auf der Stirn nicht alleine da.

Gewappnet ist das System schon heute nicht für den Tsunami. Kellerer spricht von „gegenläufigen Entwicklungen“: Auf der einen Seite drohe die Zahl der Diabetespatienten zu explodieren. Auf der anderen Seite gingen viele Internisten und Diabetologen der Babyboomer-Generation in fünf bis zehn Jahren in Rente.

Für ihr Fach, die Diabetologie, verweist Chefärztin Kellerer auf eine Erhebung aus dem Jahr 2018. Demnach waren zu diesem Zeitpunkt nur sieben Prozent aller diabetologisch ausgebildeten niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte jünger als 40. „Der drohende Ärztemangel ist ein Riesenthema in der Diabetologie.“

In der Allgemeinmedizin und der Pädiatrie sieht es nicht rosiger aus. So rechnet die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) vor, dass bis zum Jahr 2030 rund 10.500 niedergelassene Hausärzte weniger tätig sind. Und der Chef der Kinder- und Jugendärzte, Dr. Thomas Fischbach, gibt an, dass in den kommenden zehn Jahren jeder vierte Pädiater seine Praxis altersbedingt schließt.

Mehr kleine Diabetespatienten

Dabei schlügen auch in den Praxen der Kinder- und Jugendärzte immer mehr junge Diabetiker auf – auch wegen der vielen Corona-Lockdowns in den vergangenen zwei Jahren, gibt Pädiater Fischbach zu bedenken. Statt in der Turnhalle oder auf dem Bolzplatz zu spielen, hätten viele Kids zu Hause in dieser Zeit vor dem PC gesessen und Chips geknabbert.

„Wir verzeichnen zwar ein leichtes Wachstum bei der Zahl der Ärztinnen und Ärzte, leider reicht der Zuwachs bei Weitem nicht, um den Behandlungsbedarf einer Gesellschaft des langen Lebens auf Dauer zu decken“, zeigt sich auch der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Dr. Klaus Reinhardt, alarmiert. Es brauche jetzt konsequente Nachwuchsförderung und bessere Ausbildungsbedingungen für Ärzte.

Reinhardt weist noch auf ein anderes Phänomen hin, das mit der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung zu tun habe: So gehe der Trend hin zu Teilzeitarbeit und weniger Überstunden. Das schlage sich auch in der Medizin nieder. Die Folge: Es braucht mehr Köpfe, um freie Stellen zu besetzen und die Zahl der Arztstunden konstant zu halten – das bei steigenden Behandlungszahlen.

Der Deutschen Krankenhausgesellschaft zufolge wuchs die Zahl der Behandlungsfälle in Kliniken zwischen 1991 bis 2019 von 14,6 auf 19,4 Millionen. Laut Diabetesgesellschaft hat jeder fünfte stationäre Patient im Krankenhaus Diabetes als Nebendiagnose. Die KBV geht von rund einer Milliarde Arztkontakte jährlich in Praxen aus. Und der Behandlungsbedarf wächst. Allein bei Diabeteserkrankungen prognostiziert das Deutsche-Diabetes-Zentrum einen Anstieg der Fallzahlen um bis zu 77 Prozent bis 2040.

Es fehlt an ärztlichem Nachwuchs

Dass die Medizin-Fakultäten in Deutschland genügend Ärzte für den Mehrbedarf an Versorgung und Betreuung hervorbringen, bezweifeln BÄK-Chef Reinhardt wie DDG-Expertin Kellerer. „Mittlerweile stehen nur noch an acht Standorten von insgesamt 37 medizinischen Fakultäten klinische Lehrstühle für die Diabetologie“, rechnet Kellerer vor. Der Pfeil zeige steil nach unten.

Auch an den etwa 2000 Krankenhäusern sehen sich Diabetologie und Endokrinologie zunehmend auf dem Abstellgleis. Professor Michael Roden erklärt das so: „Als Vertreter der sprechenden Medizin haben die Abteilungen ein höheres Risiko, Verluste zu machen – sie fallen dann eher dem wirtschaftlichen Druck zum Opfer“, sagt der Direktor der Klinik für Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Düsseldorf.

Seien die Fachgebiete in Lehre und klinischer Versorgung unterrepräsentiert, fehlten nicht nur Aus- und Weiterbildungsplätze. Die Fächer drohten auch vom Radar des Ärztenachwuchses zu verschwinden, sagt Roden.

Noch vor wenigen Jahren seien endokrinologisch-diabetologische Lehrstühle breit über ganz Deutschland hinweg verteilt gewesen, berichtet DDG-Präsident Professor Andreas Neu. „Inzwischen finden sich solche Lehrstühle nur noch sporadisch.“ Die Folge: Nachkommende Internisten mit Diabetes-Spezialisierung deckten die sich auftuende Lücke in der Versorgung nicht annäherend ab.

„Chronisch Kranke brauchen chronische Behandlung“

DDG-Sprecher Professor Baptist Gallwitz erinnert zudem daran, dass auch der Wissenschaftsrat empfehle, das Fächerspektrum in der Medizin an Hochschulen zu sichern und weiterzuentwickeln. Derzeit passiere das Gegenteil. Bund und Länder wiederum seien es den Diabetespatienten „schuldig“, für eine flächendeckende Versorgung zu sorgen.

Chronische Erkrankungen erfordern eine chronische Betreuung. Oder anders ausgedrückt: Chronisch Betroffene brauchen eine chronische Behandlung“, appelliert auch DDG-Präsident Neu an die Gesundheitspolitik. Etliche Hausaufgaben gebe es auch jenseits der Coronavirus-Pandemie.

Für Karl Lauterbach dürfte aus all dem folgen, dass er tatsächlich rasch eine andere Brille braucht als nur die für Corona.

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