Steigende Corona-Inzidenz

Spahn sieht Charaktertest für die Gesellschaft

Das Robert Koch-Institut meldet über 4000 neue Corona-Infektionen binnen eines Tages. Politik, Ärzte und Kliniken zeigen sich alarmiert – warnen aber zugleich vor Panikmache.

Von Thomas HommelThomas Hommel Veröffentlicht:
RKI-Präsident Professor Lothar Wieler (links) und Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Donnerstagmorgen vor der Pressekonferenz zur Corona-Lage

RKI-Präsident Professor Lothar Wieler (links) und Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Donnerstagmorgen vor der Pressekonferenz zur Corona-Lage

© Tobias Schwarz/AFP Pool/dpa

Berlin. Angesichts der stark steigenden Zahl von Neuinfektionen mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 haben Infektiologen vor Engpässen in Krankenhäusern gewarnt.

Es gebe zwar viele Infizierte, die nur milde Symptome zeigten, sagte die Leiterin der Abteilung Infektiologie des Uniklinikums Gießen, Professor Susanne Herold, im Rahmen einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Donnerstag in Berlin. Dennoch nehme die Zahl schwerer Verläufe „langsam, aber sukzessive“ zu, so die Ärztin.

Das Robert Koch-Institut (RKI) hatte am Donnerstagmorgen mehr als 4000 Neuinfektionen im Vergleich zum Vortag gemeldet. Auf dem Höhepunkt der ersten Pandemiewelle im Frühjahr lagen die Zahlen bei etwa 6500 neu registrierten Fällen am Tag. „Bei aller Zuversicht müssen die neuen Zahlen, auch die Zahlen von heute, gleichzeitig besorgen. Sie besorgen mich sehr“, kommentierte Spahn die aktuelle Entwicklung.

Müssen elektive Op wieder verschoben werden?

Derzeit würden 470 Patienten auf Intensivstationen behandelt, die an COVID-19 erkrankt seien, berichtete Herold. „Wir befürchten, dass das in der nächsten Zeit deutlich ansteigen wird.“ Die Krankenhäuser bereiteten sich deshalb auf eine „neue Welle der Aufnahme von Patienten vor, die schwer erkrankt sind“.

Es sei nicht auszuschließen, dass elektive Eingriffe wieder eingeschränkt werden müssten. Auch die Gefahr, dass Patienten mit anderen Erkrankungen „wegen Corona nicht so gut behandelt werden können“, sei nicht gebannt, so Herold. Sie appelliere an die Menschen, das Virus ernst zu nehmen, „damit wir eben nicht in diese Situation kommen“.

RKI-Chef Professor Lothar Wieler sagte, das Infektionsgeschehen nehme aktuell in fast allen Regionen Deutschlands zu. „Das macht mir große Sorgen.“ Die 470 COVID-19-Intensivpatienten seien „glücklicherweise vergleichsweise wenige“. Die Zahl habe sich aber in den vergangenen vier Wochen „verdoppelt“.

Es sei durchaus möglich, dass sich das Virus unkontrollierbar verbreite, warnte Wieler. Ursächlich für die steigende Zahl an Infektionen seien viele kleinere Ausbrüche. Es gäbe auch aber wieder mehr Ausbrüche in Pflegeheimen und Krankenhäusern. „Das wird auch wieder zu zu mehr Hospitalisierungen führen.“ Er hoffe dennoch, dass sich die Pandemie durch das konsequente Befolgen der AHA-Regeln in Schach halten lasse.

Gassen: Nicht in Angst verfallen!

Dass die Fallzahlen mit Beginn der kalten Jahreszeit ansteigen, sei nicht wirklich überraschend, sagte der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. Andreas Gassen. Das Virus werde Deutschland dauerhaft beschäftigen. „In welcher Intensität wird man sehen.“

Selbst zur Hochphase der Pandemie im Frühjahr sei man aber nicht in „die Nähe einer Überlastung des Gesundheitssystems gekommen“, so Gassen. Mittlerweile würden 19 von 20 SARS-CoV-2-Infizierten ambulant versorgt. „Die Praxen haben sich darauf eingerichtet, das sind sie auch für die kommende Wintersaison.“

Patientenströme würden gut getrennt, die Regelversorgung laufe weiter. „Wir haben verschiedene Szenarien, die wir zuschalten können, sollten sich die Infektionszahlen noch erhöhen.“ Im Extremfall von Cluster-Ausbrüchen könnten auch wieder Infektambulanzen – auch mobile – zum Einsatz kommen. „Ich glaube, wir müssen nicht in Angst verfallen, wir sind gut gerüstet. Aber das ist kein Selbstläufer.“

„Wegmarke in der Pandemie“

Der Umgang mit der Pandemie sei „eine Frage der individuellen Disziplin“. Die schwinde, wenn die Bedrohungslage nachlasse und Maßnahmen als nicht angemessen empfunden würden. Die AHA-Regeln gehörten aber definitiv nicht in diese Kategorie, betonte Gassen.

Auch Spahn betonte, es komme weiter auf Abstand, Hygieneregeln und Maskentragen an. In der kalten Jahreszeit sei die AHA-Regel um ein L für Lüften und ein C für ein möglichst breites Nutzen der Corona-Warn-App zu ergänzen. Wenn sich 80 Millionen Bundesbürger daran hielten, „sinken die Chancen des Virus gewaltig.“ Die Pandemie sei auch „ein Charaktertest für uns als Gesellschaft“,

Von Überschriften zu einem möglichen zweiten Lockdown halte er nichts, so Spahn. „Tun wir uns einen Gefallen, wenn wir ständig solche Meldungen produzieren?“ Dort wo die Zahlen hochschnellten, sei regional zu reagieren. Die kommenden Wochen und Monate stellten eine „Wegmarke in der Pandemie“ dar.

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