Lieferprobleme bei AstraZeneca

Thüringen stoppt Impfterminvergabe – und verschiebt Einbindung der Hausärzte

Wegen Lieferengpässen des Corona-Impfstoffherstellers AstraZeneca stoppt Thüringen die Terminvergabe für Impfungen. Auch andere Bundesländer reagieren. Derweil warnt das RKI vor Rekordinzidenzen zu Ostern.

Veröffentlicht:
Durchstechflasche mit dem Corona-Impfstoff von AstraZeneca

Schlagzeilenträchtiges Serum: AstraZeneca hat Lieferschwierigkeiten mit der Corona-Vakzine.

© Matthias Bein / dpa

Berlin. In der Europäischen Union werden bis zur Jahresmitte deutlich weniger Dosen des Corona-Impfstoffs ChAdOx1-S (AZD1222) von AstraZeneca geliefert als angekündigt. Die Meldung hat bereits Auswirkungen auf die Impfkampagnen in einigen Bundesländern. So hat Thüringen deshalb die Terminvergabe für Impfungen gestoppt und den geplanten Start von Impfungen bei Hausärzten verschoben.

Das Robert Koch-Institut (RKI) prognostiziert in der Woche nach Ostern höhere Neuinfektionszahlen als rund um Weihnachten. Die Sieben-Tages-Inzidenz könnte dann bei 350 liegen. Grund hierfür sei unter anderem die sich rasch ausbreitende sogenannte „besorgniserregende Virusvariante“ (Variant of Concern, VOC) B.1.1.7.

Demnach zeigt sich bei ihr ein exponentiell ansteigender Trend der Inzidenz seit der zweiten Kalenderwoche. Alle zwölf Tage habe sich diese verdoppelt.

Demgegenüber zeige der Verlauf bei allen übrigen Varianten einen Rückgang um etwa 19 Prozent pro Woche. Diese beiden Trends würden sich zurzeit noch überlagern, was insgesamt zu der nur langsam ansteigenden Sieben-Tage-Inzidenz der vergangenen vier Wochen geführt habe, heißt es im RKI-Situationsbericht vom Freitagabend auf Seite 15.

AstraZeneca wird weniger als die Hälfte liefern

Zur Unzeit kommen denn auch neuerliche Lieferprobleme bei Corona-Impfstoffen: AstraZeneca hatte am Freitagabend mitgeteilt, dass anstatt der zuletzt avisierten 220 Millionen Dosen nur mehr 100 Millionen bis zur Jahresmitte an die EU-Staaten gehen werden. Der deutsche Anteil daran liegt rechnerisch bei etwa 19 Millionen. Der Konzern begründete dies unter anderem mit Exportbeschränkungen, ohne Details zu nennen.

Ein Sprecher von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagte am Samstag der Deutschen Presse-Agentur: „Wie alle anderen EU-Mitgliedsstaaten auch wird Deutschland im März vorübergehend deutlich weniger Impfstoff von AstraZeneca bekommen als geplant.“

Es sei generell schwierig, verlässliche Angaben über die Liefermengen von AstraZeneca zu bekommen. Im Gegensatz zu BioNTech würden diese häufig abweichen von den Ankündigungen.

Vergabe neuer Impftermine gestoppt

Thüringens Gesundheitsministerin Heike Werner (Linke) bezeichnete die angekündigte Lieferkürzung als „absolut inakzeptabel“, wie ihr Ministerium am Samstag mitteilte. Werner kritisierte zudem Spahn für dessen Aufforderung im Februar, keine AstraZeneca-Impfstoffdosen zurückzuhalten, weil die Liefermengen sicher seien.

„Genau das haben wir getan und jede einzelne Impfdosis verplant. Jetzt zwingt uns die Ankündigung aus dem Bundesgesundheitsministerium zu einem Stopp unserer Terminvergabe und zur Verschiebung der Einbindung der Hausärzte“, sagte Werner. Dies sei mehr als ärgerlich.

Auch Hamburg stoppte die Vergabe neuer Termine für Menschen unter 80 Jahren. Alle bereits vereinbarten Termine würden aber eingehalten, sagte Martin Helfrich, Sprecher der Gesundheitsbehörde, am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur. Um diese Impfungen machen zu können, würden die noch im Lager befindlichen Impfdosen benötigt.

Sachsen-Anhalt konzentriert auf zwei Zentren

„Neue Termine können immer nur dann vergeben werden, wenn neue Lieferungen eintreffen“, sagte Helfrich. „Die Kürzung der Lieferungen hat deswegen zur Folge, dass zunächst in Hamburg keine Termine mehr vergeben werden können.“

In Sachsen-Anhalt sollen die verbleibenden Dosen der AstraZeneca-Vakzine auf zwei Impfzentren verteilt werden. Das Sozialministerium in Magdeburg geht rund 70 Prozent weniger Dosen in den kommenden drei Wochen als bislang zugesichert aus. „Das ist ein herber Dämpfer für den Impffortschritt im Land. Darauf müssen wir reagieren und unsere Verteilung anpassen“, sagte Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne (SPD).

Die reduzierten Impfstofflieferungen werden in den kommenden beiden Wochen zu gleichen Teilen auf die Impfzentren Magdeburg und Halle aufgeteilt. Angesichts der geringen Menge sei die Belieferung aller Impfzentren im Land nicht effektiv, erklärte die Ministerin. „Zudem müssen wir vorerst die Impfungen der Polizei zurückstellen“, sagte Grimm-Benne laut Mitteilung.

„Es reicht langsam“

Deutliche Kritik an AstraZeneca kam auch aus Bayern. Gesundheitsminister Klaus Holetschek nannte die reduzierten Liefermengen „absolut inakzeptabel“, der Schritt zerstöre massiv Vertrauen, sagte der CSU-Politiker der „Bild am Sonntag“. „Es kann doch nicht sein, dass Exportbeschränkungen zu Lasten der Menschen gehen. Es reicht langsam“, sagte Holetschek weiter.

Die am Donnerstag neu zugelassene Corona-Vakzine von Johnson & Johnson soll nach Erwartung von Bundesgesundheitsminister Spahn erst Mitte oder Ende April verfügbar sein. Hintergrund sind nach Angaben aus EU-Kreisen unter anderem Zweifel an der Exportpolitik der USA. Das Weiße Haus betont zwar, es gebe kein Exportverbot; Priorität sei aber, zuerst die US-Bevölkerung zu impfen.

Die EU-Kommission hat von den vier in der EU zugelassenen Corona-Impfstoffen insgesamt mindestens 1,4 Milliarden Dosen geordert – eigentlich mehr als genug für die rund 450 Millionen Europäer. (dpa/eb)

Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren
Wie patientenzentriert ist unser Gesundheitssystem?

© Janssen-Cilag GmbH

Video

Wie patientenzentriert ist unser Gesundheitssystem?

Kooperation | In Kooperation mit: Janssen-Cilag GmbH
Höhen- oder Sturzflug?

© oatawa / stock.adobe.com

Zukunft Gesundheitswesen

Höhen- oder Sturzflug?

Kooperation | In Kooperation mit: Janssen-Cilag GmbH
Patientenzentrierte Versorgung dank ePA & Co?

© MQ-Illustrations / stock.adobe.com

Digitalisierung

Patientenzentrierte Versorgung dank ePA & Co?

Kooperation | In Kooperation mit: Janssen-Cilag GmbH
Grippeschutzimpfung: Jüngere Risikogruppen nicht vergessen

© Springer Medizin Verlag

Intens. Video-Podcast

Grippeschutzimpfung: Jüngere Risikogruppen nicht vergessen

Anzeige | Viatris-Gruppe Deutschland
Herz mit aufgemalter Spritze neben Arm

© Ratana21 / shutterstock

Studie im Fokus

Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Prävention durch Influenzaimpfung?

Anzeige | Viatris-Gruppe Deutschland
Arzt im Gespräch mit Patientin

© Ground Picture / shutterstock

STIKO-Empfehlungen

Handlungsbedarf bei Grippeschutz für Chroniker

Anzeige | Viatris-Gruppe Deutschland
Kommentare
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Das war der Tag: Der tägliche Nachrichtenüberblick mit den neuesten Infos aus Gesundheitspolitik, Medizin, Beruf und Praxis-/Klinikalltag.

Eil-Meldungen: Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Selbstverwaltung

Vierte Amtsperiode des G-BA endet – und Hecken teilt aus

Lesetipps
Gemälde von Menschen auf einer tropischen Insel, die um eine übergroße Mango tanzen.

© Preyanuch / stock.adobe.com

Kinetose

Mango, Musik, Medikamente – was gegen Reisekrankheit hilft

In Japan dürfen nur Ärzte oder Pflegekräfte unter ärztlicher Aufsicht impfen.

© [M] David Inderlied / dpa / picture alliance / Springer Medizin Verlag

Strenge Regelungen

Blick über den Tellerrand: Japan ist konservativ beim Impfen

Die Ursache der Appendizitis des jungen Mannes war offenbar eine Aktinomykose, ausgelöst durch Actinomyces israelii, ein gram-positives anaerobes Bakterium, das als Kommensale in der Mundhöhle und auch im Gastrointestinaltrakt vorkommt.

© Dr_Microbe / stock.adobe.com

Untypisches Krankheitsbild

Kasuistik: Hinter dieser Appendizitis steckte ein Bakterium