Reform der Notfallversorgung

Überlastete Notfallambulanzen – Was wir von Dänemark lernen können

Soll der Inanspruchnahme von Krankenhaus-Notfallambulanzen eine qualifizierte Ersteinschätzung vorgeschaltet werden? Oder können am Ende nur Notfallmediziner eine Entscheidung fällen? Dänemark zeigt, wie der Zugang effektiv reguliert werden kann.

Von Helmut LaschetHelmut Laschet Veröffentlicht:
Notfallsteuerung in der KV Hessen über eine qualifizierte Ersteinschätzung.

Auch in Deutschland wird die qualifizierte Ersteinschätzung und damit die Steuerung der Patienten in den richtigen Versorgungsweg bereits erprobt: Hier in der KV Hessen (Archivbild).

© KV Hessen

Berlin. 19 Millionen Patienten nehmen Krankenhäuser jährlich als akute Notfälle stationär auf, 45 Prozent davon werden über die Notfallambulanzen hospitalisiert, Tendenz steigend. Dieser Anteil, so der Berliner Gesundheitsökonom Professor Reinhard Busse, liegt doppelt so hoch wie in anderen Ländern, führt zur Überlastung der Notfallambulanzen und zur Fehlsteuerung von Patienten auf die falsche Versorgungsebene.

Auf diesen Umstand hat die Politik inzwischen reagiert und plant eine Reform der Notfallversorgung, die sich allerdings pandemiebedingt ins nächste Jahr verschieben wird. Streitpunkte dabei sind die Schaffung neuer Institutionen wie Integrierter Notfallzentren (INZ) und deren Trägerschaft in der Hand der KVen. Aber auch der im jüngsten Entwurf für das Versorgungsverbesserungsgesetz (GPVG) enthaltene Plan, wonach die KBV bundesweit einheitliche Vorgaben zur qualifizierten und standardisierten Ersteinschätzung der Dringlichkeit eines Gesundheitsproblems erarbeiten soll (Paragraf 120 Absatz 3b SGB V), sorgt für Debatten.

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Kürzere Wartezeiten im Notfall?

Mit dieser Ersteinschätzung, für die als Werkzeug die Software SmEd zur Verfügung steht, wird darüber entschieden, ob der Hilfesuchende sich an die Notfallambulanz einer Klinik wenden kann oder ob ihm anderweitig geholfen werden kann.

Nach Auffassung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi), so dessen Vorstandsvorsitzender Dr. Dominik von Stillfried, zeigt das Beispiel Dänemark die Vorteilhaftigkeit einer solchen Lösung: Entlastung der Notfallambulanzen, kürzere Wartezeiten, frühzeitige Disposition diagnostischer und therapeutischer Interventionen, besserer medizinischer Outcome und hohe Patientenzufriedenheit.

Was Dänemark Deutschland voraus hat

Allerdings verfügt Dänemark auch über andere Voraussetzungen, wie Professor Michael Hansen-Nord, Chef der Intensivmedizin am Universitätsklinikum Odense bei einer Zi-Online-Konferenz am Mittwoch berichtete. In der Digitalisierung auch des Gesundheitswesens ist Dänemark den Deutschen um 15 Jahre voraus.

Eine elektronische Patientenakte existiert seit 2000, umfassende medizinische Daten von Patienten sind allen Gesundheitseinrichtungen ambulant und stationär seit 2013 zugänglich, die Transparenzkultur unterscheidet sich wie in ganz Skandinavien fundamental von der deutschen. Die Reorganisation der Notfallversorgung verlief parallel zu einer tiefgreifenden Strukturreform der stationären Versorgung mit der Errichtung weniger, hochqualifizierter Krankenhäuser.

Die Zahl der Zentralen Notaufnahmen – 2005 noch 52 – wurde auf 21 Kliniken konzentriert, nach Auffassung von Hansen-Nord wären 16 ausreichend. Über eine Notrufnummer können Patienten eines der fünf Zentren für Akute Medizinische Koordination konsultieren. Dort wird entschieden, wie das Risiko zu beurteilen ist und welche Maßnahmen indiziert sind: mögliches Abwarten, Alarmierung des Rettungswagens, eventuell mit Notarzt, oder auch des Helikopters. Ein Zugang ohne Konsultation der Akuten Medizinischen Koordination zur Notaufnahme im Krankenhaus ist nicht möglich.

Schnellerer Kontakt zum Spezialisten

Die Konzentration auf 21 Zentrale Notaufnahmen habe eine optimale personelle und technische Ausstattung ermöglicht: Besetzung mit allen wesentlichen Spezialisten rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche, ebenso permanente Verfügbarkeit eines Senior Consultants, erster Kontakt mit einem Arzt spätestens 30 Minuten nach Eintreffen in der Klinik, Verfügbarkeit der Diagnose nach spätestens drei Stunden.

An der Spitze des Notfallzentrums steht ein Flowmaster, ein erfahrener Notfallmediziner, der auf der Basis der verfügbaren E-Patientenakte und der aktuell digital vom Rettungsdienst übermittelten Daten zum vorliegenden Gesundheitsproblem den Einsatz der erforderlichen Spezialisten und der Technik disponiert. Das heißt: schon vor dem Eintreffen des Patienten in der Klinik ist der Workflow klar.

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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Susanne Dolfen

Schlechter Zeitpunkt für die Überschrift
Was können wir derzeit von den Dänen lernen?
Wie man Millionen von Nerzen vergast
„Die Geister, die ich rief.......“


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