Interview

„Wir werden beneidet für die Parkinson-Therapievielfalt“

Professor Alexandra Henneberg ist Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie mit eigener Praxis in Frankfurt/Main sowie Hochschullehrerin an der Universität Gießen. Die frühere Chefärztin der Parkinson-Klinik in Bad Nauheim sieht Deutschland in der Parkinson- Versorgung vorne.

Von Pete Smith Veröffentlicht: 17.10.2019, 13:18 Uhr
„Wir werden beneidet für die Parkinson-Therapievielfalt“

Professor Alexandra Henneberg

© Belma Tahirovic

Ärzte Zeitung: Frau Professor Henneberg, Morbus Parkinson ist eine der häufigsten Erkrankungen des Nervensystems und schon mehr als 200 Jahre bekannt, die Ursachenforschung steckt jedoch noch in den Kinderschuhen, nicht wahr?

Alexandra Henneberg: Inzwischen wissen wir allerdings viel: So haben der Frankfurter Anatom Heiko Braak und seine Frau im Jahr 2000 die Pathoanatomie des M. Parkinson publiziert: Ausgehend von einem Agens, das über die Darmschleimhaut und den N. vagus in den Hirnstamm gelangt oder durch die Riechfäden des N. olfactorius in den Bulbus olfactorius; danach breitet sich der Prozess in mehreren Schritten über die Substantia nigra durch weitere Hirnregionen der Patienten aus.

Unlängst hat der Virologe und Elektronenmikroskopiker Bob Dourmashkin über Slow Viruses berichtet, die er in der Darmschleimhaut gefunden hätte. Sicher ist, dass die schon lang bekannten Lewy-Körperchen etwas mit der Krankheit zu tun haben; und es sind mehrere Gen-Orte beschrieben worden, die mit deren Entstehung und Verbreitung verknüpft sein könnten.

Experten spekulieren, dass der weltweite Anstieg der Parkinson-Prävalenz auf den zunehmenden Einsatz von Umweltgiften zurückzuführen sei – was halten Sie von dieser These?

Henneberg: Umweltgifte wie auch veränderte Ernährungsgewohnheiten und Verzicht auf regelmäßige Bewegung könnten die Darmtätigkeit und die Besiedlung des Darms mit Keimen beeinflussen. Dadurch wäre eine größere Durchlässigkeit der Darmschleimhaut für Partikel denkbar.

Professor Dr. Alexandra Henneberg

  • Jahrgang 1956, Medizinstudium in Köln, Tübingen und Bonn
  • 1993 Habilitation im Fach Neurologie an der Universität Ulm
  • Seit 2002 in eigener Praxis in Frankfurt/Main niedergelassen

Zunehmend rücken auch die jungen Parkinson-Patienten in den Blickpunkt. Ungeachtet der längeren Krankheitsdauer – gibt es im Vergleich zu älteren Patienten auch Unterschiede im Verlauf der Krankheit?

Henneberg: Diejenigen der jungen Patienten, die frühzeitig diagnostiziert und richtig behandelt werden – dazu gehört zunächst eine moderate Einstellung primär unter Verzicht auf L-DOPA mit Dopaminagonisten und MAO-B-Hemmern –, haben häufig einen langsamen Verlauf der Krankheit und das Gefühl, sich weitgehend in der Hand zu haben.

Leider gibt es demgegenüber auch sehr schnelle Verläufe, die oft mit unkontrolliert hohem Einsatz von L-DOPA und dopaminergen Substanzen zu tun haben – hier sehen wir häufig auch Impulskontrollverlust mit Kauf-, Spiel- oder Sexsucht. Wobei man im Einzelfall genau hinschauen muss, was zuerst war, der ungünstige Verlauf oder ein (zu) hoher Einsatz der Primärmedikation.

Wo sehen Sie die spezifischen Probleme der Young-Onset-Patienten?

Henneberg: Gerade für junge Menschen, die vor ihrem Karriere-Höhepunkt stehen und gleichzeitig durch ihre Familie, etwa von ihrem Nachwuchs oder ihren alternden Eltern, in Anspruch genommen werden, ist es extrem schwierig, sich plötzlich nicht mehr auf den eigenen Körper verlassen zu können, zumal in Stresssituationen. Für viele von ihnen würde ich mir deshalb von Beginn an eine vernünftige psychotherapeutische Mitbetreuung wünschen und habe dies auch vielfach veranlasst, im Verlauf der Krankheitsgeschichte unserer jungen Patienten leider häufig sehr spät, weshalb sie sich bis dahin mit ihren Problemen völlig auf sich selbst gestellt herumschlagen mussten.

Erhalten jüngere Parkinson-Patienten eine andere Therapie als ältere?

Henneberg: Die jüngeren Patienten, deren Krankheitsverlauf wir ja möglicherweise noch jahrzehntelang auf gutem Niveau halten müssen, erhalten zunächst Dopaminagonisten und MAO-B-Hemmer; wenn L-DOPA, dann ein gleichmäßiges Angebot etwa durch die Gabe von COMT-Hemmern mit möglichst niedrigem L-DOPA zu Beginn. Bei den älteren Patienten versucht man eine Kombination mit L-DOPA, während bei ganz alten Patienten, die vielleicht schon – zum Beispiel im Zusammenhang mit einer Vollnarkose – Verwirrungszustände und Halluzinationen oder auch einen schweren Infekt erlebt haben, zunächst ausschließlich L-DOPA schrittweise eindosiert wird.

Welche Fortschritte gibt es in der Therapie von Parkinson-Patienten?

Henneberg: Die derzeitig verfügbaren Medikamente sind vielfältig und lassen sich individuell kombinieren; Zusatztherapien wie Physio- und Ergotherapie, Logopädie und neuropsychologische Trainingsmethoden stehen zur Verfügung. Eine Impfung oder der Einsatz von körpereigenen, in Kultur vermehrten Stammzellen sind noch als Behandlungsversuche einzustufen.

Die transcranielle Hirnstimulation wird verfeinert und durch transcutan wieder aufladbare Batterien verbessert. Mehrere Parkinson-Spezialkliniken bieten bundesweit knapp dreiwöchige Maßnahmen für Neueinstellung der Therapie und intensive Zusatztherapien an. Kurz, wir werden für die Vielfalt unserer Interventionsmöglichkeiten von vielen Ländern beneidet, aus denen Patienten zur Behandlung nach Deutschland einreisen.

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