Digital Health

Ärzte wünschen sich Lotsen im Daten-Dickicht

Ärzte wollen nicht die Bremser bei der Digitalisierung sein: Das wurde beim Fortbildungskongress der Ärztekammer Berlin klar. Die Niedergelassenen wünschen sich aber mehr Unterstützung - und drängen auf die Online-Sprechstunde.

Von Julia Frisch Veröffentlicht: 29.11.2016, 05:20 Uhr
Ärzte wünschen sich Lotsen im Daten-Dickicht

Ärzte wollen die Chancen der digitalen Medizin nutzen: zum Beispiel sehen, wie andere Ärzte einen bestimmten Patienten behandeln würden.

© Production Perig / fotolia

BERLIN. Das digitale Zeitalter hat für Ärzte und Patienten längst begonnen. 80 Prozent der Deutschen sind inzwischen online unterwegs, zwei Drittel tummeln sich in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Pinterest. Die Welt organisiert sich zunehmend in Netzwerken.

Das wird unter anderem auch die Arzt-Patienten-Kommunikation beeinflussen. Offene Kommunikation, Transparenz und mehr Partizipation würden in Zukunft gefordert. "Wir stehen mitten im Übergang, nicht nur im Gesundheitssystem", konstatiert Andréa Belliger, Professorin an der Pädagogischen Hochschule Luzern.

Keine Neoludditen sein

Dass die Digitalisierung die Arbeit in der Praxis verändern wird, das ist den Ärzten bewusst. Als "Neoludditen", also als Nachfolger der englischen Textilarbeiter,, die Anfang des 19. Jahrhunderts aus Furcht vor Arbeitslosigkeit Maschinen zerstörten, sehen sie sich nicht. Auch wenn das Bild in der Öffentlichkeit oft anders gezeichnet wird.

In Bezug auf Digitalisierung werden "Ärzte oft als diejenigen wahrgenommen, die abweisend sind, weil sie Angst haben, ihre Rolle zu verlieren, oder weil sie das alles nicht verstehen", sagte Sven Jungmann, Arzt in Weiterbildung in Berlin und 2015 Mitglied eines Forscherkonglomerats, das die Chancen und Risiken von mHealth-Apps evaluierte.

Datensammelei bringt Nutzen

Die Ärzte sehen durchaus die Chancen, welche die Digitalisierung bietet. Das betrifft nicht nur die Zeitersparnis, die sich Niedergelassene durch eine bessere IT und weitergehende Automatisierung von Abläufen erhoffen. Auch die zunehmende Sammelei von Daten könnte durchaus sinnvoll in der Praxis genutzt werden.

Jungmann nannte auf dem Kongress ein Beispiel: "Vielleicht ist es in Zukunft möglich, dass Ärzte auf Knopfdruck erfahren, wie andere Ärzte COPD-Patienten ähnlich wie die ihren behandeln, was sie ihnen verschreiben."

Eine Hausärztin aus Berlin fand dieses Szenario eine "sehr gute Anregung": "Da könnte man dann sehen, was machen die anderen? Man bekommt einen freieren Blick."

Sicherheitsrisiko Apps

Das Erheben und Speichern von Daten, das vor allem durch die Gesundheitsapps befördert wird, bereitet den Ärzten allerdings Kopfzerbrechen. Datenschutz sei ein großes Problem, niemand wisse genau, wen die Informationen letztendlich erreichten.

Zudem sei es für die Arbeit von Ärzten auch wichtig, dass die Daten verlässlich seien und sie richtig interpretiert werden.

Momentan, so ein Teilnehmer des Kongresses, bestehe die Gefahr, dass "wir getrieben werden von Dingen, die wir nicht einschätzen können." Deshalb, so die einhellige Meinung, müssten vor allem die Kammern, aber auch Verbände die Ärzte mehr unterstützen. "Wir brauchen Leute, die uns das Dickicht lichten", sagte eine Zuhörerin.

Datenschützer müssten Praxen mehr beraten. Und von den Ärztekammern erwarteten die Kongressteilnehmer, dass sie zum Beispiel Listen von Gesundheitsapps zur Verfügung stellen, deren Anwendung sinnvoll ist.

Online-Sprechstunde priorisieren

Für dringlicher hält Alexander Impris allerdings, dass die Kammern endlich die rechtlichen Hürden für Videosprechstunden beseitigen. "Gesundheitsapps sind bei den Patienten noch nicht so relevant, aber Online-Sprechstunden", meint der Hausarzt aus Berlin.

Damit könnte man die Zahl der unnötigen Arztbesuche reduzieren. Nur Erkältete beispielsweise müssten auf diese Weise nicht extra in die Praxis gehen, um eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu bekommen.

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