Digitale Diabetesversorgung

Große Lücken, kleine Schritte

Diabetologen und ihre Patienten zählen zu den Vorreitern der Digitalisierung. Doch noch ist Sand im Praxisgetriebe. Bei der DiaTec 2019 in Berlin wurde klar, dass auch bei der digital gestützten Diabetesversorgung dringend einheitliche Standards nötig sind.

Philipp Grätzel von GrätzVon Philipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht:
Wie funktioniert das digitale Diabetesmanagement? Webinare für Ärzte erklären die Systemlösungen.

Wie funktioniert das digitale Diabetesmanagement? Webinare für Ärzte erklären die Systemlösungen.

© Roche Diabetes Care

BERLIN. Nicht zuletzt dank kontinuierlichem Blutglukosemonitoring und Flash Glukose Monitoring haben sich Softwarelösungen für ein digitales Glukosemanagement in diabetologischen Praxen mittlerweile etabliert. Die Realität ist freilich, dass jedes Messsystem seine eigene Software erfordert. Das lässt sich in einer diabetologischen Schwerpunktpraxis mit entsprechend vielen Patienten managen. Es macht aber einen Einsatz derartiger Tools bei hausärztlichen Patienten ziemlich unrealistisch.

„Wir erwarten, dass hier politische Regelungen getroffen werden“, sagte der Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), Professor Dirk Müller-Wieland von der RWTH Aachen bei einem von Roche unterstützten Kamingespräch bei der Tagung DiaTec 2019 in Berlin. Nötig sei ein ernsthafter Dialog, bei dem Organisationen mit inhaltlicher Kompetenz wie die Fachgesellschaften eingebunden werden.

Standards werden nicht genutzt

„Das Problem ist nicht, dass es keine Standards gibt. Die existieren, und jeder kennt sie. Das Problem ist, dass sie in Deutschland nicht genutzt werden“, so Müller-Wieland.

Fehlende Standards betreffen zum einen die Interaktion zwischen unterschiedlichen Software-Lösungen und Patienten-Apps. Sie betreffen aber auch die Anbindung von Blutzuckermessgeräten, wie Lars Kalfhaus, Geschäftsführer von Roche Diabetes Care, betonte: „Roche arbeitet seit 15 Jahren im Continua-Konsortium mit, um Datenstandards um Kommunikationsprotokolle zu entwickeln, mit denen die Geräte interoperabel werden. Das war leider bisher nicht wirklich erfolgreich.“

Woran es hapert, ist die Nachfrage nach standardkonformen Messgeräten. Hier sahen die Diskutanten in Berlin eine wichtige Rolle der Politik: Wenn die Finanzierung von Glukosemonitoring oder auch von telemedizinischen Diabetesprojekten an die Nutzung von Geräten gekoppelt würde, die die Continua Design Guidelines (CDG) der Personal Connected Health Alliance (PCHA) erfüllen, dann könnte das die Hersteller zwingen, entsprechende Lösungen auch anzubieten.

Dass das keine Fiktion ist, zeigt Dänemark, wo Telemedizinprojekte im Rahmen der Regelversorgung nur dann möglich und erstattungsfähig sind, wenn die Geräte die entsprechenden Standards einhalten. Auch Österreich will sein telemedizingestütztes Disease Management, das auf der dortigen elektronischen Gesundheitsakte (ELGA) realisiert werden soll, an Continua-Standards koppeln.

Für die Politik deutete Tino Sorge, Berichterstatter Digitalisierung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, an, dass die Relevanz des Themas erkannt worden sei. Mitte des Jahres wolle die Bundesregierung ein Digitalisierungsgesetz vorlegen, das dieses heiße Eisen angehe.

Telemedizin-Gesetz in Planung

Der „Letter of Intent“, bei dem Kassenärztliche Bundesvereinigung und GKV-Spitzenverband im September 2018 die Verantwortung für Standards bei der Patientenakte unter sich aufteilten, sei „suboptimal“, so Sorge. Ziel müsse es sein, Prozesse zu schaffen, bei denen nicht einzelne Akteure singulär Standards festlegten.

Sorge berichtete außerdem, dass sich ein eigenes Telemedizingesetz in Vorbereitung befinde, das Telemedizinanbietern einen besseren Marktzugang bringen soll. Das sei nicht zuletzt in frühen Stadien der Diabetesbetreuung relevant, wo telemedizinische Betreuungsprogramme in klinischen Studien zum Teil deutliche sekundärpräventive Effekte demonstrieren konnten, so Müller-Wieland.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Europäische Chemiepolitik

Ethanol bleibt in der EU als Desinfektionsmittel zulässig

Das könnte Sie auch interessieren
Hybrid-DRG Plus: Ambulante Operationen per Mausklick abrechnen

© KVNO

Schnell und sicher

Hybrid-DRG Plus: Ambulante Operationen per Mausklick abrechnen

Anzeige | Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein
Vitamin-B12-Mangel frühzeitig behandeln!

© Aleksandr | colourbox.de

Fatal verkannt

Vitamin-B12-Mangel frühzeitig behandeln!

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
Aktuelle Empfehlungen für die Praxis

© polkadot - stock.adobe.com

Vitamin-B12-Mangel

Aktuelle Empfehlungen für die Praxis

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
B12-Mangel durch PPI & Metformin

© Pixel-Shot - stock.adobe.com

Achtung Vitamin-Falle

B12-Mangel durch PPI & Metformin

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
Kommentare
* Hinweis zu unseren Content-Partnern
Dieser Content Hub enthält Informationen des Unternehmens über eigene Produkte und Leistungen. Die Inhalte werden verantwortlich von den Unternehmen eingestellt und geben deren Meinung über die Eigenschaften der erläuterten Produkte und Services wieder. Für den Inhalt übernehmen die jeweiligen Unternehmen die vollständige Verantwortung.
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Daten zur lipidologischen Versorgung von Patientinnen und Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko aus der VESALIUS-REAL-Studie

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [7]

Kardiovaskuläre Prävention

Frühe Risikoidentifikation und konsequentes Lipidmanagement

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Amgen GmbH, München
Abb. 1: Risikoreduktion durch Bempedoinsäure gegenüber Placebo in der CLEAR-Outcomes-Studie für den primären 4-Komponenten-Endpunkt (A) und den sekundären 3-Komponenten-Endpunkt (B) stratifiziert nach Diabetes-Status

© Springer Medizin Verlag

Diabetes mellitus

Bempedoinsäure: Benefit für Hochrisiko-Kollektive

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Daiichi Sankyo Deutschland GmbH, München
Abb. 1: Studie DECLARE-TIMI 58: primärer Endpunkt „kardiovaskulärer Tod oder Hospitalisierung wegen Herzinsuffizienz“ in der Gesamtkohorte

© Springer Medizin Verlag GmbH, modifiziert nach [4]

Diabetes mellitus Typ 2

Diabetes mellitus Typ 2 Präventiv statt reaktiv: Bei Typ-2-Diabetes mit Risikokonstellation Folgeerkrankungen verhindern

Sonderbericht | Beauftragt und finanziert durch: AstraZeneca GmbH, Hamburg
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Interview

Was eine gute Reha beim Post-COVID-Syndrom ausmacht

Lesetipps
Ein älterer Mann muss stark husten und hält eine Hand auf seine Brust.

© Getty Images

Infektionsmanagement

Keuchhusten: Was bei der Behandlung Erwachsener wichtig ist

Eine Pillenbox gefüllt mit Medikamenten.

© Mouse family / stock.adobe.com

Tipps aus der Medizin, Pflege und Pharmazie

Wie sich die Adhärenz bei oraler Tumortherapie steigern lässt

Pertussis: Auch die Großeltern impfen?

© Porträt: BVKJ | Spritze: Fiedels / stock.adobe.com

Sie fragen – Experten antworten

Pertussis: Auch die Großeltern impfen?