DEGAM-Ausstellung „Das leere Sprechzimmer“

Medizin in der Nazi-Zeit – und die Lehren für heute

Die Ausstellung „Das leere Sprechzimmer“ erinnert an Ärzte, die in der NS-Zeit verfolgt wurden. Auch Medizinstudierende haben an dem DEGAM-Projekt mitgewirkt – was treibt sie an?

Von Dirk Schnack Veröffentlicht:
Medizinstudierende, die sich durch die Mitarbeit am Projekt „Das leere Sprechzimmer“ vertieft mit der Rolle der Ärzte im Nationalsozialismus beschäftigt haben: Meinert Ehm aus Marburg und Anna Teegelbekkers aus Heidelberg (hier beim DEGAM-Kongress in Lübeck).

Medizinstudierende, die sich durch die Mitarbeit am Projekt „Das leere Sprechzimmer“ vertieft mit der Rolle der Ärzte im Nationalsozialismus beschäftigt haben: Meinert Ehm aus Marburg und Anna Teegelbekkers aus Heidelberg (hier beim DEGAM-Kongress in Lübeck).

© Dirk Schnack

Lübeck. Was wäre, wenn… man nicht heute, sondern vor 85 Jahren in Deutschland Medizin studiert hätte? Mit dieser Frage haben sich Studierende während der Mitarbeit am Projekt „Das leere Sprechzimmer“ der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) auseinandergesetzt.

Beim jüngsten DEGAM-Jahreskongress haben sie zusammen mit Dr. Sandra Blumenthal, Professor Christoph Heintze und weiteren Initiatoren daran mitgewirkt, dass die Wanderausstellung einen erfolgreichen Start erfuhr.

Mit der Ausstellung erinnert die DEGAM an Ärzte, die ihre Arbeit am Patienten auf Druck der Nationalsozialisten aufgeben mussten und die anschließend flohen oder – wenn ihnen die Flucht nicht gelang – drangsaliert, ausgenutzt, inhaftiert, gefoltert und oft auch ermordet wurden. Sechs Kurzfilme beschäftigen sich mit ihrer Geschichte. Im Zentrum steht das Tagebuch der Berliner Ärztin Hertha Nathorff.

Interesse durch Wahlfach geweckt

Drei, die am und im Film mitwirkten, sind noch im Medizinstudium: Anna Teegelbekkers, Meinert Ehm und Melanie Wolf. Sie haben Filmrollen übernommen, waren an der Erstellung beteiligt und haben sich mit den Schicksalen insbesondere von jüdischen Ärztinnen und Ärzten, die unter dem Nationalsozialismus gelitten haben, beschäftigt – neben einem ausfüllenden Studium. Was treibt sie an?

Bei Melanie Wolf wurde das Interesse an diesem Kapitel deutscher Geschichte durch ein Wahlfach an ihrer Uni in Tübingen geweckt. Sie bewegt das Schicksal der Opfer, aber auch die Frage, wie es soweit kommen konnte, dass Ärzte jüdischen Glaubens, aber auch andere, dem Regime nicht genehme Mediziner, verfolgt wurden.

Wolf ist überzeugt, dass mehr Zivilcourage hilfreich gewesen wäre: „Es ist schlimm, dass es so viele Mitläufer gegeben hat“, sagte sie bei der Filmvorstellung in Lübeck.

Wie hätte man sich selbst vor 85 Jahren verhalten?

Sie hat den Eindruck, dass zwar jeder aus der heutigen Generation von Medizinstudierenden etwas über das Thema Nationalsozialismus weiß, aber nicht in der Tiefe, die dieses Projekt vermitteln kann. Die vom Projekt ausgelösten Emotionen helfen nach ihrer Ansicht, Empathie zu entwickeln, „ohne sich in eine Rolle des schlechten Gewissens manövrieren zu lassen“.

Wie aber hätten sie sich selbst verhalten? Diese Frage kommt bei den jungen Ärztinnen und Ärzten bei und nach der Projektarbeit mehrfach auf – ist aber aus Sicht Teegelbekkers ganz schwer zu beantworten. „Man kann sich in die Opferrolle hineinversetzen und man kann über das sprechen, was den Opfern widerfahren ist. Die Frage, wo man selbst gestanden hätte, ist aber mindestens genauso wichtig“, sagt die Studentin aus Heidelberg. Eine Antwort kann sie genauso wenig geben wie Meinert Ehm.

Das leere Sprechzimmer: Mit diesen Exponaten startete die Wanderausstellung der DEGAM bei ihrem Jahreskongress in Lübeck.

Das leere Sprechzimmer: Mit diesen Exponaten startete die Wanderausstellung der DEGAM bei ihrem Jahreskongress in Lübeck.

© Dirk Schnack

Der Student aus Marburg findet schon die Vorstellung, dass er sich selbst eventuell nur angepasst hätte, zwar erschreckend – ist aber zugleich realistisch genug, dies nicht auszuschließen. Umso wichtiger findet er die Mitarbeit an Projekten wie „Das leere Sprechzimmer“.

Mehr Aufklärung gewünscht

Ehm ist überzeugt, dass solche Anstöße so viele Jahrzehnte nach dem „Dritten Reich“ nötig sind, um daraus die richtigen Lehren zu ziehen: „Man sieht heute, wie empfänglich Teile der Gesellschaft für radikale Meinungen sind. Demokratische Verhältnisse sind eben nicht selbstverständlich.“

Ehm wünscht sich deshalb noch mehr Sensibilisierung und Aufklärung für das Thema an den Hochschulen, insbesondere für Medizinstudierende über die damalige Rolle der Ärzte. Ihm schweben zum Beispiel entsprechende Wahlkurse oder Thementage vor.

Wie man rückblickend eine Haltung zum Thema entwickeln kann, zeigte auch Dr. Sandra Blumenthal, die bei der DEGAM Sektionssprecherin für Fortbildung ist und beim Projekt „Das leere Sprechzimmer“ eng mit den Studierenden zusammenarbeitete. Sie hob auf die Verantwortung ab, die jeder Einzelne und zugleich die ganze Gesellschaft in jeder Zeit trägt, als sie in Lübeck sagte: „Dass unsere Sprechzimmer für alle Menschen offen bleiben, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Aufgabe. Wie und ob wir diese Aufgabe bewältigen, daran wird man uns messen.“

Projekt-Teilnehmer im Interview zum Anhören

Mit einem leeren Sprechzimmer erinnern die Allgemeinmediziner an die Opfer des Holocausts. Im „ÄrzteTag“-Podcast erklären sieben Beteiligte, was sie zu diesem Projekt bewogen hat.

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