Keine Wartezeit, weniger Scham

Online-Therapie klopft an die Tür zur Regelversorgung

Taugt das Internet als psychotherapeutische Praxis? Die Fachärzte sind dafür, wenn die Qualität stimmt. Die Politik betont das Pro des persönlichen Arzt-Patienten-Kontaktes.

Anno FrickeVon Anno Fricke Veröffentlicht:
Videosprechstunde: Auch in der Psychotherapie kann das ein Ansatz sein.

Videosprechstunde: Auch in der Psychotherapie kann das ein Ansatz sein.

© Andrey Popov / fotolia.com

BERLIN. Seelische Krankheiten treten immer häufiger auf. Das therapeutische Angebot in Praxen und Klinikambulanzen kann die Nachfrage nicht unmittelbar auffangen. Monatelange Wartezeiten auf Therapieplätze sind die Folge.

57 Prozent der Betroffenen finden überhaupt keinen Kontakt zum Versorgungssystem, haben Wissenschaftler nach der Auswertung epidemiologischer Studien errechnet.

Nun drängen medizinische Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) sowie die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs) darauf, psychotherapeutische Therapien und Interventionen per Internet in die Regelversorgung aufzunehmen.

Smartphone gegen Versorgungslücken

Smartphone, Tablet und Computer sollen die sich auftuenden Versorgungslücken schließen helfen. Regelhaft ist das in Deutschland bislang nicht erlaubt.

Ein wichtiges Ziel sei es, dass Ärzte und psychologische Psychotherapeuten Online-Interventionen zu Lasten der Kassen verschreiben könnten, sagte Dr. Philipp Klein von der DGPPN am Mittwoch in Berlin.

Um die langwierigen Richtlinienverfahren in der Selbstverwaltung zu umgehen, schlagen Experten vor, Online-Therapien eher wie Medizinprodukte oder Heil- und Hilfsmittel zu behandeln.

"Wir wissen, dass das heutige Angebot nicht ausreicht", sagte Gesundheitsstaatssekretär Lutz Stroppe zur Eröffnung des Hauptstadtsymposiums von DGPPN und DGPs am Mittwoch in Berlin. Auch im Bundesgesundheitsministerium sei bekannt, dass manche Bevölkerungsgruppen, zum Beispiel die zunehmend betroffenen Jugendlichen, eher bereit seien, über das Internet in Kontakt mit Ärzten zu treten, als direkt in die Sprechstunde zu gehen.

Eine durchgehend elektronisch geknüpfte Behandlungskette stellte der Staatssekretär jedoch nicht in Aussicht. Der erste Kontakt zwischen Patient und Arzt sollte immer von Angesicht zu Angesicht stattfinden, sagte Stroppe. Erst dann solle die Telemedizin ihren Platz haben.

Sicherheitsstandards im Blick

Regelungsbedarf hat sich bereits aufgetan. Es fehle trotz des breiten Angebots an Sicherheitsstandards für den Patienten sowie an Qualitätsanforderungen für die begleitenden Therapeuten, sagte Dr. David Daniel Ebert von der Universität Erlangen/Nürnberg. Zudem ist die Online-Behandlung kein vorgeschriebener Bestandteil der Weiterbildungscurricula.

Im therapeutischen Online-Alltag spielen manualbasierte Therapien die Hauptrolle. Dabei bereitet der "Patient" in "Hausaufgaben" Lerneinheiten auf, die in der Folge bewertet werden.

Uneins scheint die Fachwelt darüber zu sein, ob die Kommentierung zwingend ein Therapeut vornehmen müsse. Um die Adhärenz zu stärken, müsse der Patient nicht unbedingt dauerhaft von einem Psychotherapeuten begleitet werden, hieß es.

Eine vergleichsweise anspruchsvolle Aufgabe sei dagegen der direkte Chat oder das Skypen mit Patienten. "Was Sie dort schreiben, steht da", sagte Professor Dr. Corinna Jacobi (DGPs) von der Technischen Universität Dresden. Das sei etwas Anderes als bei einem Gespräch in der Praxis.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Unverständlich: Warum die Telemedizin in Deutschland nur zögerlich ankommt

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