Hausarzt 2017

Per Telemedizin ins Pflegeheim

Die hausärztliche Versorgung von Pflegeheimen kann ein organisatorischer Albtraum sein. Eine digitale, netzwerkfähige Pflegeakte ist ein Quantensprung. Die neuen Kooperationsverträge könnten dieses Modell voranbringen – aber nicht allein.

Philipp Grätzel von GrätzVon Philipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht:
Per Telemedizin ins Pflegeheim

© Angela Mißlbeck

BERLIN. Seit mehreren Jahren berichtet die Hausärztin Irmgard Landgraf von der Praxis am Agaplesion Bethanien Sophienhaus in Berlin immer wieder über ihre sehr guten Erfahrung mit dem Übergang in eine IT-gestützte Versorgungswelt, die ihr eine telemedizinisch unterstützte Betreuung von rund 100 Pflegeheimbewohnern erlaubt. Beim 7. Nationalen Telemedizinkongress in Berlin stellte sie das Konzept jetzt noch einmal vor.

Mehr Zeit für die Patienten

Alles begann mit der Umstellung auf eine elektronische Pflegedokumentation, die netzwerkfähig und damit von der Arztpraxis aus zugänglich ist. Das – in beiden Richtungen – mühsame Hinterhertelefonieren zwischen Ärztin und Pflegepersonal falle dadurch praktisch komplett weg, so Landgraf. Von Mitteilungen der Pflegekräfte erfährt die Ärztin prompt. Medikationsänderungen können zeitnah, auch an Wochenenden erfolgen, ohne dass groß telefoniert werden muss. "Zudem lassen sich die Stationsvisiten dadurch viel besser vorbereiten. Sowohl ich als auch die Pflegekräfte haben mehr Zeit für die Patienten."

Auch die Patientensicherheit steigt, ist Landgraf überzeugt. Denn anders als vorher gebe es seit dem Umstieg auf die telemedizinisch unterstützte Versorgung ein wöchentliches Monitoring der Krankheitsverläufe und ein engmaschiges ärztliches "Controlling" der Medikamente. Dass die Verbesserung der Versorgung nicht nur Bauchgefühl ist, zeigt eine explorative Pilotstudie, in deren Rahmen die von der Ärztin "tele-versorgten" Patienten mit anderen AOK-Versicherten verglichen wurden, die in Pflegeheimen im Rahmen des "Berliner Projekts" versorgt werden.

Krankenhausfälle sinken deutlich

Das "Berliner Projekt" beinhaltet bereits eine relativ anspruchsvolle Pflegeheimversorgung mit Ärzten, die sich verpflichtet haben, rund um die Uhr erreichbar zu sein und die an regelmäßigen Fallbesprechungen teilnehmen. "Im Vergleich zur Standardpflege haben wir dadurch etwa 50 Prozent weniger Krankenhauseinweisungen." Landgrafs Evaluation zeigt jetzt, dass die telemedizinisch unterstützte Pflege noch eins draufsetzen kann. Die Krankenhausfälle pro Jahr und die Krankenhauskosten sind bei den digital co-versorgten Patienten jeweils rund 10 Prozent niedriger. Auch Medikationskosten und Zahl der Medikamente sinken.

Warum aber findet dieses Konzept trotz der guten Erfahrungen nicht viel mehr Nachahmer? Landgraf betonte im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung", dass nicht jede hausärztliche Pflegeheimversorgung gleich gut für ein solches Modell geeignet sei. Wenn ein Hausarzt nur einige wenige Patienten pro Pflegeheim betreut bzw. wenn ein Pflegeheim von einer großen Zahl an Hausärzten mit unterschiedlichen IT-Systemen versorgt wird, wird es schwierig. Auch die übliche Finanzierung der Pflegeheimbetreuung ist ein Problem. Landgrafs Konzept lebt von Prävention. Beim "Berliner Projekt" mit seinen Tagespauschalen ist Prävention attraktiv. Wird der Arzt dagegen fürs "Reinkommen" bezahlt, kann es anders aussehen. Die neuen Kooperationsverträge zwischen Hausärzten und Pflegeheimen beurteilt Landgraf mit Blick auf die Umsetzung telemedizinischer Szenarien gemischt. Auch wenn solche Vereinbarungen geschlossen werden, erhalte der Arzt – anders als in Berlin – sein Geld weiterhin für Behandlung, und nicht für Prävention.

Günstig sei aber, dass diese Verträge die Pflegeheimversorgung insgesamt etwas attraktiver machten, und dass sie tendenziell dazu führten, dass ein Pflegeheim mit weniger Ärzten zusammenarbeite. Diese Ärzte erreichen dann Patientenzahlen pro Pflegeheim, bei denen es sich eher lohnt, eine telemedizinische Infrastruktur aufzubauen. Umgekehrt steigt im Pflegeheim die Bereitschaft zur elektronischen Zusammenarbeit, weil die Zahl der Ärzte und IT-Systeme überschaubarer ist. Landgraf: "Am besten funktionieren solche Szenarien, wenn sich alle persönlich kennen und wissen, wie die jeweils andere Seite arbeitet."

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