Digital Health

Pneumologen setzen auf App und Telemedizin

Pneumologen sind in Deutschland rar. Nun soll eine neue App in einem Pilotprojekt in Baden-Württemberg helfen, unter Einbindung von Lungenfachärzten die Versorgung von Patienten mit chronischen Atemwegserkrankungen zu verbessern.

Von Matthias WallenfelsMatthias Wallenfels Veröffentlicht:
Die Pneumo-App soll Patienten mehr Freiheit geben.

Die Pneumo-App soll Patienten mehr Freiheit geben.

© Bacho Foto /stock.adobe.com

HAMBURG/STUTTGART. Eine neue Gesundheits-App soll helfen, die Versorgung von Patienten mit chronischen Atemwegserkrankungen zu optimieren. Wie das Hamburger Medizintechnikunternehmen vitabook mitteilt, startet es zum Juli zusammen mit dem Landesverband der Pneumologen in Baden-Württemberg ein entsprechendes Projekt.

Die Pneumo-App solle zudem helfen, Lücken in der ländlichen Versorgung zu schließen. Unterstützt wird das Projekt laut vitabook von der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, den Krankenkassen, dem Sozialministerium und dem Ministerium zur Entwicklung des ländlichen Raums sowie vom Gesundheitsnetz Süd.

Etwa 700.000 Menschen in Baden-Württemberg litten unter Asthma bronchiale, rund eine Million Patienten sei an COPD erkrankt – zwei Volkskrankheiten, mit oft chronischem Verlauf, deren Häufigkeit zunimmt.

Eine erfolgreiche Behandlung dieser beiden Krankheiten sei nur möglich, wenn neben der exakten und zeitnahen Abklärung des Befundes ein langfristiger Behandlungsplan entwickelt und der Patient kontinuierlich begleitet werde, heißt es.

Deutschland Schlusslicht in Europa

Allerdings gebe es in Baden-Württemberg ebenso wie in fast allen anderen Regionen Deutschlands viel zu wenig Pneumologen, die diese enge Begleitung und Kontrolle gewährleisten können.

Mit 0,6 Lungenfachärzten pro 100.000 Einwohner sei die Bundesrepublik das Land mit der schlechtesten pneumologischen Abdeckung in der gesamten Europäischen Union. Zum Vergleich: In Griechenland kommen laut vitabook auf 100.000 Einwohner 13,2 Lungenfachärzte.

Schon heute hätten viele niedergelassene Pneumologen in Deutschland Einzugsgebiete von 100 Kilometern und mehr. Neue Patienten warteten Monate auf einen Abklärungstermin, gleiches gelte für Menschen, deren Zustand eigentlich regelmäßig kontrolliert werden müsste. Hinzu kämen weite Wege zum Facharzt.

"Wir stehen vor der Herausforderung, die pneumologische Versorgung gerade in einem ländlich geprägten Bundesland wie Baden-Württemberg neu zu durchdenken und zu organisieren", verdeutlicht Dr. Michael Barczok, Vorstandsmitglied im Berufsverband der Pneumologen Baden-Württemberg, die Herausforderung.

"Die Digitalisierung eröffnet uns hier ganz neue Möglichkeiten. Gerade bei Asthma und COPD bietet die Telemedizin aufgrund der sehr klaren und eindeutigen Krankheitsbilder enorme Potenziale", ergänzt Barczok.

Das mag wenig revolutionär klingen, in der Medizin ist eine solch strukturierte Behandlung aber ein Novum.

Dr. Michael Barczok

Vorstandsmitglied im Berufsverband der Pneumologen Baden-Württemberg

In einem ersten Schritt beteiligen sich laut vitabook rund 20 Pneumologen an dem Projekt. Nach der Diagnose sollen sie gemeinsam mit dem Patienten im vitabook-Konto einen konkreten Behandlungsplan erstellen, heißt es.

Der Patient werde über die elektronische Gesundheitsakte regelmäßig daran erinnert, seine Medikamente einzunehmen und sich an die Therapie zu halten – die Compliance gilt als Knackpunkt bei Chronikern.

Jeder Patient könne selbst erhobene Messungen und andere Daten in seinem persönlichen vitabook-Konto ergänzen und seinem niedergelassenen Pneumologen online zur Ansicht zur Verfügung stellen.

Auch Hausarzt und Apotheker vor Ort ließen sich – falls gewünscht – somit besser in die Therapie einbeziehen, betont das Unternehmen. Die Behandelnden seien in der Lage, jederzeit den Verlauf der Erkrankung zu analysieren und schnell auf etwaige Probleme zu reagieren, ohne dass der Patient immer persönlich vorstellig werden müsse.

Dem Facharzt bleibe somit mehr Zeit für abklärungsbedürftige Neupatienten, der Patient spare Zeit und Wege, der Hausarzt vor Ort sei in den Behandlungsprozess involviert.

"Das mag wenig revolutionär klingen, in der Medizin ist eine solch strukturierte Behandlung aber ein Novum", sagt Pneumologe Barczok. "Sie erspart dem Patienten zum einen viel Leid. Zum anderen reduzieren sich die Wartezeiten in den Praxen und das Gesundheitswesen spart Kosten", führt er weiter aus.

So könnten zum Beispiel Asthmaanfälle bei Pollenallergikern mit einem gezielten Behandlungsplan vermieden werden, wenn der Patient rechtzeitig vor der Pollensaison mit der individuell vereinbarten Therapie beginne.

Breite Unterstützung des Projekts

"Die breite Unterstützung für das Projekt in Baden-Württemberg durch Ministerien, Kassen und Kassenärztlicher Vereinigung sowie dem Gesundheitsnetz Süd belegt, welche Bedeutung ihm beigemessen wird", kommentiert vitabook-CEO Markus Bönig. "Die Digitalisierung bietet dem Gesundheitswesen enorme Chancen, die wir nutzen sollten.

Die Pneumo-App ist dafür ein Beispiel. Wir entwickeln die elektronische Gesundheitsakte zum ganz persönlichen Gesundheitsassistenten und bieten individuelle Lösungen für die unterschiedlichen Bedürfnisse der Patienten", konkretisiert er den Beitrag seines Unternehmens.

Die Deutschen sind durchaus offen für solche digitalen Angebote, wie zuletzt der am Montag veröffentlichte E-Patient-Survey zeigt. 73 Prozent bejahten die Frage , ob sie digital jederzeit auf ihre Krankheitsdaten zugreifen wollten. Ebenfalls wollen sie ihren Arzt als Lotsen für digitale Versorgungslösungen, und sie wollen ihre Daten mit ihrem Arzt teilen.

Mehr zum Thema

Ballistokardiografie im All

Mit dem smarten T-Shirt auf extraterrestrischer Mission

Das könnte Sie auch interessieren
Digitalisierung? „Muss für Ärzte einen Mehrwert bieten!“

© [M] Scherer: Tabea Marten | Spöhrer: privat

„EvidenzUpdate“-Podcast

Digitalisierung? „Muss für Ärzte einen Mehrwert bieten!“

Digitalisierung und Datenschutz pandemiekonform: SVR-Vorsitzender Professor Ferdinand Gerlach (li.) am 24. März in Berlin bei der Vorstellung des Ratsgutachtens und der Bundesdatenschutzbeauftragte Professor Ulrich Kelber (re.) einen Tag später bei der Vorlage seines Tätigkeitsberichts.

© [M] Gerlach: Wolfgang Kumm / dpa | Kelber: Bernd von Jutrczenka / dpa

„ÄrzteTag“-Podcast

„Wir verlangen Digitalisierung mit Gehirnschmalz!“ (Streitgespräch Teil 1)

Thorsten Kaatze, kaufmännischer Direktor am Uniklinikum Essen

© UK Essen

„ÄrzteTag“-Podcast

Ein „Kochrezept“ für die Digitalisierung einer Uniklinik

Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden / registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Derzeit haben rund 400 Ärztinnen und Ärzte in Bayern die Zusatzbezeichnung Homöopathie erlangt. Künftig ist dies nicht mehr möglich.

© Mediteraneo / stock.adobe.com

80. Bayerischer Ärztetag

Bayern streicht Homöopathie aus Weiterbildungsordnung

Nach erfolgreicher Sondierungswoche (v.l.n.r): Robert Habeck und Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz und FDP-Chef Christian Lindner am Freitag in Berlin.

© Kay Nietfeld/picture alliance

Update

Erfolgreiche Sondierung

Das plant die Ampelkoalition im Bereich Gesundheit