Ärzte Zeitung, 28.10.2011

Hintergrund

Kinderlähmung trotzt Impfprogrammen

Immer wieder werden Polioviren aus den letzten verbleibenden Endemieländern in andere Regionen der Welt exportiert. Trotz solcher Rückschläge der Eradikationsprogramme gibt es aber auch erfreuliche Nachrichten: So sind Impfkampagnen in Indien endlich erfolgreich.

Von Wolfgang Geissel

Kinderlähmung: Noch trotzt die Jahrtausende alte Seuche den Impfprogrammen

Polio gab es schon im alten Ägypten, wie die Darstellung eines Patienten aus der 18. Dynastie (1403-1365 v. Chr.) belegt.

© Deutsches Grünes Kreuz

Die weltweite Eradikation von Polioviren war vor zehn Jahren zum Greifen nahe. Impfaktionen auf allen Kontinenten hatten zwischen 1988 und 2001 die Zahl der registrierten Erkrankungen von mehr als 350.000 auf 483 und damit um mehr als 99 Prozent zurückgedrängt.

2010 wurden weltweit wieder über tausend Erkrankungen gemeldet

Von den sechs WHO-Regionen trat in drei - Amerika, Westpazifik und Europa - keine Polio mehr auf. Und weitere Fortschritte in den letzten vier verbliebenen Endemieländern - Pakistan, Afghanistan, Indien und Nigeria - schienen nur noch eine Frage der Zeit.

Doch die Hoffnung war trügerisch. Viele Rückschläge haben seither das Ziel der Eradikation wieder in weite Ferne gerückt. 2010 wurden weltweit wieder über tausend Erkrankungen gemeldet.

Zum Welt-Poliotag am 28. Oktober wird jetzt wieder eine Bilanz der Situation gezogen. Die Gründe für die Probleme sind dabei in den Endemieländern sehr verschieden: In Indien gibt es durch die stark wachsende und zusammengedrängte Bevölkerung einen riesigen Infektionsdruck. In manchen Landesteilen müssen Kinder bis zu zehnmal geimpft werden, um die Erregerzirkulation zu unterbrechen.

Religiöse Fundamentalisten gegen Polio-Impfungen

In Pakistan und Afghanistan haben in den vergangenen Jahren immer wieder religiöse Fundamentalisten gegen Polio-Impfungen opponiert. Fatwahs wurden dagegen ausgesprochen und Mitarbeiter von Impfprogrammen sogar getötet. In Nigeria hingegen war die Regierung nach Berichten von Impfexperten über lange Strecken nicht fähig, selbst eine rudimentäre gesundheitliche Versorgung zu organisieren.

Aus diesen Endemieländern sind inzwischen Polioviren wieder in einige Nachbarregionen exportiert worden. In den Jahren 2009 bis 2010 waren nach Angaben der WHO 23 Länder von solchen Reimporten betroffen, berichtet das Robert Koch-Institut (Epi Bull 2011; 42: 383).

So wurden im vergangenen Jahr erstmalig seit den 90er Jahren wieder Poliofälle in der WHO-Region Europa registriert. 475 Betroffene in Tadschikistan, Russischer Föderation, Turkmenistan und Kasachstan haben sich nach Angaben des RKI bei dem inzwischen eingedämmten Ausbruch mit Wildviren aus Indien angesteckt.

Kinderlähmung erstmals im Westen Chinas

Dieses Jahr wurde nun erstmals seit dem Jahr 2000 Kinderlähmung aus dem Westen Chinas gemeldet. In der autonomen Region Xinjiang Uygur wurden seit Anfang Juli zehn Erkrankungen offiziell bestätigt, darunter auch ein Todesfall.

Genetische Untersuchungen belegen, dass die Viren aus dem benachbarten Pakistan stammen, wo die Zahl der Poliofälle im Vergleich zum Vorjahreszeitraum stark gestiegen ist. Mit aktuell 111 Fällen traten dort ein Viertel aller Fälle weltweit auf. In China wurden jetzt bei umfassenden Impfaktionen über 4,5 Millionen Personen geimpft.

Obwohl Poliomyelitis gewöhnlich bei Kindern unter 5 Jahren auftritt, waren dort auch junge Erwachsene betroffen. Daher werden bei den Kampagnen auch Personen im Alter von 15 bis 40 Jahren geimpft.

Erkrankung in Pakistan könnte sich mit der Hadsch ausbreiten

Wegen der kritischen Poliosituation in Pakistan ist die WHO besorgt, dass sich die Erkrankung im November mit der Hadsch auf andere Länder ausbreiten könnte. Daher wurden jetzt muslimische Länder aufgefordert, die Surveillance der akuten schlaffen Lähmungen zu verstärken.

Reisende von und nach Pakistan sollten ihren Impfstatus prüfen. Die saudi-arabische Regierung verlangt von den Pilgern einen Impfnachweis beziehungsweise impft alle Personen, die aus Endemieländern einreisen oder aus Ländern kommen, in denen es nach einem Reimport von Polioviren zu einer fortgesetzten Übertragung gekommen ist.

Ausbruch 2010 im Kongo konnte gestoppt werden

Im Kampf gegen die Kinderlähmung gibt aber auch Fortschritte: So konnte ein Ausbruch 2010 im Kongo gestoppt werden, und die indische Regierung hofft inzwischen auf eine baldige Ausrottung der Krankheit in ihrem Land. In den vergangenen neun Monaten sei dort kein einziger neuer Fall mehr aufgetreten, meldet die Nachrichtenagentur "dpa".

Dies ist dort die längste Polio-freie Periode seit Beginn der Eradikationsprogramme. Schon vergangenes Jahr waren in Indien nur noch 42 neue Poliomyelitis-Fälle gemeldet worden .

Abgesehen von dem schweren Leid der Betroffenen wäre eine Eradikation der Poliomyelitis auch wirtschaftlich von großer Bedeutung. Die Initiative "Global Polio Eradication" hatte 2009 errechnet, dass sich durch die Ausrottung weltweit jährlich bis zu 1,5 Milliarden Dollar (heute 1,1 Milliarden Euro) sparen ließen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Polioimpfung hat hohe Priorität

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