Ärzte Zeitung online, 03.12.2018

Diagnostischer Spürsinn gefragt

„Nebel im Hirn“ – Wer denkt da an ein Gluten-bedingtes Problem?

Extraintestinale Manifestationen von Glutenerkrankungen sind gar nicht so selten. Beim DGPPN-Kongress in Berlin vorgestellte Kasuistiken verdeutlichen, welcher diagnostische Spürsinn bisweilen gefragt ist.

Von Thomas Müller

„Nebel im Hirn“ – Wer denkt da an ein Gluten-bedingtes Problem?

Die Zöliakie ist ein Chamäleon – nicht immer ist es der Darm der dadurch rebelliert, manchmal ist es offenbar auch der Kopf.

© istvanffy / stock.adobe.com

BERLIN. Die Zöliakie ist ein Chamäleon: „Sie kann sich zu jedem Zeitpunkt im Leben entwickeln und sehr unterschiedlich präsentieren“, erinnerte Privatdozent Dr. Martin Begemann von der Uni Göttingen beim Psychiatriekongress in Berlin. Zu den Symptomen zählen auch neuropsychiatrische Beschwerden.

So berichtete Begemann von einer 43-jährigen Ärztin, die über kognitive Beschwerden mit leichter Hemiparese und Hemiataxie berichtete. Sie gab an, schnell zu ermüden und sich schlecht konzentrieren zu können und klagte über Probleme mit Gedächtnis und Aufmerksamkeit. Zudem fühlte sie sich „benebelt“ und in der Wahrnehmung beeinträchtigt.

Neuropsychologische Tests ergaben tatsächlich leichte Defizite beim logischen Denken und im Arbeitsgedächtnis. Auch das Hirn-MRT war auffällig mit Läsionen links im Balken sowie rechts zerebellär. Die Ärzte gingen von einer Autoimmunerkrankung aus, zumal ein SAPHO-Syndrom* aus der Vorgeschichte bekannt war. Sie behandelten drei Tage lang mit einer Prednisolon-Stoßtherapie, dabei gingen die neurologischen Beschwerden teilweise zurück.

Glutenfreie Diät ließ Hemiparese verschwinden

Der entscheidende Hinweis kam jedoch aus dem Labor: erhöhte Werte von Antikörpern auf Gliadin und Gewebetransglutaminasen. Die Ärzte gingen daher von einer Glutenunverträglichkeit aus und empfahlen eine glutenfreie Diät. Damit lichtete sich der „Nebel im Kopf“ der Frau, auch die Hemiparese verschwand weitgehend. Sie könne nun wieder Auto fahren und in der Spur bleiben, erzählte sie den Ärzten.

Das Besondere: Die Gastroskopie war völlig unauffällig. Begemann sprach daher von einer Gluten-Ataxie oder einer „Gluten related disorder“.

Ganz anders bei einem jungen Mann, der sich im Alter von 20 Jahren plötzlich stark veränderte, nicht mehr seinen Hobbys nachging, sich von seinen Freunden zurückzog. Gleichzeitig entwickelte er Durchfälle, quälende Blähungen, Herzrasen und eine hyperaktive Blase.

Auch hier bestanden mit einem Morbus Basedow und einer Neurodermitis immunologische Vorerkrankungen. Bei der Untersuchung wirkte der Mann psychomotorisch verlangsamt und interesselos. Im Serum fanden die Ärzte hohe Werte von Antikörpern gegen Gliadin und Transglutaminasen, im Darm eine leichte Zottenatrophie und auffällige lymphozytäre Infiltrate.

"Brain Fog" als extraintestinale Manifestation beschrieben

Unter glutenfreier Diät gingen die abdominellen Beschwerden innerhalb einer Woche zurück, mit Antidepressiva besserten sich nach einiger Zeit auch Antrieb und Stimmung. Es gab lediglich einen Diarrhö-Rückfall, nachdem der Mann ein Antidepressivum mit Weizenstärke erhalten hatte.

Ärzte sollten bei solchen Patienten streng darauf achten, dass auch die Medikation glutenfrei bleibt, warnte der Psychiater.

Extraintestinale Manifestationen von Glutenerkrankungen seien gar nicht so selten. Beschrieben wurden neben Nervosität, innerer Unruhe, Ängsten, Depressionen und „Brain Fog“ auch Ataxien, Polyneuropathien, Kopfschmerzen und Epilepsien sowie Gelenk- und Rückenschmerzen, eine Osteoporose oder herpetiforme Dermatitiden.

Allerdings: Eine echte Glutenerkrankung tritt bei weniger als 1 Prozent der Bevölkerung auf. Psychische und neurologische Symptome sind daher nur selten auf eine Unverträglichkeit gegen das Getreideprotein zurückzuführen. Immunerkrankungen in der Anamnese könnten jedoch auf eine komorbide Glutenerkrankung hinweisen. Entscheidend sei letztlich der Nachweis spezifischer Antikörper im Serum, erläuterte der Psychiater.

*SAPHO-Syndrom: Synovitis, Akne, Pustulosis, Hyperostose und Osteitis/Osteomyelitis

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[05.12.2018, 19:01:38]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Wenn ich mich nicht sehr täusche...
Dr. med. Peter Schimmelpfennig – Facharzt für Orthopädie - Tauberbischofsheim: https://www.dr-schimmelpfennig.de
Ich bitte Sie höflichst, nicht auf den exzellenten Wissenschafts- und Medizin-Journalisten Thomas Müller einzudreschen, um damit die gesamte Redaktion der Ärzte-Zeitung treffen zu wollen, die einfach nur hervorragend "berichtet, was ist".

Sollten Sie dafür kein Verständnis entwickeln wollen, halten Sie es doch bitte mit Dieter Nuhr: "Wenn man keine Ahnung hat, einfach nur mal Klappe..." Danke!

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. St. Moritz/CH)  zum Beitrag »
[04.12.2018, 09:36:29]
Dr. Peter Schimmelpfennig 
Eine Zeitschrift, die ihren Auftrag
in der Berichterstattung für Ärzte sieht, sollte nicht unwissenschaftlich auftreten. Das Berichten von "Fallbeispielen" ist eine typische komplementämedizinische Begründung für Therapien teils eingebildeter Erkrankungen mit teils grotesk anmutenden Diäten und Therapieverfahren.
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