Ärzte Zeitung online, 03.05.2017
 

Epilepsiesyndrome

Weniger Anfälle bei Kindern durch Cannabiswirkstoff

Der Wirkstoff Cannabidiol senkt die Anfallsrate bei Kindern mit bestimmten Epilepsieformen um rund 40 Prozent. Darauf deuten erste Ergebnis von zwei kontrollierten Studien.

Weniger Anfälle bei Kindern durch Cannabiswirkstoff

Studien legen nahe, dass Cannabidiol bei bestimmten Epilepsieformen die Anfallrate deutlich senkt.

© adimas /Fotolia

BOSTON/USA. Immer wieder gibt es Fallberichte über eine deutliche Anfallsreduktion unter Cannabiswirkstoffen bei komplexen Epilepsiesyndromen. So sorgten in den USA Medienberichte für Aufregung, wonach Kinder mit Dravet-Syndrom unter einem Cannabidiol-haltigen Öl fast keine Anfälle mehr erlitten.

Dravet-Syndrom

Eine seltene, schwere und meist therapieresistente Epilepsieform, benannt nach der frz. Kinderepileptologin Dr. Charlotte Dravet.

Die Häufigkeit der Erkrankung wird auf 1:20.000-1:40.000 geschätzt.

Ungefähr doppelt so viele Jungen wie Mädchen sind betroffen.

Bislang gab es jedoch keine kontrollierten Studien zur Cannabistherapie. Das ist nun anders: Auf der Jahrestagung der American Academy of Neurology (AAN) wurden Resultate einer ersten placebokontrollierten Untersuchung mit Cannabidiol (CBD) bei Kindern mit Dravet-Syndrom präsentiert.

CBD ist eine nur wenig psychoaktive Substanz aus Cannabis sativa. Ihr werden unter anderem antikonvulsive, angstlösende und entzündungshemmende Eigenschaften zugeschrieben.

An der Studie GWPCARE 1 haben 120 Kinder im Alter von 2–18 Jahren mit Dravet-Syndrom teilgenommen. Das Durchschnittsalter lag bei knapp zehn Jahren, im Schnitt hatten die Kinder rund 30 epileptische Anfälle im Monat, obwohl sie im Median bereits vier unterschiedliche Antiepileptika einnahmen.

Verbesserungen bei über 60 Prozent

Die Kinder bekamen zusätzlich zur bisherigen Medikation über 14 Wochen hinweg entweder täglich 20 mg/kg KG Cannabidiol oder Placebo, wobei der Wirkstoff in den ersten beiden Wochen langsam auftitriert wurde. Mit CBD gingen die konvulsiven Anfälle in der Therapiephase um 41 % zurück, mit Placebo lediglich um 16 %. Die Gesamtzahl der Anfälle sank mit CBD um 37 %, mit Placebo nur um 10 %, wie Dr. Helen Cross vom UCL-Institute of Child Health in London berichtete.

Die Raten für eine 25-, 50- und 75 %ige Anfallsreduktion waren unter CBD ebenfalls höher als unter Placebo, die Unterschiede waren aber nicht signifikant. Sieben Patienten unter CBD, aber kein Kind mit Placebo blieb in der zwölfwöchigen Therapiephase anfallsfrei.

Ein Drittel der Eltern beobachteten unter CBD eine starke bis sehr starke Verbesserung, unter Placebo waren es nur 14 %. Knapp zwei Drittel der Eltern sahen insgesamt eine Verbesserung des Zustands unter CBD, nur 35 % waren es unter Placebo.

Bei den unerwünschten Wirkungen fielen unter CBD vor allem Benommenheit, Durchfall und Appetitmangel auf. Solche Beschwerden wurden bei jeweils einem Drittel der Kinder festgestellt, sie traten damit etwa dreifach häufiger auf als mit Placebo. Vorübergehend kam es unter CBD auch zu erhöhten Transaminasewerten.

Weitere Studie mit ähnlichem Resultat

Lennox-Gastaut-Syndrom

Eine der am schwersten behandelbaren Epilepsien im Kindesalter.

Sie geht mit sehr häufigen Anfällen und verschiedenen Anfallsformen einher.

Die genaue Häufigkeit ist nichtbekannt, Schätzungen gehen von bis zu 5% aller Kinder mit Epilepsien aus.

Ganz ähnliche Resultate haben die Forscher um Cross auch in einer Studie bei 225 Patienten mit Lennox-Gastaut-Syndrom erzielt (GWPCARE 3). Die Patienten waren hier im Schnitt 16 Jahre alt und erlitten im Median 85 Anfälle pro Monat, trotz einer Behandlung mit drei unterschiedlichen Antiepileptika.

Ein Drittel der Kinder bekam nun täglich zusätzlich zur bisherigen Medikation CBD in einer Dosierung von 20 mg/kg KG, ein weiteres Drittel 10 mg/kg und ein Drittel Placebo. Mit der höheren Dosierung reduzierte sich die Anfallsfrequenz um 42 %, mit der niedrigeren um 37% und mit Placebo um 17 %. Eine 50-prozentige Anfallsreduktion erreichten 45 % unter der höchsten CBD-Dosierung, aber nur 13 % mit Placebo. Die Unterschiede waren jeweils hoch signifikant (P<0,001).

Auch in dieser Studie fielen als häufigste Nebenwirkungen Benommenheit, Appetitmangel sowie eine kurzfristige Erhöhung der Transaminasewerte auf.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Progesteron-Gel kann Frühgeburt vermeiden

Sinkt der Progesteronspiegel in der Schwangerschaft zu früh, verursacht das wohl eine vorzeitige Wehentätigkeit und Geburt.Einige Frauen schützt eine vaginale Hormonapplikation davor. mehr »

Statine mit antibakterieller Wirkung

Die kardiovaskuläre Prävention mit einem Statin schützt möglicherweise auch vor Staphylococcus-aureus-Bakteriämien. Das hat eine dänische Studie ergeben. mehr »

Das steht in der neuen Hausarzt-Leitlinie Multimorbidität

Die brandneue S3-Leitlinie Multimorbidität stellt den Patienten als "großes Ganzes" in den Mittelpunkt – und gibt Ärzten eine Gesprächsanleitung an die Hand. mehr »