Ärzte Zeitung, 23.01.2019

"Armselige ambulante Versorgung"

Wenn schwache Patientengruppen vernachlässigt werden

Menschen, die nicht gut für ihre Rechte eintreten können, kommen in unserem Gesundheitssystem teils unter die Räder. Wer eine bessere medizinische Versorgung erreichen will, muss dicke Bretter bohren.

Von Dirk Schnack

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Alter Patient in der Klinik: Jeder Patient ist anders, Standardversorgung bringt häufig Probleme mit sich.

© Syldavia/Getty Images / iStock

Finanzierung, flächendeckende Versorgung und natürlich Digitalisierung – Themen, die bei keinem Gesundheitskongress in Deutschland fehlen dürfen. Auch die "Vernetzte Gesundheit" in Kiel, seit zehn Jahren der "Early Bird" der Gesundheitskongresse, macht da keine Ausnahme.

In diesem Jahr wagte Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Dr. Heiner Garg aber zumindest einen besonderen Schwerpunkt: Der Gastgeber entschied sich dafür, besonders vulnerable gesellschaftliche Gruppen in den Mittelpunkt zu stellen.

So kam es, dass zur Kongresseröffnung ein Mann ans Rednerpult trat, den man in der Welt der Gesundheitskongresse bislang nicht kannte: Dr. Klaus Gauger. Der Freiburger erkrankte mit 28 Jahren an paranoider Schizophrenie. Gauger schilderte in Kiel, wie er in seinem Umfeld überall Mikrofone vermutete, wie selbst seine Eltern als Feinde wahrnahm und wie er nach einer angedrohten Entmündigung einer medikamentösen Behandlung zustimmte, die sein Leben weiter ins Negative drehte.

Nach seiner Entlassung aus der Klinik wurde er zum Getriebenen zwischen Wahnvorstellungen und der Suche nach Hilfe – die er im deutschen Gesundheitssystem nicht und erst durch Zufall in der spanischen Psychiatrie fand.

Verschwendung von Ressourcen

Inzwischen hat Gauger seine Erfahrungen in Buchform veröffentlicht. Die ambulante Versorgung für Patienten wie ihn empfindet er in Deutschland als "armselig", die Einstellung unserer Gesellschaft schlicht als "gleichgültig". Gauger machte in Kiel deutlich, dass diese Ignoranz nicht nur Leid für die Betroffenen bedeutet, sondern auch volkswirtschaftlich unverständlich ist: "So junge Leute einfach ins Abseits zu schieben, macht keinen Sinn."

Im Abseits fühlen sich auch viele weitere Gruppen: alte Menschen, Lesben und Schwule, in Armut geratene Menschen, Flüchtlinge, Menschen mit Migrationshintergrund, die schon seit einer Generation in Deutschland leben. Hinzu kommen Patienten, deren Erkrankung nicht im Fokus steht.

Ein typisches Beispiel sind für Professor Burkhard Weisser Frauen, die nach der Menopause Bluthochdruck entwickeln. Weisser, Vorstandsmitglied der Deutschen Hochdruckliga, vermisst Engagement für diese Patientengruppe, deren Erkrankung oft erst nach zehn Jahren erkannt wird.

Um welche Patientengruppen geht es?

Menschen, die sich für solche Gruppen im Abseits engagieren, berichten zum Teil von ermutigenden Fortschritten, oft aber auch von zähen Kämpfen ohne wirkliche Erfolge. Jede dieser Gruppen hat ihre ganz eigenen Probleme, die nur am Rande wahrgenommen werden:

  • Menschen ohne Krankenversicherungsschutz: Hilfe finden sie in den Praxen ohne Grenzen. Deren Gründer Dr. Uwe Denker bemüht sich seit Jahren um politische Lösungen, damit diese Praxen überflüssig werden – bislang vergeblich. Denker machte in Kiel deutlich, dass die Betroffenen meist unverschuldet in Not geraten sind und ihre Beiträge nicht mehr zahlen konnten. Das ernüchternde Fazit des Allgemeinmediziners: "Ich kämpfe seit zehn Jahren und sehe wenig Bewegung in der Politik."
  • Lesben und Schwule: Sie erfahren nach Wahrnehmung von Gabriela Lünsmann, Vorstandsmitglied des deutschen Lesben- und Schwulenverbandes, zunehmend Akzeptanz und Gleichstellung. Aber: Ihre besonderen Bedürfnisse finden nach ihrer Beobachtung im Gesundheitswesen kaum Berücksichtigung. Als Beispiel nannte Lünsmann, dass sich Ärzte oft nicht mit den speziellen Krankheitsrisiken dieser Gruppe beschäftigen.

Hinzu kommt "die Erfahrung, dass gesundheitliche Probleme auf die Lebensweise zurückgeführt werden", ohne dass dies begründet wäre. Solche falschen Rückschlüsse verschließen dann zum Teil wieder den Zugang zur Versorgung. "Aber auch offene Diskriminierung kommt noch vor", berichtete Lünsmann.

  • Flüchtlinge: Ihre Versorgung hat unter dem Strich gut funktioniert, bilanzierte Dr. Carsten Leffmann. Der ärztliche Geschäftsführer der Ärztekammer Schleswig-Holstein ist Mitglied des Arbeitskreises Migration und Gesundheit im Norden. Erleichtert wurde das Ergebnis durch den Umstand, dass viele junge und gesunde Menschen unter den Flüchtlingen waren. Hinzu kam eine große Hilfsbereitschaft aus den Gesundheitsberufen. Leffmann verwies aber auch auf noch bestehende Defizite, besonders in der Aufarbeitung der zum Teil traumatischen Erlebnisse vor und während der Flucht.
  • Alte Menschen: Geriatrische Patienten haben nach Erfahrungen der Geriaterin Dr. Meike Reh vielfältige, zum Teil gegenläufige Probleme. Da gibt es den alten Patienten, der möglichst lange im Krankenhaus bleiben will, weil er dort gut umsorgt wird und er sich ansonsten allein fühlt. Andererseits Patienten, die so schnell wie möglich entlassen werden wollen, weil sie sich die Zuzahlung nicht leisten können.

Die Chefärztin der Westküstenkliniken Heide und Brunsbüttel kennt aber auch Beispiele, in denen alles nach Wunsch läuft: Ein 100-jähriger Landwirt konnte nach dem Klinikaufenthalt wieder entlassen werden, weil er in einem Mehrgenerationenhaus lebt, in dem sich alle gegenseitig stützen. Weil das die Ausnahme ist, forderte Reh: "Wir müssen die post-stationäre Versorgung stärker in den Fokus rücken."

Ich kämpfe seit zehn Jahren und sehe wenig Bewegung in der Politik.

Dr. Uwe Denker

Allgemeinarzt und Gründer der Praxen ohne Grenzen, die Menschen ohne Krankenversicherungsschutz versorgen

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