Kooperation | In Kooperation mit: Deutsche Krebsgesellschaft und Stiftung Deutsche Krebshilfe

DKK 2024

Psychoonkologie: Erste Schritte in Richtung digitale Therapiebegleitung

Nur wenige Menschen mit Krebs nutzen psychoonkologische Angebote, obwohl sich viele Betroffene Unterstützung wünschen, heißt es beim Deutschen Krebskongress. Können digitale Tools die Schwelle senken?

Philipp Grätzel von GrätzVon Philipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht:
Psychoonkologische Angebote werden von sehr vielen Krebspatientinnen und -patienten nicht genutzt. Online-Angebote könnten helfen, Hürden abzubauen.

Psychoonkologische Angebote werden von sehr vielen Krebspatientinnen und -patienten nicht genutzt. Online-Angebote könnten helfen, Hürden abzubauen. (Symbolbild mit Fotomodellen)

© Tetiana Soares / stock.adobe.com

Berlin. Fatigue, Ängste, Depression: Bei einer Tumorerkrankung leiden viele Krebsbetroffene auch emotional – und fühlen sich damit oft allein gelassen.

Zwar gibt es psychoonkologische Angebote, und für viele davon ist auch in Studien nachgewiesen, dass sie psychische Symptome reduzieren und die Lebensqualität verbessern.

Geringere Hemmschwelle bei Online-Angeboten?

In der Versorgung kommen diese Angebote aber oft nicht an. „Selbst bei stationären Patienten erreichen wir nur eine Versorgungsquote von 37 Prozent, und das bezieht sich auf einen psychoonkologischen Einzelkontakt von 25 Minuten Dauer“, sagte Professor Dr. Imad Maatouk von der Medizinischen Klinik II des Universitätsklinikums Würzburg, am Donnerstag beim Deutschen Krebskongress.

Ambulant liege die Quote derer, die eine psychoonkologische Betreuung in Anspruch nähmen, wahrscheinlich im einstelligen Prozentbereich. Maatouk sieht mehrere Gründe für diese unbefriedigenden Zahlen. Neben weiterhin existierenden Vorbehalten gegen psychosoziale Unterstützungsangebote seien eingeschränkte Mobilität und fehlende zeitliche Ressourcen zu nennen.

Lassen sich diese Hürden durch Online-Angebote absenken? Könnten digitale Tools eine Möglichkeit sein, psychoonkologische Angebote niedrigschwellig zur Verfügung zu stellen, vielleicht auch als „Eintrittspforte“ für eine dann auch persönliche Betreuung?

Gemischte Erfahrungen aus der OPaCT-Studie

Das Team um Maatouk hat diesen Gedanken in mittlerweile zwei digital gestützten Programmen dem Realitätstest unterzogen. Bei OPaCT handelt es sich um ein angeleitetes, digitales Selbsthilfeprogramm für Patientinnen und Patienten mit Chemotherapie.

Es wurde am Universitätsklinikum Heidelberg entwickelt, wo Maatouk zu diesem Zeitpunkt noch tätig war, und besteht aus insgesamt acht Lektionen. Fünf davon sind psychoonkologisch im engeren Sinne, etwa „Krankheit und Stress“, „Umgang mit belastenden Gefühlen“ und „Kommunikation mit Familie und Freunden“. Weitere Module sind edukativ, zu Bewegung und Sport etwa oder zu sozialrechtlichen Fragen.

Die Rekrutierung für die schon einige Jahre alte OPaCT-Studie sei unerwartet mühsam gewesen, wie Maatouk betonte: „Ohne intensive persönliche Ansprache passierte gar nichts.“

Am Ende nahmen 46 Patientinnen und Patienten mit unterschiedlichen Tumoren teil, und immerhin 37 beendeten das Programm. Die Zufriedenheit war hoch, und rund ein Drittel der Nutzenden nahm im Gefolge dann auch ein konventionelles, persönliches Beratungsangebot in Anspruch.

SOFIA: Unterstützung bei der Immuntherapie

In Würzburg haben Maatouk und Team jetzt ein weiteres digitales, psychoonkologisches Programm entwickelt, SOFIA genannt. Es zielt auf das Nebenwirkungsmanagement bei Immuntherapien.

Die Patienten sind aufgerufen, zweimal pro Woche elf körperliche und zehn psychische Symptome zu bewerten. Die Daten werden von dem Erfassungs-Tool für die ärztlichen Behandler aufgearbeitet, wo nötig wird prompt reagiert.

Zur Evaluierung von SOFIA haben die Würzburger eine randomisierte Pilotstudie mit siebzig Teilnehmenden durchgeführt, deren Ergebnisse demnächst publiziert werden. Die Patientenakzeptanz war hoch: 91 Prozent führten die aufwändige Dokumentation drei Monate lang durch.

Aber: Nur etwa ein Drittel der behandelnden Ärztinnen und Ärzte verwendete das dann aber auch in der Versorgung. „Wir sehen trotzdem einen kleinen Effekt auf die Lebensqualität auf Ebene der psychischen Symptomlast und eine Trend in Richtung weniger unangekündigte Vorstellungen in der Notaufnahme“, so Maatouk.

OPUS: Die meisten Patienten wollen nicht

Ein weiteres, aktuell evaluiertes, digitales, psychoonkologisches Programm ist OPUS, das das Konzept des OPaCT-Programms auf die Strahlentherapie adaptiert hat. Theresa Müller vom Psychoonkologischen Dienst am Universitätsklinikum Dresden berichtete darüber.

OPUS besteht aus acht Pflichtlektionen sowie vier freiwilligen Modulen, die sich den Themen Sexualität, Alkohol/Rauchen, Gedanken über Tod und Sterben sowie dem Gespräch über Krebs mit Kindern widmen.

An der einarmigen OPUS-Studie nahmen 67 Patientinnen und Patienten mit Brust- oder Kopf-Hals-Krebs teil. Hautproblem war die Rekrutierung: Den 67 rekrutierten Patienten standen 218 Ablehnungen gegenüber. 19 der 67 Studienteilnehmenden brachen vorzeitig ab.

„Aus therapeutischer Sicht hat sich gezeigt, dass das Programm im klinischen Alltag gut umsetzbar ist. Es war allerdings schwierig, insbesondere die Kopf-Hals-Patienten zu erreichen“, so Müllers vorläufiges Fazit. Viele Patienten hätten gesagt, dass das Programm zu spät im Krankheitsverlauf angeboten worden sei.

Quelle: 36. Deutscher Krebskongress 2024, Sitzung: Innovative Versorgungskonzepte in der Psychoonkologie, 22. Februar 2024

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