Hauptstadtkongress Digital

Spahn verteidigt Corona-Impfstrategie des Bundes

Deutschland muss bei der Entwicklung eines Corona-Impfstoffs mehrgleisig fahren, betont der Gesundheitsminister bei der Auftaktveranstaltung des Hauptstadtkongresses Digital. Das aber ist nur eine Lehre aus der Krise, wie die Diskussionsrunde deutlich macht.

Von Thomas HommelThomas Hommel und Anno FrickeAnno Fricke Veröffentlicht:
Auftakt des „Hauptstadtkongress Digital“ mit Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU): Diskussion per Videoschalte.

Auftakt des „Hauptstadtkongress Digital“ mit Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU): Diskussion per Videoschalte.

© Rolf Schulten

Berlin. Gesundheitsminister Jens Spahn hat die Impfstrategie der Bundesregierung verteidigt. „Mit dem Tag der Zulassung will ich Impfdosen für unsere Bürger haben“, sagte der CDU-Politiker bei der Auftaktveranstaltung des Hauptstadtkongresses Digital am Mittwoch.

Anfang der Woche war der Bund mit 300 Millionen Euro beim Tübinger Biopharma-Unternehmen CureVac eingestiegen.

Spahn: Mehrere Stränge bei Impfstoffversorgung

Deutschland setze sich traditionell für eine internationale Impfstoffversorgung ein, betonte Spahn. Die Hilfe erstrecke sich auch auf Länder, die sich Arzneimittel nicht leisten könnten.

Er finde es aber auch wichtig, dass es ausreichend Impfstoffe in Europa und Deutschland gebe. Auf ein entsprechendes Vorgehen hätten sich die EU-Gesundheitsminister im Ministerrat bereits vergangene Woche verständigt.

Agenda der EU-Ratspräsidentschaft

Für die Ratspräsidentschaft Deutschlands ab Juli kündigte Spahn an, das „Maß an Globalisierung“ neu bestimmen zu wollen. Die Ausstattung Europas mit Arzneimitteln und Schutzausrüstung dürfe nicht in China entschieden werden. Zudem gehe es darum, die europäische Stimme in der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu stärken – „gerade jetzt, wo andere nicht so viel Verantwortung übernehmen“.

Die USA haben angekündigt, ihr Engagement in der WHO zurückzufahren. Spahn plädierte für eine „Gesundheits-NATO“ in Europa, in der die Gemeinschaft einzelnen, in Not geratenen Ländern beistehe.

Zum dritten solle während der Ratspräsidentschaft eine einheitliche Herangehensweise an das Thema Datenschutz im Gesundheitswesen verhandelt werden, kündigte Spahn an. „Das werden wir vielleicht nicht zum Abschluss bringen bis Ende des Jahres.“

Corona-App: Mehr als 6,5 Millionen Downloads

Gegenstand der Auftaktveranstaltung zum digitalen Hauptstadtkongress waren Lehren von Ärzten, Pflegekräften, Klinikmanagern und Gesundheitsökonomen aus der Corona-Krise. Zur Auftaktrunde schalteten sich mehr als 2500 Teilnehmer per Stream zu. Moderiert wurde die Runde vom Chefredakteur der „Ärzte Zeitung“, Wolfgang van den Bergh.

Die am Dienstag offiziell vorgestellte Corona-Warn-App des Bundes sei binnen 30 Stunden bereits mehr als 6,5 Millionen Mal heruntergeladen worden, berichtete Spahn. „Das ist eine gute Startrampe.“ Es lägen somit schon über „sechs Millionen gute Gründe“ vor, warum es das Virus jetzt schwieriger habe. Ziel sei es, die Downloadzahlen weiter zu erhöhen.

Deutschland sei bereits mit der EU-Kommission im Gespräch, um eine „europäische Schnittstelle“ für die verschiedenartigen Corona-Apps in Europa zu schaffen, sagte Spahn.

Werden Sie Patienten zum Download der Corona-App motivieren?

45%
45%
Nein. Das muss jeder Einzelne für sich alleine entscheiden.
7%
7%
Im Einzelfall vielleicht.
48%
48%
Ja. Macht vor allem bei Risikopatienten Sinn.

Anders als Deutschland hat sich etwa Frankreich für eine zentrale Lösung bei der Datenerfassung entschieden. Es müsse möglich sein, Daten zu Infektionen grenzübergreifend auszutauschen, so der Minister.

Hören Sie das vollständige Gespräch
Lesen sie auch

Schub für Digitalisierung

Spahn betonte, die Corona-Krise habe die Digitalisierung des Gesundheitswesens „beschleunigt“. Auch die Akzeptanz digitaler Anwendungen sei durch die Pandemie gestiegen – sowohl in der Bevölkerung, als auch bei Ärzten und Pflegekräften. Dass Laborbefunde im 21. Jahrhundert teils noch per Fax in die Arztpraxen gelangten, sei ein Anachronismus.

Waren sich einig, dass das Gesundheitswesen in der Krise viel gelernt hat (v.L): Prof. Axel Ekkernkamp, Chef des Unfallkrankenhauses Berlin, Vera Lux, ehemalige Pflegedirektorin der Unikliniken Köln, Wolfgang van den Bergh, Chefredakteur der Ärzte Zeitung, Dr. Martina Wenker, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, und Gesundheitsunternehmer Prof. Heinz Lohmann.

Waren sich einig, dass das Gesundheitswesen in der Krise viel gelernt hat (v.L): Prof. Axel Ekkernkamp, Chef des Unfallkrankenhauses Berlin, Vera Lux, ehemalige Pflegedirektorin der Unikliniken Köln, Wolfgang van den Bergh, Chefredakteur der Ärzte Zeitung, Dr. Martina Wenker, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, und Gesundheitsunternehmer Prof. Heinz Lohmann.

© Rolf Schulten

Corona habe zu einem „enormen Schub“ bei der Digitalisierung der Gesundheitsversorgung geführt, pflichtete die Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen und frühere Vizepräsidentin der Bundesärztekammer, Dr. Martina Wenker, bei. Viele Ärzte und Psychotherapeuten stellten fest, dass Videosprechstunden funktionierten und auch akzeptiert würden. Dennoch könne eine virtuelle Begegnung die persönliche nicht ersetzen, höchstens ergänzen.

Wenker: „Chance für humanitäre Patientenversorgung“

Die Corona-Krise eröffne auch die Chance für eine „humanitäre Patientenversorgung“, sagte Wenker. „Wir haben in der Krise gelernt, wir behandeln Menschen mit Sorgen – nicht nur gesundheitlichen.“ Das Gesundheitswesen lebe davon, „dass es dort menschelt“, betonte sie.

Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten hätten „gemeinsam wahnsinnig viel gelernt in der Krise“, sagte der Ärztliche Direktor und Geschäftsführer des Unfallkrankenhauses Berlin, Professor Axel Ekkernkamp. Hochproblematisch sei, dass viele Patienten den Krankenhäusern und Praxen aus Angst vor einer Ansteckung mit Corona ferngeblieben seien.

Sorge um Regelversorgung

Allein auf kardiologischen Stationen sei es zu einem Rückgang des Patientenaufkommens um bis zu 40 Prozent gekommen. Man müsse nun rasch zur Normalität zurückkehren und „nachholen, was in Kliniken und Praxen nicht gemacht werden konnte“, sagte der wissenschaftliche Leiter des Deutschen Ärzteforums beim Hauptstadtkongress.

Zu behaupten, ökonomisch orientierte Gesundheitssysteme wie das in den USA hätten in der Corona-Krise versagt, sei „zu simpel“, betonte Ekkernkamp. Krankenhäuser müssten Geld verdienen dürfen. „Sonst werden wir keine gescheite Zukunft haben.“ Nicht umsonst sei vor 15 Jahren der Begriff der „Gesundheitswirtschaft“ geprägt worden. Das sei auch ein Verdienst der Initiatoren des Hauptstadtkongresses, Dr. Ingrid Völker und Senator a. D. Ulf Fink.

DKG: Kliniken haben gut reagiert!

Die Gesellschaft habe sich an die verordneten Corona-Maßgaben gehalten, sagte der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Dr. Gerald Gaß.

Das sei allerdings nur eine Seite der Medaille gewesen. Die andere Seite sei, dass die Krankenhäuser wie alle anderen Sektoren nicht nur gut gerüstet in die Krise gegangenen seien. „Dann aber haben sie gut reagiert, den Wettbewerb aufgehoben und zusammengearbeitet“, betonte Gaß.

Modernität statt alter Normalität

Dass Viren sich binnen Stunden auf der Welt ausbreiten können, sei bei der Risikobewertung lange ausgeblendet worden, sagte der Hamburger Gesundheitsunternehmer Professor Heinz Lohmann. Wichtig sei nun, nicht zur „alten Normalität“ zurückzukehren, sondern eine „künftige Modernität“ aufzurufen.

Das beinhalte auch die Analyse dessen, was tatsächlich im Gesundheitswesen gebraucht werde. „Wir müssen aufpassen, dass wir gesellschaftlich nicht überziehen“, warnte Lohmann. Lohmann ist Leiter des Kongresses Krankenhaus Klinik Rehabilitation unter dem Dach des Hauptstadtkongresses.

Dass das Regelprogramm heruntergefahren worden sei, habe bei der Neuorganisation der Pflegeteams in den Krankenhäusern geholfen, sagte Vera Lux, ehemalige Pflegedirektorin der Universitätsklinik Köln. Bleiben würden die digitalen Formate der Aus- und Fortbildung in der Pflege, sagte Lux, die den Deutschen Pflegekongress beim Hauptstadtkongress leitet.

Die Diskutanten bei der Eröffnung des HSK
/
Spahn verteidigt Corona-Impfstrategie des Bundes
Dr. Martina Wenker, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen: Die Corona-Krise eröffne auch die Chance für eine humanitäre Patientenversorgung.

© Rolf Schulten

Spahn verteidigt Corona-Impfstrategie des Bundes
Gesundheitsunternehmer Prof. Heinz Lohmann: Wir müssen aufpassen, dass wir gesellschaftlich nicht überziehen.

© Rolf Schulten

Spahn verteidigt Corona-Impfstrategie des Bundes
Vera Lux, ehemalige Pflegedirektorin der Unikliniken Köln

© Rolf Schulten

Spahn verteidigt Corona-Impfstrategie des Bundes
Prof. Dr. Axel Ekkernkamp, Chef des Unfallkrankenhauses Berlin: Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten haben gemeinsam wahnsinnig viel gelernt in der Krise.

© Rolf Schulten

Spahn verteidigt Corona-Impfstrategie des Bundes
Moderierte die digitale Auftaktveranstaltung des Hauptstadtkongresses in der Bibliothek von Springer Nature: Wolfgang van den Bergh, Chefredakteur ÄrzteZeitung. Thema der Diskutanten war das Thema „Die Krise als Innovationstreiber: Zeitenwende im Gesundheitswesen?“

© Rolf Schulten

Spahn verteidigt Corona-Impfstrategie des Bundes
Diskutierte per Videoschalte mit: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn: Die Corona-Krise hat die Digitalisierung des Gesundheitswesens beschleunigt.

© Rolf Schulten

Spahn verteidigt Corona-Impfstrategie des Bundes
Ebenfalls per Video zum HSK-Runde zugeschaltet, war der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Dr. Gerald Gaß: Die Krankenhäuser haben gut reagiert und zusammengearbeitet.

© FlickFotos

Hauptstadtkongress als digitales Add-on

Der Hauptstadtkongress ist als eine Veranstaltung der WISO S.E. Consulting GmbH Teil von SpringerMedizin. Der Kongress findet wegen der geltenden Alltagseinschränkungen in diesem Jahr als digitales Add-on statt.

In normalen Jahren ist der Kongress mit weit über 8000 Besuchern eines der größten Gesundheitsevents im Messe- und Kongresskalender. Die Veranstaltung untergliedert sich in aktuelle Themen aus ärztlicher Versorgung, Pflege, Krankenhaus und Versicherungen.

Der „Hauptstadtkongress Digital“ bildet künftig mehrmals im Jahr den gesundheitspolitischen Diskurs online ab – mit Podiumsveranstaltungen, die per Video gestreamt werden, aber auch mit Webinaren zu einzelnen Themen. Die Online-Events der Reihe werden üblicherweise jeweils ein bis zu zwei Stunden dauern. Am Donnerstagvormittag wird der Kongress mit der Vorstellung des neuen „Krankenhaus Rating Reports“ fortgesetzt.

Das könnte Sie auch interessieren
Die Chancen der Vitamin-C-Hochdosis-Therapie nutzen

© Pascoe Naturmedizin

Vitamin-C-Therapie

Die Chancen der Vitamin-C-Hochdosis-Therapie nutzen

Anzeige | Pascoe Naturmedizin
Dr. Claudia Vollbracht

© [M] Privat; Christoph Burgstedt / Getty Images / iStock

„ÄrzteTag extra“-Podcast

Appell zur adjuvanten Vitamin-C-Therapie bei Krebs

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Pascoe
Mit Vitamin C gegen schwere Langzeitfolgen

© designer491 / Getty Images / iStockphoto

Long-COVID

Mit Vitamin C gegen schwere Langzeitfolgen

Anzeige | Pascoe Naturmedizin
Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Dr. Peter Schimmelpfennig

Der Einsatz für das Impfen ist grundsätzlich zu begrüßen. Nicht hilfreich ist allerdings das sinnlose Verplempern von Steuergeldern für einen Impfstoff, bei dem möglicherweise aufgrund des internationalen Wettlaufs mit Konkurrenten Vorsichtsmaßnahmen in Entwicklung und Testung außer Kraft gesetzt werden.

Barbara Schlomann-Schmitter

Schauen wir, ob es ausgeht, wie das Hornberger Schießen... hatten wir ja schon mal mit der Schweinegrippenimpfung...


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden / registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Mit ganz unterschiedlichen Aktionen versuchen MFA, auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Hier im Bild die Protestaktion des Verbands medizinischer Fachberufe am vergangenen Mittwoch in Berlin. In vielen Praxen solidarisieren sich aber auch die Ärztinnen und Ärzte mit ihren Fachangestellten.

© Verband medizinischer Fachberufe

Aktion pro Corona-Bonus

MFA streiken, ihre Chefinnen legen sich für sie ins Zeug

Wanderer zwischen den Welten: Professor Gerhard Trabert kandidiert für das Amt des Bundespräsidenten.

© Andreas Arnold / dpa / picture alliance

Präsidentschaftskandidat Trabert

Der „Street Doc“ will ins Schloss Bellevue