Direkt zum Inhaltsbereich

Die Crux mit dem Bewegungstraining

Bewegungstraining statt Koronarstent bei KHK? Deutsche Kardiologen haben gezeigt, dass die konservative Strategie tatsächlich eine Alternative zur invasiven Hightech-Medizin sein könnte - wenn sie denn nur im Praxisalltag mit gleichem Eifer verfolgt würde.

Peter OverbeckVon Peter Overbeck Veröffentlicht:
Regelmäßiges Bewegungstraining hat sich bei stabiler KHK als wirksame präventive Maßnahme bewährt.

Regelmäßiges Bewegungstraining hat sich bei stabiler KHK als wirksame präventive Maßnahme bewährt.

© Foto: imago

BARCELONA. "Wenn Sie für Herz und Gefäße etwas Gutes tun wollen, rate ich Ihnen zu mehr körperlicher Bewegung". Diese gut gemeinte Empfehlung geben Ärzte sicher täglich vielen - auch und gerade herzkranken - Patienten mit auf den Weg.

Im realen Praxisalltag scheint es allerdings äußerst schwer zu sein, dem auch Taten - sprich: eine konsequente Umstellung des Lebensstils - folgen zu lassen. Und das liegt nicht nur an der notorischen Bewegungsfaulheit der Patienten.

Davon weiß ein Forscherteam um Professor Rainer Hambrecht aus Bremen ein Lied zu singen. Vor Jahren sorgten er und seine Kollegen mit für interventionelle Kardiologen provokant anmutenden Studiendaten für Aufsehen. In der 2004 veröffentlichten Studie (Circulation 2004, 109, 1371) waren 101 klinisch stabile KHK-Patienten nach einer Koronarangiografie zwei Behandlungsstrategien zugeteilt worden: Eine Hälfte absolvierte ein Jahr lang ein festgelegtes regelmäßiges Belastungstraining auf dem Fahrradergometer; bei der anderen Hälfte kam die Therapie zum Zug, die in der modernen Kardiologie bei Koronarstenosen die Regel ist: Intervention per Herzkatheter und Stent-Implantation.

Ergebnis des ungewöhnlichen Vergleichs: Die Rate der Patienten, die das Jahr ohne ischämische Ereignisse und dadurch bedingte Klinikeinweisungen oder Revaskularisationen überstanden, war in der Gruppe mit Bewegungstraining signifikant höher als in der Vergleichsgruppe mit Koronarintervention (88 Prozent versus 70 Prozent). Auch bei der Kosteneffizienz schnitt die konservative Strategie besser ab. Nach fünfjähriger Beobachtungsdauer bot sich das gleiche Bild: immer noch weniger Ereignisse in der bewegungsaktiveren Gruppe.

Das Ergebnis der Pilotstudie ermutigte die Gruppe, eine größere Studie in Angriff zu nehmen - diesmal mit geplanten 400 Patienten und unter Beteiligung weiterer klinischer Zentren. Dort allerdings schien der Enthusiasmus, die Herzen eines Teils der Patienten für mehr körperliche Aktivität als Dauerprogramm zu erwärmen, weniger ausgeprägt zu sein - was nicht verwundert, sind doch Koronarinterventionen finanziell wesentlich einträglicher als mühselige Überzeugungsarbeit in Sachen Bewegung.

Und auch vielen Patienten schien die Aussicht, durch eine lokale mechanische Intervention das koronare Übel rasch loszuwerden, attraktiver zu sein als die Perspektive, durch regelmäßiges Training langfristig Gefäßfunktion und -durchblutung insgesamt zu verbessern und so die Progression der Gefäßschädigung aufzuhalten.

Die Konsequenz war, dass nach Rekrutierung von etwa 100 Patienten das Studienprojekt angesichts vieler Widerstände und Probleme leider vorzeitig gestoppt werden musste. Ganz umsonst sollte der forscherische Aufwand dann aber doch nicht gewesen sein. Die Initiatoren entschlossen sich, die Daten der Pilotstudie und die der abgebrochenen Folgestudie kombiniert auszuwerten. Hambrecht hat die Ergebnisse dieser Analyse kürzlich beim Europäischen Kardiologenkongress in Barcelona vorgestellt.

Grundlage der so nicht geplanten neuen Studie, die aufgrund der Umstände natürlich nicht alle methodischen Qualitätskriterien erfüllen kann, bildeten über einen Zeitraum von zwei Jahren erhobene Daten von insgesamt 202 Studienteilnehmern. Die Botschaft ist wieder die gleiche: Körperliches Training war der Koronarintervention als Präventionsstrategie überlegen und mit einer signifikanten Reduktion von kardiovaskulären Ereignissen assoziiert.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

DEGAM-Kongress

Wie viele KHK-Patienten rauchen?

Das könnte Sie auch interessieren
Jugendliche die schon früh, ohne Eltern in die Sprechstunde kommen, werden selbstständiger.

© Racle Fotodesign / stock.adobe.com

Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

Wie gelingt der Übergang vom Pädiater in die Erwachsenenmedizin?

Frauen erhalten eine andere und meist schlechtere Behandlung als Männer. Sie sind häufiger vom Medical Gaslighting betroffen, insbesondere in der Kardiologie.

© NPS Studio / stock.adobe.com

Hormone, Schwangerschaft, Wechseljahre

Warum ein Diabetes Frauen anders trifft als Männer

Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Primär Biliäre Cholangitis: therapeutisches Potenzial der PPAR-Aktivierung

© Kateryna_Kon / stock.adobe.com

PPAR-Isoform-Selektivität: wissenschaftliche Grundlagen und klinische Relevanz

Primär Biliäre Cholangitis: therapeutisches Potenzial der PPAR-Aktivierung

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Gilead Sciences GmbH, Planegg-Martinsried

Vitamin-B12-Mangel

Frühzeitig erkennen, gezielt therapieren

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Wörwag Pharma GmbH & Co. KG, Böblingen
ATTR-CM-Therapien im Wandel: Die Rolle von Acoramidis

© CLIPAREA.com / stock.adobe.com

Transthyretin-Amyloidose mit Kardiomyopathie

ATTR-CM-Therapien im Wandel: Die Rolle von Acoramidis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Bayer Vital GmbH, Leverkusen
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Lesetipps
Dreidimensionale medizinische Illustration des Varicella-Zoster-Virus, einem Virus das Windpocken, Hautblasen, Nesselsucht, Wunden und Gürtelrose verursacht.

© Corona Borealis / stock.adobe.com

Atypische Symptome

Kasuistik: Periphere Fazialisparese mit erstaunlicher Ursache

MRT-Bild eines Schädels, das im linken Auge eine Netzhautablösung zeigt.

© James Cavallini / Science Photo Library

Aufklärung zu Risikogruppen essenziell

Netzhautablösung: Warnzeichen rechtzeitig erkennen