Koffein

Ein Genuss mit Suchtpotenzial

Über den Nutzen und Schaden von Kaffee, Tee und Energy Drinks entbrennt oft ein Streit. Der Psychologe Dr. Wolfgang Beiglböck räumt in seinem neuen Buch mit Mythen rund um Koffein auf. Wir haben ihn zum Interview getroffen.

Von Norbert Peter Veröffentlicht: 18.11.2016, 05:01 Uhr
Ein Genuss mit Suchtpotenzial

Eines der ältesten Getränke der Menschheit: Kaffee.

© dimakp / Fotolia

Wenn ein Psychologe ein Buch über Koffein schreibt, geht es nicht nur um die Frage, wie viel Milch und Zucker man in den Kaffee wünscht. Neben Antworten auf die zehn wichtigsten Fragen zur Materie erwartet den Leser auch ein Test zur Feststellung der eigenen Koffeinabhängigkeit.

Wir baten den Suchttherapeuten Dr. Wolfgang Beiglböck zu einem Interview, bei dem es unter anderem um die am häufigsten konsumierte Substanz weltweit geht.

Ärzte Zeitung: Trinken Sie selbst Kaffee? Oder nehmen Sie Koffein in anderer Form zu sich?

Dr. Wolfgang Beiglböck: Ja, sehr gerne, wenn er gut ist. Und in anderer Form auch: Schokolade und Grüntee sind meine Hauptquellen. Aber in meinem Buch geht es nicht um Kaffee an sich. Das Missverständnis kommt daher, dass Koffein aus der Kaffeebohne extrahiert wurde.

Motiviert von Johann Wolfgang von Goethe entdeckte der Chemiker Friedlieb Ferdinand Runge den Wirkstoff in der Kaffeebohne und nannte es Koffein. Ein anderer Forscher hatte dieselbe Substanz aus Tee extrahiert und nannte sie in der Folge Teein, später tauchte es auch als Guarin auf, gewonnen aus der Guarana-Pflanze.

In geringen Mengen ist die Substanz auch in den Blüten von Zitrusfrüchten und Linden zu finden. Oder in der Kakaobohne. Man konsumiert letztlich mehr Koffein, als man denkt. Sogar bei manchen Schmerzmitteln wird Koffein beigefügt, um die Wirkung zu verbessern.

Sind Sie persönlich süchtig?

Beiglböck: Bin ich nicht. Es ist umstritten, ob man überhaupt koffeinsüchtig werden kann. In Europa kann man die Koffeinsucht nach dem europäischen Klassifizierungssystem diagnostizieren, in Amerika handelt es sich nur um koffeinbezogene Störungen.

Aus meiner Praxis im klinischen Bereich kenne ich Patienten, die Entzugserscheinungen auf Koffein zeigten, wenn sie keinen Kaffee bekamen. Bei den Jüngeren ist ähnliches bei Energydrinks oder Cola zu bemerken. Die Folgen sind auffällig: Kopfschmerzen, Müdigkeit, Reizbarkeit.

In vielen Gesundheitseinrichtungen wird der Koffein-Konsum bei Patienten nicht erhoben. Er fehlt oft in der Standard-Anamnese. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass im Gesundheitswesen auch vom Personal viel Koffein konsumiert wird. Ganz oben im Koffein-Konsum stehen laut einer englischen Studie übrigens die Journalisten.

Und wie gestaltet sich der Ausstieg aus der Koffeinsucht?

Beiglböck: Es ist ein bekanntes Phänomen, dass man bei dem Entzug von einer Substanz auf eine andere umsteigt. Da entstehen mitunter neue Probleme, wenn zum Beispiel auf Alkohol gewechselt wird.

Bei Patienten, die Alkoholentzug machen, steigt der Konsum von anderen Substanzen wie Nikotin oder eben Koffein. Das wird dann speziell interessant, wenn auf das Koffein körperliche Reaktionen kommen.

Es gibt auch eine Überdosis bei Koffein. Ähnlich wie bei einem Alkoholentzug zeigt sich ein Symptombild mit Zittrigkeit, innerer Unruhe und Herzflattern. Es gab auch schon Todesfälle mit Koffein. Mit Koffein-Tabletten wurden schon Suizide begangen.

Gibt es Beispiele aus Ihrer Praxis?

Beiglböck: In meiner psychologischen Praxis habe ich Patienten, die wegen einer Angststörung, Nervosität oder Schlafstörungen eine psychotherapeutische Behandlung wollen. Wenn man dann eine Anamnese Richtung Koffein macht, reicht es manchmal, den Koffeinkonsum zu reduzieren, um die Symptomatik deutlich zu verbessern.

In einem Fall kam ein Patient zu einem Tageskonsum von bis zu 1500 Milligramm – zwischen 200 und 400 liegt die empfohlene Dosis.

Im Untertitel Ihres Buches "Koffein" fragen Sie "Genussmittel oder Suchtmittel?" Zu welcher Antwort sind Sie gekommen?

Beiglböck: Es handelt sich um ein Genussmittel, das in selteneren Fällen auch zum Suchtmittel werden kann. Der Koffein-Abbau und die Verträglichkeit sind individuell sehr unterschiedlich. Deshalb kann so mancher auch vor dem Schlafengehen einen Kaffee trinken und schläft trotzdem gut, weil er es schnell abbaut.

Überwiegen die Vorteile oder die Nachteile?

Beiglböck: Es schadet nicht, wenn man Koffein in normalen Mengen und bewusst konsumiert. Es hängt vom Lebensalter, den Lebensumständen und dem Gesundheitszustand ab. Auch eine Wechselwirkung mit einer Reihe von Medikamenten, die über dasselbe Enzymsystem abgebaut werden wie Koffein, ist nicht auszuschließen. In seltenen Fällen kann es als Medikament dienen.

Kaffee, Kakao und Tee werden aber oft gesüßt. Was schadet dann mehr: Koffein oder Zucker?

Beiglböck: Da will ich nicht beantworten, was schlimmer ist. In einer Doppelblindstudie wurde nachgewiesen, dass Teilnehmer, wenn sie die Wahl haben zwischen einem Getränk mit Koffein und Zucker oder einem nur mit Zucker, jenes mit Koffein vorziehen.

Bienen bevorzugen Pflanzen, die Koffein in den Blüten anbieten. Diese fliegen sie häufiger an, Koffein dient hier als Lockmittel. Obwohl prinzipiell Koffein bei Pflanzen in der Rinde und den Wurzeln ein Schutzmechanismus gegen Fressfeinde ist.

Wie sollte man Kaffee oder Tee gezielt einsetzen? Soll ein Arzt zwei Tassen Tee oder einen Milchkaffee vor dem Schlafengehen verschreiben?

Beiglböck: Der einzige erwiesene Bereich, wo man Richtlinien zur Verschreibung hat, sind Atembeschwerden bei Frühgeborenen. Da wird Koffein verabreicht, um das Atmen zu erleichtern, es stimuliert die Atmung.

Generell gilt die Storch-Problematik. Man konnte früher glauben, dass der Storch für Kinder sorgt, weil er eher in geburtenreichen Gegenden zu finden war. Wo die Industrie Einzug hält, flüchtet der Storch, steigt der Wohlstand, die Menschen bekommen weniger Kinder. Im Ergebnis bekommen Menschen weniger Kinder, wenn keine Störche brüten.

Ich meine, viele Beobachtungen sind nicht gesichert, obwohl korrelative Zusammenhänge bestehen. Kein Mensch konsumiert Koffein alleine, hunderte andere Wirkstoffe sind beteiligt, daher kann man die Ursache nie 100-prozentig festmachen – eine Problematik bei der Entstehung von Krebs.

Relativ gesichert scheint bei manchen Hautkrebsarten, dass Koffein eine schützende Wirkung hat. Es lässt UV-geschädigte Zellen schneller absterben, womit diese nicht zum Krebs werden können.

In den USA gibt es Handbücher, die Spitzensportler anleiten, wie und zu welchen Zeitpunkten Koffein zur Leistungssteigerung bei Kraft- und Ausdauersportarten anzuwenden ist. Es handelt sich dabei um legales Doping, die ergogene Wirkung wird dabei ausgenützt.

Welche Forderungen haben Sie an die Gesellschaft?

Beiglböck: Ich will Koffein in keiner Weise verteufeln. Es sollte uns aber bewusst sein, dass es eine psychoaktive Substanz ist und sie in manchen Lebenssituationen oder auch bei bestimmten Krankheitsbildern durchaus kritischer zu betrachten ist.

Warum dieses Buch?

Beiglböck: Ich will die manchmal übertrieben positive Darstellung der Wirkung von koffeinhaltigen Getränken hinterfragen. Auch ist anzumerken, dass Kaffee oder Schokolade oft positiver dargestellt werden als Energydrinks. Dem will ich entgegenhalten, dass ältere Menschen durchschnittlich mehr Koffein konsumieren als Jugendliche.

Eine Gefahr besteht allerdings bei der Jugend in der Kombination von Koffein mit alkoholhaltigen Getränken. Da kann dann auch einmal das Herz zu flattern beginnen.

Für wen ist Ihr Buch gedacht?

Beiglböck: Die Idee war, es nicht nur für Laien zu schreiben, sondern durchaus für Fachleute, die zum Beispiel in der Ernährungswissenschaft, Gesundheitspsychologie oder der Psychotherapie tätig sind.

Haben Sie eine Empfehlung für jene Leser, die entdecken, dass sie koffeinsüchtig sind?

Beiglböck: Sie sollten zuerst gute Gründe finden, warum sie reduzieren wollen. Dann sollte man seinen exakten Koffein-Verbrauch erheben, dabei nicht nur den Kaffee beachten. Und dann stückweise zurücknehmen.

Damit man keine Entzugserscheinungen bekommt, sollte man täglich um nicht mehr als zehn bis 25 Prozent reduzieren. Am besten nur alle ein bis zwei Tage die Dosis herabsetzen.

Lesen Sie dazu auch: Genussmittel oder Droge?: Was die aktuelle Forschung über Kaffee verrät

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