Direkt zum Inhaltsbereich

Stillen

Muttermilch macht müde Babys munter

Muttermilch ist die erste Nahrung vieler Babys - Ernährung allein ist aber bei Weitem nicht ihre einzige Aufgabe. Wie lange gestillt werden sollte, darüber scheiden sich die Geister.

Von Anja Garms Veröffentlicht:
Mit der Muttermilch gelangen nicht nur schützende Substanzen zum Baby, sondern auch etliche Schadstoffe.

Mit der Muttermilch gelangen nicht nur schützende Substanzen zum Baby, sondern auch etliche Schadstoffe.

© Zdenek Fiamoli / panthermedia.net

ZÜRICH. Mit mehr als 200 verschiedenen Zucker-Molekülen besitzen Menschen die komplexeste Muttermilch aller Säugetiere. Gerade diese Komplexität erschwert es Wissenschaftlern, die vielen verschiedenen Effekte der Muttermilch für Mutter und Kind zu enträtseln.

Fest steht: Ihre Aufgabe geht weit über die Ernährung des Säuglings hinaus. Stillen reduziert die Säuglingssterblichkeit und schützt vor Infektionskrankheiten, schreiben die Schweizer Forscher Thierry Hennet und Lubor Borsig von der Universität Zürich in einem Übersichtsartikel im Fachblatt "Trends in Biochemical Sciences" (2016; online 16. April).

450 Gramm Milch täglich

Bereits in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft beginnt in der mütterlichen Brust die Bildung von Kolostrum. Selbst zu früh geborene Kinder können so direkt nach der Geburt mit Muttermilch versorgt werden.

In den ersten Wochen nach der Geburt bildet jede Brust im Durchschnitt 450 Gramm Milch täglich. Nach anderthalb Jahren können es abhängig von der Stillintensität immer noch 200 Gramm täglich sein, schreiben die Forscher in ihrem Artikel.

In den ersten Tagen nach der Geburt diene die Muttermilch aber weniger dazu, die kindliche Ernährung sicherzustellen. Stattdessen förderten die zahlreichen in der Muttermilch befindlichen Zucker-Moleküle anscheinend gezielt die Besiedelung des bis dato keimfreien Darms der Neugeborenen mit Bakterien.

"Babys haben keine Maschinerie, um diese Zucker zu verdauen, sie sind also eigentlich für die Bakterien - es ist wie ein Saatboden, und die Muttermilch ist der Dünger", erläutert Hennet.

Im Verlauf der Stillzeit ändere sich die Zusammensetzung der Zucker-Moleküle in der Muttermilch. Damit verändere sich auch die Zusammensetzung der Bakteriengemeinschaft - das Mikrobiom - im Darm.

Enstehung von Übergewicht und Asthma werden beeinflusst

Heute ist bekannt, dass das Mikrobiom nicht nur die Darmgesundheit selbst, sondern den Stoffwechsel insgesamt sowie die Entstehung von Übergewicht oder Asthma beeinflusst.

Die Muttermilch unterstütze zudem die Entwicklung des kindlichen Immunsystems, bestätigen Hennet und Borsig detailliert: Direkt nach der Geburt enthalte sie einen besonders hohen Anteil an bioaktiven Proteinen, etwa Antikörper, Cytokine, Defensine oder Lactoferrin.

Sie bremsten das Wachstum von Krankheitserregern und schützten das Baby, bis das kindliche Immunsystem ab etwa einem Monat nach und nach selbst die Abwehr von Krankheitserregern übernehme.

Die Zahl der mütterlichen Antikörper in der Milch sinke dann drastisch um etwa 90 Prozent. Auch die Vielfalt der Zucker-Moleküle nehme ab, der Fettanteil hingegen zu. Dies begünstige das Wachstum des Babys.

Mit der Muttermilch gelangten aber nicht nur schützende Substanzen zum Baby. Etliche Schadstoffe, wie Schwermetalle, Pestizide oder Stoffe mit hormonähnlicher Wirkung sammelten sich im mütterlichen Brustgewebe und schadeten unter Umständen der Gesundheit der Kinder.

Einige dieser Substanzen seien mittlerweile verboten, etwa das Pestizid DDT, andere würden weiter verwendet, wie die in vielen Kunststoffen vorkommenden Weichmacher(Phthalate).

Ideologische Auseinandersetzung

Seitdem es Milchersatznahrung gibt, sind das Stillen und Muttermilch Gegenstand ideologischer Auseinandersetzungen geworden. Denn trotz der überwiegend positiven Effekte wüchsen Babys auch ohne Muttermilch völlig gesund auf. "Wir müssten vorsichtig damit sein, irgendwelche Empfehlungen zu geben", sagt Hennet dazu.

"Auf der einen Seite ist Muttermilch das Produkt von Millionen Jahren Evolution und besitzt mit Sicherheit die optimalen Nährstoffe für ein Neugeborenes; aber die Frage ist: Wie lange braucht ein Neugeborenes diese Versorgung wirklich? Wir glauben, Familien sollten diese Entscheidung treffen - nicht Wissenschaftler."

Die nationale Stillkommission, deren Hauptaufgabe "die Förderung des Stillens in der Bundesrepublik Deutschland ist", rät werdenden Müttern, im ersten Lebenshalbjahr ausschließlich zu stillen und auch wenn das Kind bereits Beikost bekommt, zunächst weiter zu stillen. Wann abgestillt werde, bestimmten Mutter und Kind gemeinsam. (dpa)

Mehr zum Thema

Substitution differenziert betrachten

Testosteron als kardiometabolisches Therapie-Konzept: Wann es wirklich hilft

DEGAM-Leitlinie

So sollten Sie bei Schilddrüsenknoten vorgehen

Vergleich mit konservativer Therapie

Hyperparathyreoidismus: Operation kann vor Diabetes schützen

Das könnte Sie auch interessieren
Der Gesundheitsdialog

© Janssen-Cilag GmbH

J&J Open House

Der Gesundheitsdialog

Kooperation | In Kooperation mit: Johnson & Johnson Innovative Medicine (Janssen-Cilag GmbH)
Impulse für den medizinischen Fortschritt: Welches Mindset braucht Deutschland?

© Springer Medizin

Johnson & Johnson Open House-Veranstaltung am 26. Juni 2025 beim Hauptstadtkongress

Impulse für den medizinischen Fortschritt: Welches Mindset braucht Deutschland?

Kooperation | In Kooperation mit: Johnson & Johnson Innovative Medicine (Janssen-Cilag GmbH)
J&J Open House beim Hauptstadtkongress

© [M] Springer Medizin Verlag

Video zur Veranstaltung

J&J Open House beim Hauptstadtkongress

Kooperation | In Kooperation mit: Johnson & Johnson Innovative Medicine (Janssen-Cilag GmbH)
DMykG 2025: So dringt Bifonazol effektiv in die Nagelplatte ein

© Matt LaVigne | iStock

Neue in-vitro-Daten

DMykG 2025: So dringt Bifonazol effektiv in die Nagelplatte ein

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Bifonazol: Antimykotikum mit antientzündlicher Wirkung

© Irina Esau | Getty Images/iStockphoto

Fokus: Integrität der Haut

Bifonazol: Antimykotikum mit antientzündlicher Wirkung

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Die Bedeutung von Bifonazol in der Therapie der Tinea capitis

© Prof. Dr. med. Hans-Jürgen Tietz

Pilzinfektion Kopfhaut

Die Bedeutung von Bifonazol in der Therapie der Tinea capitis

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: OS von Patientinnen mit Endometriumkarzinom und Mismatch-Reparatur-Profizienz bzw. Mikrosatellitenstabilität

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Primär fortgeschrittenes/rezidivierendes Endometriumkarzinom

Nachhaltiger Überlebensvorteil durch Immuntherapie plus Carboplatin-Paclitaxel

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: GlaxoSmithKline GmbH & Co. KG, München
Abb. 1: Rückgang der generalisierten tonisch-klonischen Anfälle unter Cannabidiol + Clobazam

© Springer Medizin Verlag , modifiziert nach [1]

Real-World-Daten aus Deutschland zum Lennox-Gastaut- und Dravet-Syndrom

Cannabidiol in der klinischen Praxis: vergleichbare Wirksamkeit bei Kindern und Erwachsenen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Jazz Pharmaceuticals Germany GmbH, München

Chronisch kranke Kinder

Mangelernährung frühzeitig erkennen und konsequent angehen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Danone Deutschland GmbH, Frankfurt/Main
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Lesetipps
Ein Mann liegt im Bett und schaut auf sein Handy.

© Andrii Lysenko / Stock.adobe.com

Insomnie

Wie sich schlechter Schlaf auf Schmerzen auswirkt

Nahaufnahme einer männliche Hand, die die Tagesdosen an Vitaminen, Medikamenten, Tabletten und Nahrungsergänzungsmitteln in eine Tablettenbox füllt.

© eliosdnepr / stock.adobe.com

NAKO-Studie

Jeder Vierte erhält offenbar mindestens ein inadäquates Medikament im Alter