Spieler handeln nach Belohnungssystem

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LÜBSTORF (run). Pathologische Glücksspieler haben Entscheidungsdefizite und handeln stark impulsgesteuert, so die bislang gängige Annahme. Nein, sagt hingegen Dr. Bernd Sobottka. Der Psychologe hat herausgefunden, dass Glücksspieler durchaus kompetente Entscheidungen treffen und ihre Impulse kontrollieren können. Das wirft auch ein anderes Licht auf Therapieoptionen für Betroffene.

Mehr als 100 Menschen, die sich von Spielhallen und Glücksspielautomaten magisch angezogen fühlen und dort ihr Geld verspielen, kommen jährlich in die Klinik am Schweriner See in Lübstorf, in der Sobottka als leitender Psychologe arbeitet. Um den Betroffenen besser helfen zu können, hat er deren Entscheidungsverhalten genau erforscht. Dazu hat Sobottka unter anderem 22 pathologische Glücksspieler in einer speziellen Laborsituation untersucht.

In einem schummrigen Raum mit Bildern von Glücksspielautomaten und passender Geräuschkulisse wurden sie - wie auch alkoholabhängige Patienten und gesunde Probanden als Kontrollgruppen - zu einem Kartenspiel eingeladen. Den Teilnehmern winkte Spielgeld als ideeller Gewinn, ein Pfund Kaffee als realer. "Das Kartenspiel war mit ähnlichen Gewinn- und Verlustoptionen angelegt wie das typische Automatenspiel, bei dem man eine Reihe mit gleichen Symbolen anpeilt", erläutert Sobottka. Das Spiel wurde dann mit den Teilnehmern nochmals in einer Umgebung ohne Spielhallenassoziationen gespielt.

In Casino-Atmosphäre erzielen Glücksspieler bessere Resultate

Ergebnis: Die Glücksspieler erzielten in der an Spielhallen erinnernden Situation bessere Ergebnisse. "Im Laufe des Spiels waren sie sogar fähig, ein rationales Entscheidungsverhalten zu erlernen", berichtet Sobottka im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Anders als in der Fachwelt bislang angenommen, scheine es also keine grundsätzlichen Entscheidungsdefizite bei Glücksspiel-Süchtigen zu geben. Außerdem seien sie zumindest unter den Studienbedingungen zur Impulskontrolle fähig gewesen.

Für den Psychologen ergibt sich daraus auch ein veränderter Blick auf hilfreiche Therapiemethoden. "Bislang stand bei pathologischen Spielern die Glücksspiel-Abstinenz im Vordergrund. "Das ist aber lediglich die Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung", betont Sobottka. Die Studiendaten, denen zufolge kein Impulsverlust vorliegt, belegen, dass verhaltenstherapeutische Stimulus-Kontroll-Techniken eine effektive Möglichkeit bieten, Rückfälle zu verhindern. Dabei werden mit den Patienten individuelle Techniken eingeübt, wie sie dem Impuls, in eine Spielhalle zu gehen, entgegensteuern und den vermeintlichen Automatismus unterbrechen können.

Hirnstoffwechsel beeinflusst das Entscheidungsverhalten.

Sobottka folgert zudem aus seinen Untersuchungen, dass bei Betroffenen ein suchtspezifisches Entscheidungsverhalten vorliegt unter Beteiligung von Stoffwechselprozessen im Gehirn, die dem so genannten Belohnungssystem zuzuordnen sind. "Die Spieler suchen quasi auf eine besondere Art nach Erfahrungen, die ihnen ein gutes Gefühl vermitteln." Man müsse daher mit ihnen - ähnlich wie mit Alkoholabhängigen - nach Wegen suchen, dieses über Jahre konditionierte Belohnungssystem durch anderes Verhalten zu aktivieren. Positive Erfahrungen im Sport oder bei sozialen Kontakten könnten beispielsweise helfen. Ärzte, die pathologische Spieler behandeln, sollten entsprechende Behandlungsangebote bereithalten, plädiert Sobottka.

Die Arbeiten von Dr. Bernd Sobottka sind auch vor kurzem als Buch erschienen: "Entscheidungsverhalten bei pathologischen Glücksspielern", (Dissertation Universität Halle 2007), Pabst Science Publishers, 166 Seiten, Preis 20 Euro, ISBN 978-3-89967-367-8

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