Hohes Langzeitrisiko

Warum stumme Herzinfarkte so gefährlich sind

Nicht wenige Herzinfarkte verlaufen klinisch unauffällig. Eine Studie macht nun deutlich, dass ein solcher stummer Herzinfarkt auf lange Sicht ein genauso hohes Sterberisiko birgt wie ein typischer symptomatischer Myokardinfarkt.

Von Veronika Schlimpert Veröffentlicht:
Eine Auswertung der ICELAND MI-Studie hat eine Kohorte von 935 Teilnehmern in den Fokus gerückt.

Eine Auswertung der ICELAND MI-Studie hat eine Kohorte von 935 Teilnehmern in den Fokus gerückt.

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BETHESDA. Stumme Herzinfarkte sind ziemlich häufig und alles andere als harmlos, wie eine aktuelle Auswertung der ICELAND MI-Studie deutlich macht (JAMA Cardiol 2018; online 10. Oktober).

Im Jahr 1967 hat die Isländische Herzgesellschaft die Reykjavik-Studie ins Leben gerufen, in der ursprünglich mehr als 30.000 in der isländischen Hauptstadt lebende Männer und Frauen zufällig ausgewählt und auf unterschiedliche Art und Weise nachverfolgt wurden.

Bei 935 Teilnehmern der Kohorte, die sich in einem Alter zwischen 67 und 93 Jahren befanden, wurde 2004 eine Magnetresonanztomografie mit Late-Gadolinum-Enhancement (LGA) vorgenommen, dies markierte den Beginn der ICELAND-MIStudie.

Stumme Infarkte häufiger

Bei 17 Prozent dieser Senioren ließ sich auf diese Weise zu Studienbeginn (Januar 2004) ein Herzinfarkt nachweisen, von dessen Präsenz zuvor nichts bekannt war. Bei 10 Prozent war ein Myokardinfarkt bereits bekannt gewesen, also klinisch diagnostiziert worden.

Die Prävalenz stummer Herzinfarkte war in dieser Kohorte also größer als die von klinisch auffälligen Infarkten. Die Studienautoren sprechen deshalb von einem "unterschätzten Gesundheitsproblem in der Bevölkerung".

Dass es sich dabei keinesfalls um harmlose Bildgebungsbefunde handelt, machen die Verlaufsdaten deutlich. Nach drei Jahren war das Sterberisiko der Teilnehmer, bei denen im MRT ein stummer Infarkt nachgewiesen worden war, zwar noch genauso hoch wie für jene ohne solche Infarktzeichen (jeweils 3 Prozent) und deutlich niedriger als für die Senioren, die einen typischen Herzinfarkt durchlitten hatten (9 Prozent).

Ab dem vierten Jahr nach Diagnose eines stummen Infarktes war allerdings ein deutlicher Anstieg des Sterberisikos zu sehen, sodass dieses nach fünf Jahren deutlich höher war als bei Personen ohne Infarktzeichen (13 vs. 8 Prozent) und nach zehn Jahren dasselbe Ausmaß erreicht hat wie bei den klassischen Infarktpatienten (entsprechend 49 und 51 Prozent).

Letztlich war das Sterberisiko von Patienten mit stummen Infarkten nach Adjustierung auf Geschlecht, Alter und Diabetes also genauso hoch wie im Falle eines klinisch auffälligen Myokardinfarkts. Im Vergleich zu Patienten ohne Infarktzeichen war ihr Sterberisiko um 60 Prozent erhöht. Das Risiko, einen weiteren symptomatischen Myokardinfarkt zu erleiden, stieg um das Doppelte an, schwere kardiovaskuläre Ereignisse (MACE) und Herzinsuffizienz kamen ebenfalls deutlich häufiger vor (Hazard Ratio: 1,56 und 1,52).

"Nach einer anfänglichen relativ ruhigen Phase steigt das Sterberisiko bei stummen Infarkten beträchtlich an, bis es die Mortalität eines klinisch diagnostizierten Herzinfarktes erreicht hat", resümieren die Studienautoren um Dr. Tushar Acharya vom National Heart, Lung, and Blood Institute in Bethesda. Warum ist das so?

Unterschiedlicher Phänotyp

Die Autoren haben dafür zwei Erklärungen. Zum einen glauben sie, dass sich der Phänotyp beider Infarkttypen unterscheidet. An der Entstehung stummer Myokardinfarkten seien eher eine "Small-Vessel-Disease" und Vorhofflimmern beteiligt, während bei den typischen Infarkten die Plaqueablösung im Vordergrund stehe, was die anfangs höhere Mortalität erkläre. Zum anderen machen Acharya und Kollegen gewisse Präventionsbemühungen für das sich über die Zeit angleichende Sterberisiko verantwortlich.

Die Gabe von ASS, Statinen und Betablocker und entsprechende Verhaltensänderungen (etwa Rauchstopp) nach Diagnose eines klinisch diagnostizierten Herzinfarkts würden die Überlebenschancen dieser Patienten steigern. Im Falle eines stummen Infarkts würden solche Maßnahmen in der Regel seltener beziehungsweise später ergriffen.

Es könnte aber auch sein, dass von den klassischen Infarktpatienten diejenigen mit schweren Verläufen vor Studienbeginn bereits gestorben sind; die verbliebenden Patienten somit einen Überlebensvorteil hatten.

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