Corona-Studien-Splitter

Hohes COVID-19-Risiko für Schwangere, aber Impfen ist wohl sicher

In der Schwangerschaft ist COVID-19 ein hohes Risiko, die mRNA-Impfstoffe sind aber offenbar sicher. Außerdem: Das Tübinger Modell ist offenbar kein Erfolg, und Dialysepatienten sprechen schlecht auf die Impfung an.

Von Anne BäurleAnne Bäurle und Wolfgang GeisselWolfgang Geissel und Marco MrusekMarco Mrusek Veröffentlicht:
Real-World-Daten sprechen (vorläufig!) für die Sicherheit der COVID-19-Impfung von Schwangeren.

Real-World-Daten sprechen (vorläufig!) für die Sicherheit der COVID-19-Impfung von Schwangeren.

© Marina Demidiuk/stock.adobe.com

Update vom 23. April

Für Schwangere und ihr Kind bedeutet COVID-19 ein hohes Risiko. Das hat die „INTERCOVID Multinational Cohort Study“ unter Leitung der Universität Oxford in Großbritannien ergeben. In der Studie in 18 Ländern waren von März bis Oktober 2020 die Verläufe von Schwangerschaft und Geburt bei 706 Frauen mit und 1424 Frauen ohne COVID-19 (Kontrollgruppe) verglichen worden. Für Betroffene ergab sich im Vergleich zu Nicht-Betroffenen ein deutlich höheres Risiko für Komplikationen: Präeklampsie/Eklampsie (relatives Risiko, RR: 1,76), schwere Infektionen (RR 3,38), Verlegung auf Intensivstation (RR, 5,04) und Frühgeburten (RR 1,59). COVID-19 verlief bei 59 Prozent der Betroffenen ohne Symptome. Bei ihnen waren aber die Risiken von Müttersterblichkeit (RR 1,24) und Präeklampsie (RR 1,63) im Vergleich höher. Etwa jedes achte Kind einer Mutter mit COVID-19 wurde infiziert. Das Risiko dafür wurde durch Sectio (RR 2,15), aber nicht durch Stillen (RR 1,10) erhöht (JAMA Pediatr 2021; online 22. April).

Die verfügbaren mRNA-Impfstoffe sind in der Schwangerschaft wohl sicher. Dafür sprechen vorläufige Ergebnisse einer Analyse bei über 35.000 Frauen in den USA. Diese waren von Mitte Dezember bis Ende Februar während oder kurz vor einer Schwangerschaft geimpft worden. Die Daten zu den Impfstoffen von BioNTech/Pfizer und Moderna stammen überwiegend vom Monitoring-System „V-safe“ zur Coronavirus-Impfstoffsicherheit. Teilnehmer des Programms der US-Centers for Disease Control (CDC) nutzen eine Smartphone-App, mit der sie regelmäßig zur Gesundheit und zu möglichen Impf-Nebenwirkungen befragt werden. Die Schwangeren gaben dabei dieselben Impfreaktionen wie Nicht-Schwangere an, also Fatigue, Kopfweh und Myalgien. Schmerzen an der Injektionsstelle wurden im Vergleich etwas häufiger genannt, ebenso Übelkeit oder Erbrechen nach der zweiten Dosis. Bis Ende Februar hatten 827 Frauen die Schwangerschaft beendet, 86 Prozent mit einer Lebendgeburt. Raten von Fehl- und Frühgeburten, niedrigem Geburtsgewicht und angeborenen Fehlbildungen waren dabei im Normalbereich. Allerdings: es gibt bisher nur Ergebnisse aus den ersten elf Wochen des US-Impfprogramms. Anders als die CDC in den USA empfiehlt die STIKO in Deutschland die Impfung in der Schwangerschaft nicht (NEJM 2021; online 21. April).

Beim Modellprojekt „Öffnen mit Sicherheit“ haben sich in Tübingen womöglich mehr Menschen mit SARS-CoV-2 angesteckt, als es ohne das Projekt der Fall gewesen wäre. Zu diesem Zwischenergebnis kommen Forscher der Universitäten von Mainz, Tübingen und Süd-Dänemark, nachdem sie die Entwicklung der Infektionszahlen in Tübingen mit der Entwicklung in ähnlichen Städten (Regionen) verglichen hatten. Bei dem Modellprojekt hatten ab Mitte März in Tübingen der Einzelhandel sowie körpernahe Dienstleistungen und Kultureinrichtungen für Besucher mit einem negativen Corona-Schnelltest geöffnet. Die Forscher haben die Infektionszahlen von Tübingen mit den Zahlen in Heidelberg und Freiburg sowie in den Landkreisen Enzkreis und Heilbronn verglichen. Ergebnis: In Tübingen nahmen ab Ende März die Infektionszahlen deutlich stärker zu als in den Vergleichsstädten und -regionen. So lag die 7-Tage-Inzidenz Anfang April in Tübingen bei 144 und in den Kontrollstädten(-regionen) bei 100. Am 13. April habe es beim Vergleich keine Unterschiede mehr zwischen den Inzidenzen gegeben. Dies liege möglicherweise daran, dass am 1. April die Außengastronomie von dem Projekt ausgenommen und geschlossen wurde. Auch durfte niemand von außerhalb des LK Tübingen mehr teilnehmen. Dass vermehrte Tests die Inzidenz gesteigert haben, sei zum Teil richtig, so die Forscher. Dies erkläre die Inzidenz-Unterschiede zu den Kontrollgebieten aber nicht vollständig (Preprint-Paper auf der Website der Uni Mainz).

Ältere Dialysepatienten entwickeln nach COVID-19-Impfung deutlich niedrigere Antikörper-Spiegel als jüngere sowie als gesunde Kontrollpersonen. Forscher aus Essen haben bei 72 Dialysepatienten zwei Wochen nach Zweitimpfung mit Comirnaty® (BioNTech/Pfizer) die Anti-SARS-CoV-2-Antikörper bestimmt und die Ergebnisse mit Titern von 16 gesunden Probanden (Kontrollgruppe) verglichen. Unter 60-jährige Dialysepatienten erreichten ähnliche Werte wie Gesunde (im Median 597 AU/ml vs 800 AU/ml). Bei über 60-Jährigen waren die Werte jedoch deutlich niedriger (280 AU/ml). Fraglich sei zudem, wie lange der Impfschutz anhält und wann möglicherweise Impfbooster nötig seien. Die Forscher regen Langzeit- und Longitudinal-Studien an, um das Impfschema für Dialysepatienten gegebenenfalls adaptieren zu können (Vaccines 2021; online 8. April).

Update vom 22. April

Ein ungeimpfter Mitarbeiter hat im März einen Corona-Ausbruch in einem weitgehend durchgeimpften Pflegeheim im US-Staat Kentucky verursacht. Das berichten Forscher der US-Seuchenbehörde CDC. Insgesamt gab es 46 SARS-CoV-2-Infektionen: 26 bei Bewohnern (18 komplett geimpft) und 20 bei Mitarbeitern (vier geimpft). Ein geimpfter Bewohner sowie zwei ungeimpfte sind gestorben. Insgesamt waren 90 Prozent der 83 Bewohner und 50 Prozent der Mitarbeiter geimpft. Die meisten Infizierten hatten keine oder nur wenig Symptome. Die Forscher weisen auf die große Bedeutung der Impfung in Heimen auch bei Besuchern hin. Nach Impfung sollten Maßnahmen zum Infektionsschutz wie Masken und Routinetests weiter angewandt werden. Die verwendete BioNTech/Pfizer-Vakzine hatte nach den Daten eine Wirksamkeit von 66 Prozent (Bewohner) und 76 Prozent (Mitarbeiter); gegen schwere Verläufe waren es gut 86 Prozent. Der Ausbruch war durch eine spezielle Virusvariante verursacht worden. Bei dieser wurden mehrere bekannte Problem-Mutationen festgestellt, etwa von den Mutanten aus Südafrika (B.1.351) oder Brasilien (P.1.) (MMWR Morb Mortal Wkly Rep 2021; online 21. April).

Bei Krebspatienten unter Therapie mit Immun-Checkpoint-Inhibitoren (ICI) ist der mRNA-Impfstoff von BioNTech/Pfizer wohl sicher, berichten israelische Forscher. Sie treten damit Bedenken entgegen, dass durch die Impfung immunvermittelte Nebenwirkungen der ICI-Therapie verstärkt oder sogar provoziert werden könnten. Am Krankenhaus Bnei Zion in Haifa nahmen im Januar/Februar 137 von 170 Patienten unter ICI-Therapie ein entsprechendes Impfangebot an. 134 erhielten beide Impfungen (drei Krebskranke waren bis zur zweiten Dosis gestorben). Die Geimpften gaben keine außergewöhnlichen Nebenwirkungen an, niemand musste wegen Impfreaktionen stationär behandelt werden. Im Vergleich zu Impflingen ohne Krebs war die Rate von Muskelschmerzen erhöht. Es gab weder neue immunassoziierte Nebenwirkungen, noch wurden solche bestehenden ICI-Nebenwirkungen verschlechtert. Fazit der Forscher: Zwar hätten sich langfristige oder auch mögliche seltene Komplikationen nicht erfassen lassen. Aktuell sei aber bei ICI-Patienten von einem positiven Nutzen-Risiko-Verhältnis der Impfung auszugehen (Lancet Oncol 2021; online 1. April). (bs)

Update vom 21. April

Bei Schulkindern reichen wohl neun Tage Quarantäne nach Corona-Kontakt aus, wenn sie dann mit PCR negativ getestet wurden. Das hat eine Studie des University of Florida College of Medicine ergeben. An der Untersuchung im Alachua County des US-Bundesstaats nahmen etwa 13.000 Kinder (Kindergartenalter bis 12. Klasse) nach der Schulwiedereröffnung im vergangenen Herbst teil. Kinder mit verdächtigen Symptomen wurden per PCR-Test der nasopharyngealen Abstriche getestet. Kontaktpersonen von COVID-19-positiven Fällen wurden in Quarantäne geschickt und erneute PCR-Tests am dritten Tag und an den Tagen 9 bis 14 der Quarantäne angeboten. 257 waren SARS-CoV-2-positiv, in Folge wurden 2189 Kontaktkinder in Quarantäne geschickt. Von diesen wurden 134 (6,1 Prozent) am dritten Tag und 839 (38 Prozent) an den Tagen 9 bis 14 getestet. Ergebnis: Am dritten Tag waren 10,4 Prozent SARS-CoV-2-positiv, an den Tagen 9-14 waren es 4,8 Prozent. Von den 800 SARS-CoV-2-Negativen an den Tagen 9-14 erkrankte nur ein einziger an COVID-19, allerdings mit einer anderen Virusvariante als seine ursprüngliche Kontaktperson. Es gibt also keinen Beleg dafür, dass eine frühe Schulrückkehr eines SARS-CoV-2-Negativen nach zehn Tagen negative Auswirkungen hat, so die Forscher (JAMA 2021; online 19. April).

Update vom 20. April

In Großbritannien wurden im Lockdown deutlich weniger Asthmakranke wegen akuter Exazerbationen behandelt. Das ergab eine Analyse asthmabedingter Notaufnahmen in Kliniken von Schottland und Wales. Die Zahl der Notfälle war zu Beginn des landesweiten Lockdowns in Kalenderwochen 13/2020 schlagartig zurückgegangen, und zwar um 36 Prozent im Vergleich zum Schnitt der Vergleichszeiträume in den fünf Jahren zuvor (Thorax 2021; online 29. März). Ein ähnlicher Rückgang fand sich zudem in einer Analyse primärztlicher Daten zu Asthma-Exazerbationen in England, und zwar bei den Vergleichen von KW 1–12 mit KW 13–32 im ersten Pandemiejahr und in den Jahren 2016 bis 2019. Ein Grund für den Rückgang dürfte eine bessere Therapieadhärenz sein, bedingt durch die Angst, dass schlecht kontrolliertes Asthma als chronische Lungenerkrankung die Gefahr durch COVID-19 noch vergrößern könnte. Auch exogene Faktoren könnten Einfluss gehabt haben, vermuten die Forscher, etwa der durch Abstandhalten und Masken bedingte Rückgang von Atemwegsinfektionen, die häufig als Trigger einer Exazerbation wirken. Auch der Rückgang der Luftverschmutzung könnte dazu beigetragen haben (Thorax 2021; online 29. März). (bs)

Update vom 19. April

Bei Rekonvaleszenten reicht eine Dosis Comirnaty® für den Schutz vor einer erneuten COVID-19-Erkrankung, und zwar offenbar auch im hohen Alter. Das berichtet ein französisch-deutsches Team aus Montpellier und Berlin. Die Forscher haben bei 102 über 80-Jährigen die induzierten IgG-Antikörper drei Wochen nach der ersten Impfdosis bestimmt. Ergebnis: Die 36 Probanden mit PCR-bestätigter COVID-19 in der Vorgeschichte (Alter im Schnitt 89!) hatten nach einer Dosis bereits sehr hohe AK-Titer (S-protein IgG im Mittel 40.000 AU/mL), nicht jedoch die Patienten ohne durchgemachte Erkrankung (im Mittel 48,0 AU/mL). Die vorläufigen Daten legen nahe, dass auch bei hochbetagten Rekonvaleszenten eine BNT162b2-Dosis zum Schutz ausreiche, so die Forscher. Zur Sicherheit könnten vor der zweiten Dosis die S-Protein IgG-AK bestimmt werden. In Deutschland geht die STIKO davon aus, dass immungesunde Menschen mit PCR-gesicherter SARS-CoV-2-Infektion in der Vorgeschichte mindestens 6-8 Monate vor COVID-19 geschützt sind. Bei ihnen reiche zunächst eine Impfdosis aus, so die STIKO. Ob und wann eine zweite Dosis nötig werde, lasse sich noch nicht sagen (JAMA 2021; online 15. April).

Liebe Leser, wir fassen die Corona-Studienlage nun wöchentlich zusammen. Eine Übersicht mit allen bereits veröffentlichten COVID-19-Splittern der vergangenen Wochen und Monate finden Sie hier:

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