„Schrittmacher sein“

Neues Institut an Uni Witten/Herdecke: Ein Schub für die Allgemeinmedizin

Neues Institut an der Universität Witten/Herdecke ist das erste mit zwei allgemeinmedizinischen Lehrstühlen in Deutschland. Dabei soll es aber nicht bleiben.

Von Ilse SchlingensiepenIlse Schlingensiepen Veröffentlicht:
Neu an der Universität Witten/Herdecke: das „Institut für Allgemeinmedizin und Ambulante Gesundheitsversorgung“ mit zwei allgemeinmedizinischen Lehrstühlen.

Neu an der Universität Witten/Herdecke: das „Institut für Allgemeinmedizin und Ambulante Gesundheitsversorgung“ mit zwei allgemeinmedizinischen Lehrstühlen.

© S. Ziese / blickwinkel / picture alliance

Witten. Vordringliche Aufgabe der Allgemeinmediziner an den medizinischen Fakultäten ist es nicht, für ihr Fach Werbung zu machen, findet Professor Klaus Weckbecker. „Wir müssen begeistern durch gute Lehre und dadurch, dass wir Vorbilder sind“, sagte er bei der Gründungsfeier des „Instituts für Allgemeinmedizin und Ambulante Gesundheitsversorgung“ der Universität Witten/Herdecke.

Genau das haben sich Weckbecker und sein Kollege Professor Achim Mortsiefer vorgenommen. Die beiden leiten das neue Institut, Weckbecker mit seinem Lehrstuhl „Allgemeinmedizin I und interprofessionelle Versorgung“ und Mortsiefer mit dem Lehrstuhl „Allgemeinmedizin II und Patientenorientierung in der Primärversorgung“.

„Faszination hausärztliche Praxis“

Ziel der Einrichtung ist es, die allgemeinmedizinische Wissenschaft mit der Praxis in der Primärversorgung zu verbinden. Für Weckbecker geht es darum, den Studierenden die „Faszination der hausärztlichen Praxis“ nahezubringen. Das Studium soll die Grundlage dafür legen, dass beim ärztlichen Nachwuchs später die drei entscheidenden „Puzzlesteine“ ineinandergreifen: das Wissen, die ärztliche Expertise und die Präferenzen des Patienten.

„Wir Hausärzte brauchen heute eine hohe Expertise, um das Wissen aufzuarbeiten und die Autonomie des Patienten zu beachten.“ Zur Ausbildung am Institut gehören unter anderem die Vermittlung ärztlicher Fertigkeiten, die Auswertung von wissenschaftlichen Studien und die Arbeit mit Wissensplattformen. Wichtig ist Weckbecker auch, dass die angehenden Ärztinnen und Ärzte früh das interprofessionelle Arbeiten lernen. „Wir Allgemeinmediziner sind Team-Player“, betonte er.

Sein Kollege Mortsiefer sieht die Allgemeinmedizin als „Schlüssel für eine patientenorientierte Medizin der Zukunft“. Sie kann damit auch die anderen medizinischen Fächer inspirieren, hofft er. Mortsiefer weiß, dass es eine Herausforderung für die Ärzteschaft ist, das eigene Selbstverständnis bei der Einbeziehung von Patientinnen und Patienten in die Entscheidungsfindung infrage zu stellen.

Bei der Risikobewertung könnten sich Ärzte nicht mehr ausschließlich auf die Vorgaben der Leitlinien verlassen, die mit Entscheidungen zwischen „ja“ und „nein“ arbeiten, erläuterte er. „Die Welt ist nicht so dichotom.“

„Der Schrittmacher sein“

Behandlungsstandards seien zwar notwendig, betonte Mortsiefer. „Aber damit ist die Praxis noch nicht bewältigt.“ Für die gemeinsame Entscheidungsfindung benötigen sowohl die Ärztinnen und Ärzte bessere Kompetenzen in der Risikokommunikation als auch die Patientinnen und Patienten.

„Ich bin mir sicher, dass wir durch dieses Institut neue Ideen bekommen“, sagte der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU). Die Allgemeinmedizin bekomme dadurch einen inhaltlichen Schub. „Die Uni Witten/Herdecke kann gegenüber staatlichen Universitäten ein bisschen der Schrittmacher sein“, sagte er.

Die Uni ist 1983 als Privatuni an den Start gegangen, inzwischen aber in gemeinnütziger Trägerschaft und erhält auch öffentliche Mittel. Laumann lobte die Universität dafür, dass sie früher als andere Unis einen Schwerpunkt auf die Allgemeinmedizin gelegt hat. „Man muss der Allgemeinmedizin einen höheren Stellenwert in der Ausbildung geben.“

Nur wenn die Studierenden das Fach kennenlernen, könnten sie sich dafür oder dagegen entscheiden.

Türöffner in die klinische Welt

„Die Allgemeinmedizin ist die Brücke zwischen der Theorie der Vorklinik und der Praxis in der Klinik“, sagte die Medizinstudierende Annika Schweda, eine der Vorsitzenden der Fachschaft Pflegewissenschaft und Humanmedizin. Die Allgemeinmedizin öffne den Studierenden die Tür in die klinische Welt. „Durch sie haben wir die ersten praktischen Erfahrungen“, berichtete Schweda.

„Wir setzen dort Impulse, wo wir denken, dass unsere Gesellschaft sie braucht“, sagte Uni-Präsident Professor Martin Butzlaff. Das Institut solle einen Beitrag dazu leisten, dass ein Teil der Studierenden sich später dort engagiert, wo er am meisten gebraucht wird: in der ländlichen Versorgung. „Wir versuchen, diesen Teil der medizinischen Versorgung mitten ins Studium hineinzuholen, damit die jungen Leute ihn nicht erst kennenlernen, wenn zehn, zwölf Jahre vergangen sind“, betonte der Internist.

Es gehe nicht nur darum, die Lehre attraktiv zu gestalten, so Butzlaff. „Wir wollen auch die Freude an der Forschung wecken, die wir im ambulanten Sektor ganz dringend brauchen.“ Das neue Institut ist das erste mit zwei allgemeinmedizinischen Lehrstühlen in Deutschland. Doch dabei soll es nicht bleiben, zwei weitere Professuren sind bereits ausgeschrieben.

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