Ein Buch nicht nur für Kinder

Chefarzt erklärt Kindern das Grundgesetz

Susanne und Matthias Strittmacher helfen Kindern, sich die Grundgesetzartikel 1 bis 13 zu erschließen. Ihr Buch ist eine Reaktion auf den Verlust des Wertekompasses in der Gesellschaft.

Von Dr. Michael Kuderna Veröffentlicht: 05.02.2020, 17:32 Uhr
Chefarzt erklärt Kindern das Grundgesetz

Autoren-Duo: Susanne und Matthias Strittmatter.

© Conte Verlag 2019

Saarbrücken. „Wenn Sie mir nicht gleich sagen, wie es meiner Mutter geht, bring ich Sie um“ – mit solchen Drohungen wird Professor Dr. Matthias Strittmatter immer häufiger konfrontiert. „Der Ton im Krankenhaus ist in den letzten zehn Jahren rauer geworden, manche Patienten überschreiten jede Form von Respekt“, berichtet der Neurologe.

Von dem Irrglauben, Kliniken und Arztpraxen seien geschützte Räume, musste sich der erfahrene Chefarzt im nordsaarländischen Merzig längst verabschieden. „Auch hier bildet sich Gesellschaft ab“ – und in der könne man überall Verrohung, verbale Entgleisungen und zunehmend gewalttätiges Vokabular beobachten.

Doch beim Beklagen dieser Entwicklung wollten es Strittmatter und seine in der Erwachsenenbildung tätige Frau Susanne nicht belassen. Auf der Suche nach einem funktionierenden Wertekompass wurden sie für sich schnell fündig: „Würden alle nach den Regeln leben, die im Grundgesetz stehen, hätten wir weniger Probleme“, ist Strittmatter überzeugt.

Warum die dort niedergeschriebenen Werte nicht an die Kinder weitertragen, fragten sich die beiden und verfielen auf die Idee, die wichtigsten Artikel kindgerecht aufzubereiten.

Buch für Grundschüler

Schnell war klar, dass es ein Buch für Grundschüler werden sollte – denn nur so könnte man alle Kinder erreichen. Also legte Strittmatter dem damaligen Bildungsminister Ulrich Commerçon eine Skizze vor. Ein knappes Jahr später konnte das Ehepaar in Saarbrücken in Anwesenheit von Commerçon und vier weiteren Landtagsabgeordneten das fertige Werk vorstellen. „Das Buch gehört in jede Schule“, lobte der Bildungsexperte das Ergebnis.

Was auf den ersten Blick so leicht aussieht, ist tatsächlich Frucht vieler Stunden des Nachdenkens, Diskutierens und Feilens. Wie beispielsweise kann man Kindern „Gleichheit vor dem Gesetz“ erklären?

Strittmatters setzen hier an einer Situation an, die wohl jedes Kind kennt, einem gemeinsamen Frühstück mit Käse, Honig, Marmelade und Wurst auf dem Tisch: „Es ist doch gerecht, wenn sich nun jeder sein Lieblingsessen aussuchen darf, oder? Es wäre jetzt nicht gerecht, wenn alle das Gleiche essen müssten. Dann kriegt ja nur einer sein Lieblingsessen. Also: Es sind nicht alle gleich. Aber alle am Tisch haben die gleichen Rechte: alle dürfen auswählen.“

Lernen, wie man Konflikte löst

Auf gut 100 Seiten werden so die für Kinder relevanten Sätze der ersten 13 Grundgesetzartikel altersgerecht erschlossen. Dabei helfen viele Illustrationen und auch der diskursive Ansatz von Leerseiten zum Selbstausfüllen. Eine Grundschullehrerin berichtet, sie habe das Buch bereits erfolgreich eingesetzt und sei begeistert, welche Beispiele die Kinder dann selbst einbringen.

Und ein etwas älteres Mädchen als die Zielgruppe findet das Buch dennoch so toll, dass sie mit Witz und Humor in Thunberg-Manier fordert: „Packt das Grundgesetz in den Unterricht, sonst gehen wir auf die Straße, zum Beispiel Donnerstagvormittag.“

Strittmatter ist über die gute Resonanz natürlich glücklich und hofft, dass das Buch langfristig einen Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung leisten kann: „Wir wollen, dass Kinder frühzeitig Werte lernen und zu vernünftigen Demokraten erzogen werden. Wenn sie lernen, die Würde des Menschen zu achten und respektvoll zu leben, dann lösen sie in 20 Jahren die Konflikte im Krankenhaus anders als ich es derzeit erlebe.“ (kud)

Buchinfos: Susanne und Matthias Strittmatter: Würde, Freiheit, Gleichheit. Unser Grundgesetz – Artikel 1 bis 13: kinderleicht und sonnenklar. Conte Verlag

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Claus F. Dieterle

Nicht nur die Regeln im Grundgesetz, sondern auch die Goldene Regel aus der Bibel kann als Wertekompass herangezogen werden. Sie lautet in Matthäus 7,12: "Behandelt die Menschen so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt...".


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