Vor der Bund-Länder-Schalte

Ärzte pochen auf Rückkehr zur Regelversorgung trotz Corona

Bund und Länder beraten an diesem Mittwoch über weitere Lockerungen der Corona-Beschränkungen. Ärztevertreter finden im Vorfeld klare Worte.

Von Anno Fricke und Thomas Hommel Veröffentlicht: 06.05.2020, 10:48 Uhr
Ärzte pochen auf Rückkehr zur Regelversorgung trotz Corona

Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer: Das Gesundheitssystem in Deutschland ist zum jetzigen Zeitpunkt weit von einer Überlastung durch die Corona-Epidemie entfern.

© Rolf Schulten

Berlin. Standesorganisationen der Ärzteschaft geben im Vorfeld der am Mittwoch stattfindenden Bund-Länder-Schalte zur Corona-Krise vorsichtige Entwarnung. „Das Gesundheitssystem in Deutschland ist zum jetzigen Zeitpunkt weit von einer Überlastung durch die Epidemie entfernt“, sagte der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Dr. Klaus Reinhardt, am Dienstag.

Vorsorge, Früherkennung und Verlaufskontrollen dürfen nicht länger ausgesetzt werden.

Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung

Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) wies daraufhin, „eine Überforderung der medizinischen Kapazitäten“ sei nicht zu befürchten. Eine größere Bedrohung als COVID-19 stellten andere Gesundheitsrisiken dar, wenn eine Rückkehr zur vertragsärztlichen Regelversorgung nicht zeitnah erfolge.

„Vorsorge, Früherkennung und Verlaufskontrollen dürfen nicht länger ausgesetzt werden“, betonte KBV-Chef Dr. Andreas Gassen. Zu behandeln seien 2,1 Millionen Patienten mit COPD, 2,5 Millionen mit Herzinsuffizienz, sieben Millionen mit Diabetes sowie 19 Millionen mit Hypertonie. Die Praxen täten alles, um eine getrennte Behandlung von COVID-19-Patienten zu organisieren.

Neue Entscheidungshilfe bei Ressourcenknappheit

Das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung (ZI) hat unterdessen die Reproduktionszahl (R) bei 0,67 angesetzt. Ein dauerhaft unter eins liegender R-Wert wurde von der Politik zuletzt als Voraussetzung für die Lockerung von Alltagsbeschränkungen genannt.

BÄK-Chef Reinhardt bereitet die Ärzte gleichwohl auf die Herausforderung einer zweiten Welle von Corona-Infektionen vor. Die Kammer hat daher eine „Orientierungshilfe zur Allokation medizinischer Ressourcen am Beispiel der SARS-CoV-2-Pandemie“ veröffentlicht. Sie soll Ärzte anleiten, wie sie bei Ressourcenknappheit entscheiden können, ohne dabei in Widerspruch zum berufsethischen Selbstverständnis zu geraten.

„Keine Ärztin, kein Arzt darf mit Priorisierungsentscheidungen bei Mangel an Ressourcen alleine gelassen werden. Für die individuelle Einschätzung von Indikation und Erfolgsaussicht ist eine Beratung im interdisziplinären und interprofessionellen Team wichtig und nach Möglichkeit durchzuführen,“ heißt es in dem Papier. Gleichzeitig gelte gemäß der „Deklaration von Genf“ des Weltärztebundes auch immer, dass Ärzte bei der Ausübung ihres Berufs alle gebotenen Maßnahmen ergreifen müssten, um sich selbst zu schützen, heißt es in der Orientierungshilfe.

Drei zentrale Kriterien für ärztliche Entscheidungen

Zentrale Kriterien für die Entscheidungen der Ärzte seien die Indikation, der Patientenwille und die klinischen Erfolgsaussichten. Letztere ergäben sich nicht aus dem Vorliegen einer bestimmten Erkrankung oder Behinderung, sondern aus dem Zusammenspiel von Faktoren wie Schweregrad der akuten Erkrankung, Komorbidität und allgemeiner Gesundheitszustand. Grundsätzlich handele es sich dann um einzelfallbezogene Entscheidungen nach dem Prinzip der Gerechtigkeit.

Es gelte immer die Gleichwertigkeit jedes Menschenlebens. Das Papier verweist auf die Grundsätze der Musterberufsordnung, die aktuellen Stellungnahmen von Fachgesellschaften wie DIVI, DEGAM und das leitlinienregister der AWMF.

Kinderärzte forderten derweil eine Teilöffnung von Kitas im Schichtbetrieb. „Mit einer Teilöffnung wäre für Kinder und ihr seelisches und gesundheitliches Wohlbefinden schon mal etwas gewonnen“, sagte der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Dr. Thomas Fischbach der „Ärzte Zeitung“. Es sei noch nicht abschließend geklärt, wie stark Kinder „in den Corona-Rhythmus eingebaut sind, und ob sie sich genauso wie Erwachsene infizieren und selber infektiös sind“.

Der Chef des Robert Koch-Instituts (RKI), Professor Lothar Wieler, sagte am Dienstag, Lockerungen der Corona-Beschränkungen könnten regional unterschiedlich ausfallen. Das RKI gebe der Politik aber keine Empfehlungen, wann und wie Auflagen gelockert werden sollten. Das RKI nenne lediglich Parameter, auf deren Basis die Politik Entscheidungen treffen könne.

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