Sorge um Versorgungslücke

Diabetologen wollen Patienten wieder regelmäßig sehen

Diabetologen fordern eine zügige Rückkehr zur Regelversorgung chronisch kranker Menschen – trotz Corona. Fielen Beratungen und Kontrollen länger aus, könne das zu schweren Komplikationen und Folgeerkrankungen führen.

Thomas HommelVon Thomas Hommel Veröffentlicht:
Ernährungs- und Diabetesschulungen wurden die vergangenen Monate größtenteils ausgesetzt.

Ernährungs- und Diabetesschulungen wurden die vergangenen Monate größtenteils ausgesetzt.

© senior images / mauritius images

Berlin. Die Diabetesversorgung in Deutschland ist trotz schrittweiser Lockerungen noch lange nicht auf das Niveau von vor der Coronavirus-Pandemie zurückgekehrt. Darauf haben Endokrinologen und Diabetologen bei einem Online-Seminar am Dienstag hingewiesen.

Die Pandemie habe zu einem „starken Rückgang“ bei den Patientenzahlen in Arztpraxen, Ambulanzen sowie Notambulanzen an Krankenhäusern geführt. „Mittlerweile laufen ambulante und stationäre Angebote zum Glück wieder an, aber wir schauen auf einige prekäre Monate zurück“, sagte der stellvertretende Ärztliche Direktor der Medizinischen Klinik IV am Universitätsklinikum Tübingen und Sprecher der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), Professor Baptist Gallwitz.

Angebot zuletzt stark reduziert

Mit Beginn des Lockdowns Mitte März habe sich die Versorgung von Diabetespatienten „plötzlich und einschneidend reduziert“, betonte Gallwitz. Arztpraxen hätten Patientenzahlen und Besuchskontakte verringert, Krankenhäuser ihre Kapazitäten auf die Versorgung von COVID-19-Patienten „konzentriert“. Auch Diabetesschulungen seien mit Verweis auf den Infektionsschutz größtenteils ausgesetzt worden. Etwa 30 Prozent aller Diabetesberaterinnen hätten die Arbeitszeit reduziert. 14 Prozent seien in Kurzarbeit gegangen, zwei Prozent hätten ihre Jobs verloren. „Das ist sehr, sehr viel“, sagte Gallwitz.

Wir müssen zu den normalen Vorsorge-Rhythmen zurück.

Professor Baptist Gallwitz, Ärztlicher Direktor der Medizinischen Klinik IV am Uniklinikum Tübingen und Mediensprecher der DDG

„Der Kontakt war ausgedünnt, ist aber nie abgerissen“, fasste der Ärztliche Direktor an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Tübingen, Professor Andreas Neu, die Versorgungssituation von an Diabetes Typ 1 erkrankten Kindern und Jugendlichen während des Lockdowns zusammen. Die meist an Kinderkliniken angesiedelten pädiatrisch-diabetologischen Ambulanzen hätten vermehrt Telefon- und Videosprechstunden angeboten, um die bundesweit rund 32 500 Kinder und Jugendlichen mit einem Typ-1-Diabetes auch in der Krise eng zu betreuen.

Dabei habe man auch davon profitiert, dass sich die Versorgung junger Diabetiker in den vergangenen 20 Jahren „deutlich verändert“ habe, sagte Neu, der auch Vizepräsident der DDG ist. So liege die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die mit einer Insulinpumpe behandelt würden, inzwischen bei über 50 Prozent. Auch die Zahl der Heranwachsenden, die mit einer kontinuierlichen Glukose-Messung versorgt würden, sei seit 2015 erheblich angestiegen. „Heute nutzt gut die Hälfte eine solche Technologie.“

Aktuell entschärfe sich die Versorgungssituation von Diabetikern, wenn auch „langsam“, betonte DDG-Sprecher Gallwitz. Dennoch mieden einige Patienten noch immer wichtige Kontroll- und Vorsorgeuntersuchungen beim Arzt aus Angst vor Ansteckung mit dem Coronavirus. „Dieser Befund ist sehr besorgniserregend“, stellte der Mediziner fest.

Hygienekonzepte „gut“ umgesetzt

Es gelte daher, „möglichst zügig“ zur Regelversorgung zurückzukehren, so Gallwitz. Das sei auch möglich. Sowohl in Arztpraxen als auch in Krankenhäusern würden Hygienekonzepte mittlerweile „gut“ umgesetzt. „Wir müssen zu den normalen Vorsorge-Rhythmen etwa mit einem quartalsmäßigen HbA1c-Check zurück.“ Würden Kontroll- und Vorsorgeuntersuchungen hingegen nicht regelhaft wahrgenommen, könnten Infektionserkrankungen wie COVID-19 zu einem Anstieg an akuten und chronischen Komplikationen führen.

Für die Hypothese, nach der eine COVID-19-Infektion zu einem erhöhten Diabetesrisiko führe, gebe es bislang kein „tatsächliches Signal“, sagte Gallwitz. „Aber die Frage ist wichtig.“

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