COVID-19-Versorgung

Intensivstationen: Das Personal ist der Flaschenhals

Die Betreuung von COVID-19-Patienten ist extrem personalintensiv, die Pflegefachkräfte nicht beliebig ersetzbar. Noch gibt es Stellschrauben, um das starke Wachstum der Patientenzahlen zu verlangsamen.

Von Florian StaeckFlorian Staeck Veröffentlicht:
Pflegekräfte versorgen einen Patienten auf der Intensivstation im Operativen Zentrum II des Universitätsklinikums Essen.

Pflegekräfte versorgen einen Patienten auf der Intensivstation im Operativen Zentrum II des Universitätsklinikums Essen.

© Fabian Strauch/dpa

Berlin. Die pflegerische Versorgung wird der zentrale Engpassfaktor bei der Versorgung von COVID-19-Patienten auf Intensivstationen sein. Am Freitagmittag wurden bundesweit 1839 infizierte Patienten auf Intensivpatienten behandelt, 143 mehr als am Tag zuvor. Die Hälfte von ihnen musste invasiv beatmet werden.

Ende der Woche werden es vermutlich 2000 sein, Ende kommender Woche könnten es, wenn der bisherige Trend anhält, 3000 sein. Damit würde der Höchststand vom April 2020 – damals waren es 2800 Patienten – überschritten sein.

Bei einer Online-Konferenz des Science Media Center schilderten Intensivmediziner am Freitagmittag den hohen Aufwand in der Versorgung dieser Patienten. Diese binde „extrem viele Ressourcen“, sagte Dr. Matthias Kochanek, Leiter der internistischen Intensivstation am Universitätsklinikum Köln. Nötig sei fast eine 1 zu 1-Betreuung.

Schutzmaßnahmen kosten viel Zeit auf der Intensivstation

Die Hygienemaßnahmen seien extrem aufwändig, für das An- und Ausziehen der Schutzkleidung müsse man jedes Mal drei bis fünf Minuten einkalkulieren, so Kochanek. Wenn ein Diffusor piepst, könne man nicht mal eben zum Patientenbett springen, sagte Professor Uta Merle, kommissarische ärztliche Direktorin der Klinik für Gastroenterologie, Infektionen und Vergiftungen am Universitätsklinikum Heidelberg.

„All das, was man gewöhnt ist, geht in diesem Fall nicht“, so Merle. Das generiere Stress, wenn etwa ein Monitoringgerät Alarm schlägt. Und das passiert oft. Für eine Studie, berichtet Kochanek, habe man die Zahl der Alarmmeldungen pro 24 Stunden und Intensivpatient zusammengezählt: es waren 120.

Entsprechend müsse an vielen Stellschrauben angesetzt werden, um nicht noch weitere Pflegekräfte zu verlieren, die beispielsweise „in der Betreuung ihrer Kinder zu Hause verschwinden“, so Kochanek. Intensivpflegekräfte seien so hochspezifisch ausgebildet, dass ihre Arbeit allenfalls teilweise auf andere Pfleger verteilt werden könnten, hieß es.

Arbeit der Intensivpflegekräfte ist hoch spezialisiert

In der ersten Phase der Pandemie seien etwa viele Study Nurses für die Arbeit auf den COVID-19-Stationen rekrutiert worden. Doch die bisherige Erfahrung zeige, dass Pflegekräfte aus anderen Stationen höchstens 30 bis 40 Prozent der Tätigkeiten von Intensivpflegekräften übernehmen könnten, berichtete Kochanek. Die übrigen Tätigkeiten seien einfach „viel zu spezialisiert“.

Aktuell gebe es „erstaunlich wenige Infektionen“ bei Ärzten und Pflegekräften in den Kliniken, berichteten Merle und Kochanek übereinstimmend. Die Schutzmaßnahmen seien „gut und sicher“, so der Leiter der internistischen Intensivstation am Universitätsklinikum Köln: „An dem Punkt mache ich mir aktuell wenig Sorgen, das war zu Beginn der Pandemie anders.“

Es gebe für die Beschäftigten ein freiwilliges engmaschiges Monitoring – dazu gehöre die Möglichkeit, täglich einen Abstrich vorzunehmen. Auch eingelieferte Patienten erhielten standardmäßig einen Abstrich.

Alter ist entscheidender Faktor für den Erkrankungsverlauf

Wenig Optimismus verbreiten konnten die Ärzte hinsichtlich der Erkrankungsschwere der COVID-19-Patienten. Die Intensivpatienten seien „so schwer erkrankt wie im Frühjahr“, stellte Merle klar. Dabei seien die Komorbiditäten des jeweiligen Patienten entscheidend für den Verlauf der Erkrankung, so Kochanek.

Professor Gérard Krause, Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig, ergänzte, die Komorbidität erhöhe das Risiko für einen schweren Verlauf um den Faktor 2 bis 3. Um bis zu Faktor 30 dagegen steige das Risiko in Abhängigkeit vom Alter der Patienten, so Krause. Das gelte vor allem für die Hochbetagten.

„Wir haben noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um diese Bevölkerungsgruppe zu schützen“, sagte er. Er mahnte, nicht in Fatalismus zu verfallen: „Es gibt noch etliche Stellschrauben und Einflussmöglichkeiten.“

Risikogruppen sollten bei Testung „VIP-Status“ haben

Das gelte zum Beispiel für die Gesundheitsämter, die sich auf die Nachverfolgung der Menschen konzentrieren sollten, die zu den Risikogruppen zählen, forderte er. Dies betreffe aber auch die Teststrategie. Hier müssten Angehörige der Risikogruppen einen „VIP-Status“ erhalten, damit sie möglichst schnell ihr Testergebnis erhalten, mahnte Krause.

Es gehe darum, die Zahl der Patienten, die intensivpflichtig werden, so stark wie möglich zu bremsen. Dazu gehöre auch die ambulante häusliche Frühbetreuung von exponierten Patienten mit hohem Erkrankungsrisiko.

Anders als noch im Frühjahr sei das großflächige Verschieben elektiver Eingriffe keine Option mehr. „Wir schieben eine Welle vor uns her“, sagte Merle auch mit Blick auf die Folgen verschobener Operationen, die in den vergangenen Monaten deutlich geworden sind.

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