DAK-Versorgungsdaten

Risiko Lockdown – Warten bis zum Blinddarm-Durchbruch?

Wurde wegen Infektionsangst zum Teil zu lange mit dem Arztbesuch gewartet? Quasi bis zum Blinddarmdurchbruch? Die DAK-Gesundheit hat Versorgungsdaten von Kindern aus dem ersten Corona-Lockdown 2020 analysiert, die teilweise fatale gesundheitlichen Folgen aufzeigen.

Von Anno FrickeAnno Fricke Veröffentlicht:
Wartebereich Kinderklinik: Aus Angst vor Ansteckung mieden laut DAK viele Eltern im ersten Corona-Lockdown den Besuch beim Kinderarzt.

Aus Angst vor Ansteckung mieden laut DAK viele Eltern im ersten Corona-Lockdown den Besuch beim Kinderarzt – mit teilweise fatalen gesundheitlichen Folgen.

© Florian Peljak/picture alliance/SZ Photo

Berlin. Die Corona-Pandemie wirkt sich auf die Versorgung von Kindern und Jugendlichen aus. Im ersten Halbjahr 2020 mussten die Kinderstationen vermehrt schwere Verläufe von Krankheiten behandeln.

Aus Angst vor Ansteckung hätten Eltern und Sorgeberechtigte Untersuchungen bei Ärzten oft nicht oder spät veranlasst, hat eine Untersuchung der Universität Bielefeld im Auftrag der DAK ergeben. Mediziner erwarten nun einen Anstieg von schweren Verläufen bei chronischen Erkrankungen von Kindern, zum Beispiel auch bei Diabetes.

Gleichzeitig ging wegen der Kontaktbeschränkungen im Untersuchungszeitraum die Zahl behandelter Infektionskrankheiten auch unter Kindern und Jugendlichen stark zurück.

Knapp jede zweite OP entfallen

Die Sonderanalyse der Versichertendaten zeigt, dass während des ersten Lockdowns im März und April 2020 im Vergleich zu den Vorjahresmonaten bundesweit nahezu jede zweite Operation (45 Prozent) bei Kindern und Jugendlichen weggefallen ist. Auch bei psychischen Erkrankungen machte sich eine Corona-Delle bemerkbar.

Im ersten Halbjahr 2020 kam es den DAK-Daten zufolge im Vergleich zum Vorjahr bundesweit zu zwölf Prozent weniger Behandlungen von psychischen Erkrankungen von Minderjährigen, März und April für sich betrachtet waren es 35 Prozent. Acht Wochen nach Ende des Lockdowns normalisierte sich laut DAK-Daten die Versorgungssituation wieder.

Regionale Unterschiede

In den Regionen weichen die Ergebnisse zum Teil deutlich vom Bundesschnitt ab. Am Montag hat die DAK zusätzliche Sonderauswertungen der Untersuchung für Hessen, Baden-Württemberg, Bayern, NRW und Schleswig-Holstein veröffentlicht:

  • Hessen: Dort gingen die behandelten psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen im ersten Halbjahr 2020 mit 19 Prozent deutlich stärker zurück als im Bundesschnitt. Der Lockdown im März und April sorgte zudem für einen Einbruch bei Krankenhausbehandlungen und Operationen. Im Vergleich zum Vorjahr fiel bei einem Rückgang um 39 Prozent mehr als jede dritte Operation bei Kindern aus. Auf das ganze erste Halbjahr 2020 gerechnet verzeichneten die Krankenhäuser in Hessen bei Kindern und Jugendlichen 46 Prozent weniger Infektionskrankheiten und 26 Prozent weniger Atemwegserkrankungen. Auffällig war mit 58 Prozent auch der Rückgang an virusbedingten Darmkrankheiten.
  • Baden-Württemberg: Im „Ländle“ fielen im ersten Halbjahr 2020 im Vergleich noch mehr Operationen aus als in Hessen. Allein im März und April gab es bei Kindern und Jugendlichen 46 Prozent weniger Operationen als in den Vergleichsmonaten 2019. Weil Eltern ihre Kinder trotz Beschwerden erst verspätet bei Ärzten vorgestellt hätten, seien Krankheiten „erst verzögert diagnostiziert und in komplizierten Stadien behandelt worden“, berichtete der Vorstandschef des Klinikums Stuttgart, Professor Jan Steffen Jürgensen. In der Kindernotaufnahme seien deutlich mehr Blinddarmentzündungen, die bereits zu Durchbrüchen geführt hatten, registriert worden. Die Zahl der neu diagnostizierten Leukämien sei zunächst vermeintlich zurückgegangen, später aber als „Häufung fortgeschrittener Verläufe“ erkannt worden.
  • Bayern: Auch in Bayern hat sich die Zahl der Operationen bei Kindern und Jugendlichen im ersten Lockdown mit 49 Prozent fast halbiert. Insgesamt verzeichneten die Kliniken im Freistaat auffällig weniger Behandlungen von Kinder und Jugendlichen wegen Darminfektionen, Bronchitis und Alkoholmissbrauch. Klinikaufenthalte von Kindern und Jugendlichen wegen Belastungs- und Anpassungsstörungen nahmen gegenüber dem Vergleichszeitraum 2019 um 44 Prozent zu, wegen Depressionen um sechs Prozent. Die Belastungen durch die Pandemie wirkten sich negativ auf Kinder und Jugendliche aus, sagte dazu eine Sprecherin der DAK in Bayern.
  • Nordrhein-Westfalen: Im bevölkerungsstärksten Bundesland gingen die Operationen während des ersten Lockdowns um 43 Prozent zurück. Als besonders auffällig haben die Analysten den Rückgang an Klinikaufenthalten bei Diabetes 1 notiert. Als „sehr auffällig und beunruhigend“ ordnete der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) Dr. Thomas Fischbach den „dramatischen Rückgang“ bei der stationären Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Anpassungs- und Belastungsstörungen in Nordrhein-Westfalen ein. An dieser Stelle ging die Hospitalisierungsrate den DAK-Angaben zufolge um 40 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum zurück. Fischbach warnt, dass die psycho-sozialen Pandemiefolgen für Kinder und Jugendliche mit dem zweiten Lockdown noch „wesentlich gravierender“ ausfallen könnten als im vergangenen Jahr.
  • Schleswig-Holstein: Im Norden sank die Zahl der Operationen bei Kindern und Jugendlichen gegenüber dem Vergleichszeitraum um 42 Prozent. Bei den Einzeldiagnosen fiel der Rückgang von 53 Prozent bei Alkoholmissbrauch Jugendlicher besonders auf.
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